Interview zum Lehrermangel

Helmut Holter: "Lehrer mehr wertschätzen"

Präsident der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter.

Präsident der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter.

Bonn. "Wenn ich gute Schulen will, muss sich das auch im Gehalt der Lehrer widerspiegeln", sagt Helmut Holter. Der Kultusministerkonferenz-Chef im Interview über Probleme an den Schulen, Digitalisierung und Integration.

Der Thüringer Bildungsminister ist in diesem Jahr Vorsitzender der Kultusministerkonferenz. Mit ihm sprachen Helge Matthiesen und Nils Rüdel.

Der Bonner Mathematiker Peter Scholze hat vergangene Woche die höchste internationale Auszeichnung seines Fachs erhalten. Er ist erst 30, ein Ausnahmetalent. Was denken Sie als Bildungspolitiker darüber?

Holter: Ich habe mich über diese Auszeichnung sehr gefreut, weil sie junge Leute motiviert, Spitzenleistungen zu zeigen. Und dass man bereits von der Schule an um diese Leistungen ringen muss.

Muss man Talente noch stärker fördern?

Holter: Auf jeden Fall. Auf der einen Seite geht es um Kompetenzentwicklung, jedes Kind soll den besten Schulabschuss erreichen. Auf der anderen Seite brauchen wir diese Spitzenleistungen. Die Begabtenförderung würde ich immer unterstützen. In Thüringen haben wir ganz bewusst Spezialgymnasien. Man muss die Breite besser machen, um Spitzenleistungen zu erreichen.

Was sind die dringendsten Probleme an den Schulen?

Holter: Wir haben gleich mehrere Herausforderungen. Das eine ist die Sicherung des Unterrichts, was sich an dem Begriff Lehrermangel festmacht. Wir haben das Thema Inklusion. Da gehen jetzt viele einen doppelten Weg: Sie unterrichten inklusiv, aber erhalten auch die Förderschulen. Wir sind in der Gesellschaft noch nicht so weit, dass die Inklusion wirklich überall gelebt wird. Dann haben wir die Herausforderung der Integration, der Beschulung von Kindern mit Migrationshintergrund. Wir haben das Problem der Verrohung der Sprache und der sinkenden Hemmschwelle für Gewalt. Und dann beschäftigt uns die Digitalisierung.

Die Bundesregierung hat gerade den Digitalpakt Schule beschlossen. Milliardenhilfen sollen dadurch künftig an die Schulen fließen. Freuen Sie sich darüber, oder fürchten die Länder um ihre Bildungshoheit?

Holter: Bildungspolitik wird jetzt öffentlich stark diskutiert und der Bund engagiert sich stärker in Bildungsfragen. Das ist gut so. Das Geld, das vom Bund in die Länder fließen soll, ist wichtig. Jetzt muss im Einzelnen über Länder- und Schulkonzepte bestimmt werden, wie damit die Digitalisierung vorangetrieben werden kann. Die Länder sind mit ihrer Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ gut auf diesen Prozess vorbereitet.

Dafür muss erst noch das Grundgesetz geändert werden. Bislang erschwert das Kooperationsverbot, dass der Bund Ländern und Kommunen aushilft.

Holter: Ich bin der Überzeugung, das Kooperationsverbot muss fallen. Es wird jetzt mit dem Nationalen Bildungsrat und dem Digitalpakt gelockert. Aber ich bin gespannt, ob die Grundgesetzänderung im Herbst durchgeht. Es gibt noch Skepsis, da gleich mehrere Artikel geändert werden sollen, nicht nur zur Bildung. Die Bundesregierung braucht eine Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat und deshalb Stimmen aus anderen Parteien. Ich bin besorgt, dass die Grundgesetzänderung auf dem Verhandlungstisch hinausgezögert wird.

Wirken Sie in Ihre Partei, die Linke, hinein, dass sie mitmacht?

Holter: Ich werbe in meiner Partei dafür, dass man die Änderungen beim Thema Bildung ausdrücklich unterstützt.

Kann die künftige Bund-Länder-Kooperation auch ein Einstieg sein in die Vereinheitlichung der unterschiedlichen Schulsysteme und Abschlüsse?

Holter: Die Kunst besteht darin, das föderale Bildungssystem aufrecht zu erhalten und in diesem System zu einer Vergleichbarkeit der Abschlüsse zu kommen. Die Kultusministerkonferenz hat Bildungsstandards erarbeitet, es gibt den Aufgabenpool fürs Abitur, aus dem sich die Länder für die Prüfungen bedienen. Wir brauchen Vergleichbarkeit, um der Flexibilität der Absolventen gerecht werden zu können.

Eine dringende, unmittelbare Herausforderung ist die Integration. Wie steht es damit in den Schulen?

Holter: Integration ist ein Geben und Nehmen. Die hier lebende Bevölkerung muss bereit sein, neu zu uns kommende Menschen Teil der Gesellschaft werden zu lassen. Aber diese müssen wiederum auch bereit sein, in unsere Gesellschaft einzutauchen und unsere Regeln des Zusammenlebens anzunehmen. Sprache ist dabei unwahrscheinlich wichtig. Und deshalb ist es wichtig, dass wir Deutsch als Zweitsprache weiter anbieten.

Aber viele Schulen schaffen das personell gar nicht.

Holter:Zum einen haben wir in der Tat Probleme bei der Bereitstellung von Lehrern. Zum anderen stellen wir fest, dass die Lehrer auf diese Situation nicht immer im notwendigen Maße vorbereitet sind. Deshalb müssen wir sie unterstützen, mit Schulsozialarbeitern, Assistenten, Integrationshelfern. Wenn Deutsch nicht mehr die dominierende Sprache in einer Klasse ist, wird es schwierig.

Das Integrationsthema wird ja auch bei Schulen abgeladen, weil die Kinder dort am leichtesten zu erreichen sind. Sind die Schulen damit überfordert?

Holter:Ich würde sagen, sie sind sehr stark gefordert. Das Engagement der Schulen kann man nicht hoch genug einschätzen, aber das Entscheidende ist, dass sich Lehrerinnen und Lehrer nicht alleine gelassen fühlen. Lehrer müssen mehr wertgeschätzt werden in der Gesellschaft. Der Lehrerberuf hat in der Vergangenheit an Ansehen verloren, das muss sich wieder ändern.

Das zeigt sich auch im verbreiteten Lehrermangel. Warum ist das so schwierig?

Holter: Vor 20 Jahren wurde gesagt: Lehrer werden? Vergiss es, du bekommst keinen Job. Heute wird gesagt: auch nicht so prickelnd, weil nur Stress und riesige Herausforderungen. Trotzdem gibt es viele junge Menschen, die Lehramt studieren, aber eben Gymnasiallehramt. Wir haben aber zu wenig Bewerber für Grundschulen, Realschulen und im berufsbildenden Schulbereich. Wir müssen insgesamt das Image wieder heben und damit auch den Bildungsweg der dualen beruflichen Ausbildung.

Der Lehrermangel hat auch mit der Bezahlung zu tun. Warum bekommen Grund- und Realschullehrer weniger als die Kollegen am Gymnasium?

Holter: Für mich gibt es keinen Unterschied. Ob man Kinder zwischen sechs und zehn unterrichtet oder zwischen 16 und 18, beides ist eine große Verantwortung. Ich sage nicht, welche Verantwortung größer ist. Als Thüringer Minister sage ich: gleiche Entlohnung für alle. Da sind wir allerdings noch nicht. Hier braucht es weitere Schritte in diese Richtung. Denn wenn ich gute Schulen will, muss sich das auch im Gehalt der Lehrer widerspiegeln.

Viele Schulen behelfen sich mit Seiteneinsteigern. Ist das ein Weg?

Holter: Die Länder ziehen alle Register, um die Stellen in den Schulen zu besetzen. Logischerweise kommt man dann auch auf Seiteneinsteiger. Denen fehlt aber natürlich Didaktik, also das Handwerkszeug des Lehrers. Die Länder achten darauf, dass die Seiteneinsteiger das im Beruf durch Weiterbildung aufholen.

Was gibt es noch für Wege?

Holter: Wir müssen auch dahin kommen, dass ein Gymnasiallehrer zum Beispiel in der Mittelschule unterrichtet und auch wieder zurückgehen kann. Wir müssen da flexibler und durchlässiger werden. Aber machen wir uns nichts vor, das ist natürlich eine Grundfrage. Da sind wir beim Beamtenrecht.

Ein dickes Brett.

Holter:Ich schätze Beamte. Aber wir haben natürlich festgefahrene Regeln, die das verhindern, was wir an Reformbedarf in der Schule haben. Wir haben das Problem erkannt. So wollen die Länder die Lehramtsabschlüsse gegenseitig anerkennen und damit den Wechsel zwischen den Ländern erleichtern.

Die Länder haben die Probleme und Maßnahmen dagegen erkannt und haben es in der Hand. Warum ist das alles noch nicht umgesetzt?

Holter: Die Länder haben vor Augen, dass 2019 der Länderfinanzausgleich und der Solidarpakt auslaufen. Die ostdeutschen Länder sehen zusätzlich, dass ab 2021 viele EU-Förderungen zurückgefahren werden. Dann gibt es die Schuldenbremse. Und dann haben wir auch noch das Thema Schulbausanierung. Es ist so: Der Bedarf an Veränderungen im Bildungsbereich wird sehr wohl erkannt. Aber das Tempo ist nicht ausreichend. Deshalb ist auch das Engagement des Bundes so wichtig.

Als Schwerpunkt Ihrer Amtszeit haben Sie Demokratiebildung gewählt. Warum gerade dieses Thema, zumal als Linker?

Holter: Ganz bewusst habe ich als Linker Demokratiebildung gewählt. Aus zwei Gründen: Zum einen gibt es demokratiegefährdende Tendenzen in der Gesellschaft. Zum anderen müssen wir die Generation, die heute zur Schule geht und morgen Verantwortung in Gesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung trägt, im Sinne der Demokratie bilden und erziehen. Da möchte ich auch kein spezielles Fach haben, sondern es muss sich durch alle Fächer durchziehen. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, sondern sie muss erfahren, gelernt und geübt werden.