Talk in Bonn

Lindner und Thelen diskutierten über Digitalisierung

Digitalisierungs-Experten (v.l.): Frank Thelen, Gabor Steingart, Christian Lindner.

Digitalisierungs-Experten (v.l.): Frank Thelen, Gabor Steingart, Christian Lindner.

Bonn. FDP-Chef Christian Lindner und Investor Frank Thelen diskutierten in Bonn über die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Für die beiden ist die Digitalisierung vor allem: eine Notwendigkeit – und eine Chance.

Die Digitalisierung ist da und sie schreitet voran, ob wir das wollen oder nicht. Sie verändert alles, sie soll die Welt besser machen. Doch sie macht auch vielen Menschen Angst. Was wird aus meinem Job? Was wird aus meinen Daten? Und kann Deutschland sie mitgestalten – oder überlassen wir das den anderen?

Für FDP-Chef Christian Lindner und den Bonner Start-Up-Investor Frank Thelen ist die Digitalisierung vor allem: eine Notwendigkeit – und eine Chance. Nur leider drohten wir den Anschluss zu verlieren. Die beiden waren am Montagabend in Bonn Gäste auf der Bühne der Bapp, um über das Großthema Digitalisierung zu diskutieren. Lindner, Thelen und der Moderator, Publizist und Ex-„Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart waren sich einig: Deutschland macht zu wenig – und zu viel falsch.

Lindner, der formulierungssicher „die Digitalisierung in Dur“ statt in Moll erklingen lassen will, sieht sie als „Zivilisationschance“. Um sie zu gestalten und darin zu bestehen, seien fünf Punkte wichtig: Zum einen brauche es „die richtigen Regeln und Gesetze“, um die soziale Marktwirtschaft zu erhalten und Sozialdumping zu vermeiden. Ein für einen Liberalen durchaus überraschender Ruf nach einem starken Staat. Zweitens: Qualifikation. Die Bildungseinrichtungen sollten sich für Absolventen öffnen, die als Rückkehrer neue Qualifikationen erwerben wollen. Warum solle nicht auch ein 55-Jähriger Bafög erhalten? Zudem brauche es Verbesserungen bei der digitalen Infrastruktur („Deutschland ist bei der Glasfaserversorgung näher an Nord- als an Südkorea“) sowie mehr Kapital für Firmen auch in dreistelliger Millionenhöhe.

Und schließlich müsse der Staat selbst digitaler werden – bei gesetzlichen Regelwerken wie der umstrittenen Datenschutzgrundverordnung und auch in der Verwaltung. Thelen beklagte, dass es in Deutschland zu wenig große Digitalkonzerne gebe. „Wir sind ein großartiges Land, aber wir haben seit SAP kein relevantes Innovationsunternehmen mehr aufgebaut“, sagte der Investor. Deutschland sei zu abhängig von US-Giganten wie Google, Facebook oder Apple. „Wir müssen dringend aufholen“.

Dazu gab es Widerspruch aus dem Publikum. Der Bonner Ökonom und Unternehmensberater Hermann Simon etwa verwies auf die Tausenden Weltmarktführer, die „Hidden Champions“, die mehr Menschen beschäftigten als alle Dax-Konzerne zusammen. Viele seien in der Digitalisierung führend, die deutsche Wirtschaft halte allein fast die Hälfte aller Patente für autonomes Fahren. Auch Lindner betonte diese „Riesenchance“. Zwar hätten wir die ersten beiden Phasen der Digitalisierung (Hardware und Konsumenten-Geschäft) verloren. Doch mit industriellem Internet, autonomem Fahren und digitaler Produktion könne Deutschland noch Weltspitze werden und bleiben.

Was aber wird aus den Arbeitsplätzen, wenn in 20 Jahren vieles von Computern erledigt wird? „Es werden Jobs wegfallen, von denen wir es noch gar nicht ahnen“, sagte Thelen. Selbst hoch qualifizierte Berufe wie ein Radiologe oder ein Jurist, der als Sachbearbeiter wiederkehrende Vorgänge erledigt, seien durch künstliche Intelligenz gefährdet. Sinnvoll sei es deshalb unter anderem, die Umbrüche mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu begleiten.

Lindner wiederum zeigte sich auch bei den Jobs optimistisch. „Uns wird die Arbeit nicht ausgehen“, sagte er. In der Pflege und bei haushaltsnahen Dienstleistungen etwa würden immer Menschen gebraucht. Zudem schaffe die Digitalisierung selbst wieder neue Jobs. Der Schlüssel sei eben lebenslange Qualifizierung. In bestem liberalen Sound fügte Lindner an: „Du musst keine Angst haben. Wenn Du Dich bemühst.“