Kommentar zum Lehrermangel in Deutschland

Nachsitzen!

Das Land braucht gute Lehrer für guten Unterricht und gute Perspektiven.

Das Land braucht gute Lehrer für guten Unterricht und gute Perspektiven.

BERLIN. In den Schulen muss mehr repariert werden als undichte Dächer, stinkende Toiletten und bröckelnder Putz. Der Bildungsrepublik Deutschland fehlen Lehrkräfte. Pädagogische Quereinsteiger könnten ein teil der Lösung sein.

Also hinein ins neue Schuljahr. In sechs Bundesländern wird schon wieder unterrichtet, möglichst verständlich gelehrt und hoffentlich auch gelernt. In Nordrhein-Westfalen beginnt in gut zwei Wochen ein neues Jahr des Erkenntnisgewinns. Non scholae sed vitae dis-cimus – nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir. Meist wird daraus heute ohnehin ein lebenslanges Lernen. Was es dazu braucht? Vor allem Lehrer – und just dazu beklagen Schulleiter, Eltern und Lehrplan-Beauftragte zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen, zwischen Cottbus und Aachen seit Jahren einen erheblichen Mangel.

Der Bildungsrepublik Deutschland, viertgrößte Volkswirtschaft der Erde, Land ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen (wenn man das Wissen in den Köpfen ausnimmt) fehlen tatsächlich die Lehrer, die Grundausbilder, die Wissensvermittler, die Lebensgrundlagenerzieher. Das ist bemerkenswert, weil Deutschland im internationalen Bildungsvergleich in mehreren Disziplinen nur Mittelfeld ist. Wir könnten es besser, es bräuchte dazu aber mehr Lehrer, kleinere Klassen.

Im Land des Bildungsföderalismus ist Schule zunächst immer noch Ländersache, auch wenn der Bund künftig alle – und nicht nur finanzschwache – Kommunen mit Geld für Schulsanierungen, Computer oder mehr Ganztagsbetreuung unterstützen dürfen will. So steht es als Absicht im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD. Doch in den Schulen muss mehr repariert werden als undichte Dächer, stinkende Toiletten und bröckelnder Putz. In vielen Städten leidet der Unterricht, weil Lehrer fehlen, unabhängig davon, ob sich Eltern jetzt die Ganztagsschule für ihre Kinder wünschen oder mittags lieber Zuhause gegessen werden soll.

Die Folgen des Lehrermangels bekommen Schüler und Eltern seit Jahren zu spüren: Unterricht fällt aus, Klassen sind zu groß, Kinder können nicht ausreichend gefördert werden – bei bundesweit steigenden Schülerzahlen. Auch in großen Ländern wie Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen ist Vollversorgung mit Unterricht längst nicht mehr gesichert.

Ein Teil der Lösung sind pädagogische Quereinsteiger mit Lust am Bildungsbetrieb, die bereits in einigen Bundesländern gesucht und gerne eingestellt werden. Es gilt ja kein Naturgesetz, dass ein Lehrer zwingend verbeamtet sein muss. Mitunter unterrichten Quereinsteiger lebensnaher, weil sie Erfahrung aus anderen Berufen mit ins Klassen- und Lehrerzimmer bringen. Berlin, weiterhin arm, aber erfinderisch, macht daraus eine Tugend und stellt unter dem Motto „Unterrichten statt Kellnern“ sogar Studenten befristet als Lehrer ein.

Der Sommer ist lang, heiß, ausdauernd. Das neue Schuljahr könnte ebenfalls lang, heiß und anstrengend werden. Das Land braucht gute Lehrer für guten Unterricht und gute Perspektiven. Deutschland, nachsitzen!