Kommentar zur Zukunft des Diesel

Nichts verstanden

Der deutsche Diesel stinkt nicht nur den Deutschen: Die Nachfrage geht bereits zurück. (Archivfoto)

Der deutsche Diesel stinkt nicht nur den Deutschen: Die Nachfrage geht bereits zurück. (Archivfoto)

Berlin. Der Kartellverdacht gegen die fünf deutschen Autokonzerne bringt das Fass zum Überlaufen. In der allgemeinen Krise sind bisher schon zu viele Fehler gemacht worden, kommentiert GA-Korrespondentin Brigit Marschall.

Das Bekanntwerden der Selbstanzeigen der Autokonzerne Daimler und Volkswagen bei deutschen und europäischen Kartellwächtern war eine schlechte Nachricht zu viel. Hatten die Konzerne die Folgen der Abgasaffäre, die an sich schon schlimm genug ist, erstaunlich gut verkraftet, so bringt der Kartellverdacht das Fass zum Überlaufen. Sollte die kartellrechtliche Prüfung ergeben, dass die fünf deutschen Konzerne tatsächlich kartellrechtswidrig in geheimen Absprachen vereinbart haben, die EU-Regeln für den Gesundheitsschutz der Bürger zu umgehen und die Abgaswerte von Dieselautos zu manipulieren, dann ist das eine Katastrophe nicht nur für die deutsche Autoindustrie. Dann wäre der Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt nachhaltig beschädigt. Das gute Image von „Made in Germany“ würde hässliche Kratzer bekommen.

Man ahnt, dass diese Entwicklung durch hektisch vereinbarte kosmetische Aktionen, die auf einem Autogipfel kommende Woche beschlossen werden sollen, nicht aufzuhalten sein wird. Dazu sind in der Krise schon zu viele Fehler gemacht worden. Salamitaktik in der Krisenkommunikation hat sich noch nie bewährt. In der Abgasaffäre wurde immer nur das zugegeben, was Journalisten vorher ans Licht gebracht haben. Umfassende Transparenz, vollständige Aufklärung und eine zufriedenstellende Entschädigung aller geschädigten Kunden wäre von Anfang an das richtige Rezept gewesen, doch diese Chance haben die Automanager vertan.

Nun suchen sie Hilfe bei der Politik. Ausgerechnet Verkehrsminister Dobrindt von der CSU, dessen viel zu passiver Kurs zur Vertiefung der Krise beigetragen hat, soll zwei Monate vor der Bundestagswahl Lösungen präsentieren. Schon ist absehbar, dass diese nicht ausreichen werden. Das Echo auf den Autogipfel kommende Woche wird entsprechend verheerend sein. Dobrindt will die Autohersteller lediglich zu billigen Software-Updates bei Dieselautos zwingen. Das wird nicht ausreichen, um die schädlichen Emissionen in Städten genügend zu senken. Die Regierung muss die Hersteller stattdessen dazu bringen, die Hardware der Dieselmotoren umzurüsten. Das ist technisch möglich, ist für die Konzerne aber zehn Mal so teuer. Dank weiterhin stattlicher Gewinne können sie diese Kosten aber tragen.

Dobrindt und die CSU wollen überdies allen Ernstes neue steuerliche Kaufanreize für Euro 6D-Diesel einführen, die ohnehin bereits durch das geltende Steuerprivileg für Dieselkraftstoff subventioniert werden. Nun weitere Subventionen für eine Technologie zu verlangen, die in Verruf geraten ist, zeugt nicht nur von Verzweiflung. Es zeigt auch, dass zumindest in der CSU die Dimension dieser Krise nicht verstanden worden ist. Das Diesel-Zeitalter geht schneller zu Ende, als viele wahrhaben wollen. Beschleunigt hat die Industrie diese Entwicklung durch ihr Fehlverhalten selbst.