NRW-Landtagswahl: Kandidaten im Porträt

Hannelore Kraft im Schlussspurt

Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD).

Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD).

Düsseldorf. SPD-Spitzenkandidaten Hannelore Kraft will erneut NRW-Ministerpräsidentin werden. Wir stellen sie im Portrait vor.

Wenn sie ein Tier sein könnte, hatte Hannelore Kraft jüngst in einem Fragebogen geantwortet, dann wäre sie gern ein Gepard – so „wendig und schnell“. Wäre Hannelore Kraft eine Gepardin, möchte man hinzufügen, dann wäre sie die erste Katze, die über ein schmutzabweisendes Fell verfügt. Pannen, Missstände und Kritik perlen nämlich einfach an ihr ab; das Fauchen und Schnurren hingegen unterscheidet sie nicht so sehr von den anderen Raubtieren im Politikbetrieb.

Mülheim an der Ruhr, letztes Wochenende: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist zu Besuch, um Kraft auf ihrem Schlussspurt zu unterstützen – vielleicht ist es auch andersherum, das sollte man an dieser Stelle offenlassen. Jedenfalls steht die Bühne für die beiden Wahlkämpfer mitten in der sonst mau besuchten Fußgängerzone.

Es ist Hannelore Krafts Heimatort und Wahlkreis, hier ist die Tochter eines Straßenbahnfahrers und einer Schaffnerin aufgewachsen, wohnt in einem Mehrgenerationenhaus im Arbeiterviertel Dümpten, hier sieht man Ehemann Udo aus dem Bauamt hinaus in die Mittagspause gehen, hier hat die Politikerin 2016 ihre Mutter Anni beerdigt. Hier wählt man Hannelore Kraft nicht nur mit der Zweit-, sondern auch mit der Erststimme.

„Andere haben immer auf die schwarze Null geschaut“, ruft sie ins Mikrofon, „wir sind das Gegenmodell. Ja, wir wollten auch die Schuldenbremse schaffen, aber wir haben auch in Kinder, Familie und Sicherheit investiert.“ 7000 neue Lehrerstellen, 14 Milliarden für marode Straßen, mehr Polizisten für das Land, ein Jahr gebührenfreie Kita – „diese Ideen habe ich hier in Mülheim gefunden und trage sie jetzt ins ganze Land“, schmeichelt die Spitzenpolitikerin dem Publikum. Krafts Leistungsbilanz klingt routiniert. Souverän dominiert sie neben dem „Martin“. Der Applaus klingt dennoch verhalten – nicht nach Sieg, aber nach höflicher Hoffnung.

Da stehen Senioren mit tragbaren Sauerstoffflasche am Rollator, Revierbürger mit Glitzerpailletten-Pulli und Rauhaardackel. Ihre Blicke sind skeptisch, wenn auch wohlwollend. Krafts Worte scheinen nicht so recht zu passen zum Lebensgefühl mancher, und obwohl die Ökonomin in ihrer Stadt wohnt, erkennen sie sich nur schwerlich wieder in dem Erfahrungshorizont, den sie skizziert.

Die 55-Jährige ist in ihrer Partei unangefochten. Und doch löst kein anderer Kandidat für die Landtagswahl so ambivalente Reaktionen aus. Folge: 40 Prozent der Wahlberechtigten wissen noch nicht, wen oder ob sie überhaupt wählen wollen. 2010 gewann Kraft gegen Jürgen Rüttgers von der CDU, 2012 gegen Norbert Röttgen. Ein Regierungswechsel in NRW, lange schien er undenkbar, rückt jetzt in den Bereich des Möglichen.

An der Front, im direkten Miteinander mit den Menschen, da ist die ehemalige Unternehmensberaterin stark. Bei einem Empfang für Ehrenamtler in Herne pressen sich Dutzende Menschen um sie. Kraft ist diese klammernde, schwitzende Enge nicht anzumerken. Sie hört ruhig zu, konzentriert sich auf jeden Einzelnen. In einer Hagener Kita wenig später eine ähnliche Szene: Kinder zeigen der Politikerin Insekten-Modelle, und weil Kraft sich auf ihre Augenhöhe setzt, umschlingen bald Ärmchen ihr marineblaues Chefinnen-Jackett. Die Kinder setzen ihr den Schmetterling auf die frisierten Haare, versuchen, sie mit einer Gummispinne zu erschrecken. Kraft ist in ihrem Element. „Wir sind eine Kümmererpartei, die sich immer wieder vor Ort erdet“, wird sie nach diesem Marathontag sagen.

Doch zwischen ihrem Talent als Menschenfängerin und der Einschätzung von Beobachtern, wie sie das bevölkerungsreichste Bundesland führt, klafft eine riesige Lücke. „Königin Kümmerlich“, „die Kraftlose“ – so lauten die wenig schmeichelhaften Titel überregionaler Blätter. Thüringen ist in der Arbeitsmarktstatistik an NRW vorbeigezogen; NRW-Staus sind legendär und Sicherheitspannen – Köln, Anis Amri – zahlreich.

„Hannelore Kraft ist die einzige Politikerin, der ich vertraue“, sagt Heide, eine ältere Zuhörerin. Dass die Mindestlöhne zu niedrig seien, junge Menschen wegen Zeitverträgen keine Familie gründeten, das lastet sie nicht der SPD an, die die Flexibilisierung der Arbeit unter Gerhard Schröder beschlossen hat – und schon gar nicht der Ministerpräsidentin. Familienvater Ralf Lohmann fügt hinzu: „Krafts Möglichkeiten sind ja begrenzt.“

Die Königin der SPD-Herzen gibt den Druck einfach weiter – nach Brüssel, nach Berlin, an die Vorgängerregierung – und das funktioniert. In einer Schmiede in Hagen, die der Insolvenz entronnen ist und der jetzt Umlagen für das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zu schaffen machen, zeigt sich das. 2,8 Millionen Euro hat der Betrieb schon gezahlt – Geld, das nicht in Maschinen fließt. „Wir kriegen das in Brüssel nicht differenzierter hin“, sagt Kraft, „trotzdem werden wir für Befreiungen von der Zulage kämpfen.“ Was klingt, als sei auch dieses Gesetz nicht von der SPD eingeführt worden.

Als sie im April 2016 gefragt wird, was sie mit dem – aus ihren Augen kleinen – Gestaltungsspielraum als Landeschefin noch bewegen möchte, entgegnete sie den verdutzten Journalisten, dass ihr gerade kein Thema einfällt. Inzwischen hat Kraft sich gefangen. Sie will Elternbeiträge zu Kita-Kernzeiten streichen, die Meisterausbildung gratis machen, Gelder in Radschnellwege investieren. Ist das zu wenig zu spät?

Der „Marktbegleiter“, wie sie Armin Laschet süffisant nennt, mag ein schlagbarer Herausforderer sein. Die Konkurrenz, die Kraft die Vormachtstellung kosten könnte, steht in Mülheim an einem unscheinbaren, blauen Stand. „Je näher die Landtagswahl rückt“, frohlockt dort der AfD-Kreisvorsitzende Andre Ufer, „desto mehr Menschen finden sich an unserem Tisch ein.“ Er rechnet mit 20 Prozent Wählerstimmen im Ruhrgebiet. In der Herzkammer der Sozialdemokratie greift die AfD direkt an – sogar bei der Gepardin direkt nebenan. Guido Reil, Ex-SPD-Politiker, ist der prominenteste Überwechsler zur AfD. Mülheim-Winkhausen, Nachbarbezirk von Krafts Zuhause, ist sein Jagdrevier.