Interview mit Karl-Josef Laumann

"Geld pflegt nicht"

Karl-Josef Laumann.

27.01.2015 Karl-Josef Laumann, der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, erzählt im GA-Interview über die Bezahlung von Altenpflegern.

Mit Karl-Josef Laumann sprachen Bernd Eyermann und Ulrich Lüke.

Sind 20 Jahre Pflegeversicherung in Deutschland ein Grund zu feiern?
Karl-Josef Laumann: Ja. Vor Einführung der Pflegeversicherung waren etwa zwei Drittel der Pflegebedürftigen in Heimen auf Sozialhilfe angewiesen. Heute kommen über zwei Drittel ohne Sozialhilfe aus. In den letzten 20 Jahren ist eine gute Pflegeinfrastruktur entstanden mit vielen ambulanten Diensten und stationären Einrichtungen, wo die Menschen einen sehr guten Job machen. Es gibt natürlich immer Ausnahmen.

Haben Sie nicht dennoch den Eindruck, dass Pflegeplätze immer noch Mangelware sind?
Laumann: Wenn das vor Ort so ist, muss etwas getan werden. Nordrhein-Westfalen hat zum Beispiel ein neues Heimrecht geschaffen. Die Kommunen können entscheiden, ob sie weitere stationäre Pflegeeinrichtungen benötigen und Investoren suchen. Derzeit dürfte es kein Problem sein, Investoren für Altenheime zu finden.

Dennoch häufen sich Klagen über unzureichende oder unqualifizierte Behandlung. Sehen Sie da Anlass für Kritik?
Laumann: Man muss da sehr differenzieren. Ich besuche sehr viele Pflegeeinrichtungen. Ich habe schon den Eindruck, dass die allermeisten Menschen dort ihre Arbeit mit einer hohen fachlichen Kompetenz und einer sehr guten ethischen Einstellung tun.

Aber sie werden schlecht entlohnt.
Laumann: Wir haben große regionale Unterschiede. Und es läuft etwas falsch, wenn Fachkräfte der Altenpflege im Vergleich zu anderen Fachkräften bis zu 19 Prozent weniger verdienen. Eine Altenpflegerin muss das verdienen, was andere Fachkräfte auch erhalten. Davon sind wir leider ein Stück entfernt. Jeder muss wissen: Gute Pflege hat auch ihren Preis.

Steht zu oft Profitmaximierung vor menschenwürdigem Umgang?
Laumann: Nein. Das kann ich so nicht bestätigen.

Aber in Einzelfällen?
Laumann: Einzelfälle gibt es leider immer, und jeder einzelne Fall ist einer zu viel. Darum gibt es Kontrollen. Als Landesminister habe ich in Nordrhein-Westfalen durchgesetzt, dass die Heimaufsicht unangemeldet kontrolliert. Sie hat das Ordnungsrecht, kann durchsetzen, dass sich in den Heimen etwas verändert, und diese notfalls auch schließen.

Wenn Sie den Zustand der Pflege vor 20 Jahren mit der heute vergleichen, wie sieht da Ihre Wertung aus?
Laumann: Früher war die Pflege fast ausschließlich in der Hand der Familie. Heute ist die mittlere Generation mit Mann und Frau in der Regel berufstätig. Wenn ich sehe, dass heute noch 70 Prozent unserer Pflegebedürftigen in ihren Wohnungen mit Hilfe der Familie und der ambulanten Pflegedienste versorgt werden, finde ich das toll. Die Pflegebereitschaft in der Bevölkerung ist nach wie vor groß.

Wie qualifizieren Sie den Zustand der Heimpflege? Hat Pflege den Stellenwert, den sie haben müsste?
Laumann: Ich glaube, dass unsere Pflegeheime im oberen Drittel liegen. Ich würde mir aber wünschen, dass die Pflege auch emotional in der Mitte unserer Gesellschaft steht. Gut ist, dass wir die Heime nicht mehr an den Rand unserer Gemeinden bauen. Es ist aber immer noch nicht genügend in den Köpfen verankert, dass Pflegeeinrichtungen zur kommunalen Daseinsvorsorge gehören. Ich wünsche mir, dass sich die Menschen um die Frage, wie es in einem Heim läuft, genauso engagiert kümmern wie um die Frage, wie es in einem Kindergarten läuft.

Bereiten sich die Menschen rechtzeitig auf Pflegebedürftigkeit vor?
Laumann: Zur Endlichkeit des Lebens kann auch eine Phase der Pflegebedürftigkeit gehören. Rund zwei Drittel aller Frauen und jeder zweite Mann werden irgendwann pflegebedürftig. Ich wünsche mir sehr, dass wir hier nicht immer nur über Geld reden. Geld pflegt nicht, sondern man braucht ganz konkret einen Menschen, der sich kümmert. Wenn man den in der Familie hat, ist das schön. Und da, wo Familie durch professionelle Hilfe ergänzt werden muss, muss diese Arbeit auch einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert haben und in einer angemessenen Bezahlung zum Ausdruck kommen. (Bernd Eyermann und Ulrich Lüke)