GA-Serie NRW - Was nun?

Für große Datenströme reicht das Netz noch nicht aus

Schnelle Übertragung: Zahlreiche Glasfaserkabel laufen an einer Verteilstelle zusammen

Schnelle Übertragung: Zahlreiche Glasfaserkabel laufen an einer Verteilstelle zusammen

Bonn. Die NRW-Landesregierung will in den nächsten acht Jahren flächendeckend superschnelle Glasfaseranschlüsse ermöglichen. Wirtschaft und Opposition sind von der Strategie nicht überzeugt. Derzeit setzt NRW teils noch auf alte Kupferkabel.

Im August vorigen Jahres feierte Nordrhein-Westfalen seinen 70. Geburtstag – mit einem Festakt in der Düsseldorfer Tonhalle, zu dem sogar Prinz William und Bundeskanzlerin Angela Merkel angereist waren. Während dort vor allem auf Gründung und Entwicklung des Landes zurückgeblickt wurde, schaute Landeswirtschaftsminister Garrelt Duin nur einen Tag später schon auf 2026.

„In zehn Jahren feiern wir ja wieder NRW-Geburtstag – Prinz William ist sicher wieder dabei, Kanzlerin Merkel auch, Ministerpräsidentin Kraft ebenso –, aber an einem Punkt wird es anders sein: Wir haben dann flächendeckend Glasfaser“, sagte Duin beim Breitbandforum des Landes. Sein Ziel sei, dass bereits 2025 „jedes Haus in NRW einen superschnellen Glasfaseranschluss hat“. Bislang sind nicht einmal zehn Prozent der Haushalte mit solchen Anschlüssen versorgt, die Bandbreiten von mehr als 100 Megabit pro Sekunde ermöglichen.

Glasfaserleitungen seien deshalb so bedeutsam, weil sie „nahezu unbegrenzte Datenmengen übertragen“ können, wie Duin in seiner „Gigabit-Strategie“ schreibt. Sie benötigten nur wenige Verteilstellen und seien im Vergleich zu anderen Breitbandtechnologien äußerst energiesparend. Glasfasernetze seien zwar „nicht die kostengünstigste, langfristig aber die langlebigste, die leistungsfähigste und volkswirtschaftlich die vernünftigste Variante eines nachhaltigen Netzausbaus“, so Duin, der gern darauf hinweist, dass sie Voraussetzung für die Telemedizin oder auch das autonome Autofahren seien.

Wirtschaft warnt vor schneller Zufriedenheit

Kurzfristig, also bis Ende 2018, hat sich das Land ein etwas weniger ambitioniertes Zwischenziel gesetzt, nämlich alle Haushalte wenigstens mit 50 Megabit-Leitungen auszustatten. Gut drei Viertel von ihnen haben derzeit schon einen solchen Anschluss. „Damit liegt NRW an der Spitze der deutschen Flächenländer“, sagt Regierungssprecher Thomas Breustedt. Doch die Wirtschaft warnt davor, zu schnell zufrieden zu sein. „Für uns kann das nicht der anzustrebende Standard sein. Um große Datenströme transportieren zu können, ist die Versorgung mit 100 Megabit und mehr in naher Zukunft entscheidend“, sagt Matthias Mainz, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammern (IHK) in Nordrhein-Westfalen.

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er mit Vertretern der Landesregierung und den Bezirksregierungen, aber auch Verbänden, Kommunen und Unternehmen am Runden Tisch zum Thema Breitband mit. Er zieht ein gemischtes Zwischenfazit: Gut sei, dass sich das NRW-Wirtschaftsministerium den Hut aufgesetzt habe und dass man in jedem Kreis und jeder Stadt die Einrichtung eines Breitbandbeauftragten finanzieren wolle. Doch dem Land fehle noch eine überzeugende Strategie, um von den Chancen des digitalen Wandels in allen Bereichen der Wirtschaft und Stadtentwicklung zu profitieren.

Ähnlich sieht das die Opposition. „Eine Gigabit-Strategie ohne Strategie“ attestierte CDU-Wirtschaftsexperte Hendrik Wüst dem Minister. Wenn er ein flächendeckendes Glasfasernetz ankündige, müsse er auch sagen, woher das Geld kommen soll. Duin sprach von rund 8,5 Milliarden Euro an Kosten. Der größte Teil davon werde aber wohl von Bund, EU und Telekommunikationsunternehmen getragen, müsse also nicht vom Land aufgebracht werden.

Glasfaser- statt Kupferkabel

Der Piraten-Wirtschaftspolitiker Joachim Paul sieht noch ein anderes Problem. Um das Ziel zu erreichen, bis 2018 alle Haushalte wenigstens mit 50 Megabit auszustatten, setze das Land zum Teil auch auf „heute schon veraltete Kupferkabel“. Schleswig-Holstein zum Beispiel mache es anders, denn dort werde seit 2013 konsequent auf die Glasfasertechnologie gesetzt. Ein Viertel der Haushalte sei dort schon damit ausgerüstet, womit das Land bundesweit führend sei. Daran solle sich Nordrhein-Westfalen orientieren, meint Paul.

Machen wir ja schon, könnte das Land nun einwenden. Die Münsterland-Gemeinden Heek, Schöppingen und Legden zum Beispiel sind die ersten, die ein neues NRW-Förderprogramm in Anspruch nehmen. Das Ziel: Bis 2019 den Breitbandausbau beschleunigen – und das weitgehend per Glasfaser.

Vor fünf Jahren, so berichtet Jürgen Lammers, Projektkoordinator bei der Gemeinde Heek, habe ein niederländisches Unternehmen begonnen, in den grenznahen Regionen des Westmünsterlandes für Glasfaser zu werben. Mehr als 50 Prozent der Haushalte im Heeker Hauptort hätten sich damals bereit erklärt, einen Anschluss legen zu lassen. Schon jetzt sei dort grundsätzlich in jedem Haus ein Glasfaseranschluss möglich.

Mit dem NRW-Programm könnten nun auch die Außenorte und die restlichen Gewerbegebiete mit superschnellen Anschlüssen versorgt werden, sagt Lammers und fügt hinzu, „manche Bauern haben bisher ja noch nie etwas von Youtube gehört“. Schließlich biete ihr Anschluss bisher nicht einmal eine Leistung von einem Megabit.

Wenn alles gut geht, könnten Heek, Schöppingen und Legden auf diese Weise innerhalb von sieben Jahren von der Breitband-Diaspora zu Vorzeigekommunen im Land werden. Den Minister dürfte es freuen, dass sein Ziel eines flächendeckenden Glasfasernetzes nicht nur in Städten, sondern auch in manchen ländlichen Gebieten schon weit vor dem 80. Landesgeburtstag erreicht werden kann.