Für die Täter Rösner und Degowski bleibt Freiheit ein ferner Traum

Gladbeck. Es war vor 20 Jahren eines der spektakulärsten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte: Nach einem missglückten Banküberfall in Gladbeck hielten die Gewohnheitsverbrecher Hans-Jürgen Rösner, Dieter Degowski und ihre Komplizin Marion Löblich vom 16. bis zum 18. August 1988 ganz Deutschland in Atem.

Die Flucht der Gangster quer durch das Land eskalierte immer mehr und kostete zwei junge Geiseln und einen Polizisten das Leben. Einige Journalisten verloren auf der Jagd nach der Story jede professionelle Hemmung: In bis dahin völlig unbekannter Weise nahm die Öffentlichkeit per TV- und Radio- Interviews schaudernd an den Taten teil. Erst nach 54 Stunden endete die wilde Fahrt auf der Autobahn bei Bad Honnef im Kugelhagel der Polizei.

Wegen gemeinschaftlichen Menschenraubs, Geiselnahme mit Todesfolge und Mordes (Degowski) beziehungsweise versuchten Mordes (Rösner) verurteilte die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Essen nach 19 Monaten Prozess die Haupttäter zu lebenslanger Haft. Löblich bekam neun Jahre Gefängnis, die sie verbüßt hat.

Da Rösner nach Überzeugung des Gerichts ein "Hangtäter" ist, der sich schon vor der Tat mit Überfällen und Einbrüchen in großer Zahl über Wasser gehalten hatte, wurde für ihn nachträgliche Sicherungsverwahrung angeordnet. Beide Haupttäter werden wohl noch viele Jahre "sitzen"; die Rückkehr in die Freiheit bleibt für sie ein ferner Traum.

Frühestens 2016 kann eine vorzeitige Freilassung Rösners beantragt werden, hat die zuständige Strafvollstreckungskammer entschieden. Für Degowski, der bis mindestens 2013 sitzen muss, läuft ein Gnadengesuch - mit äußerst geringen Chancen, wie es in Justizkreisen heißt.

Wenn die Mindestverbüßungszeit vorbei ist, folgt eine Entlassung keineswegs automatisch. "Dann muss sich erst mal ein Gutachter finden, der sagt: Die sind nicht mehr gefährlich", sagt der inzwischen pensionierte Richter Rudolf Esders, der die Männer verurteilt hatte. Esders hat "erhebliche Zweifel", ob eine Resozialisierung möglich ist.

Das spektakuläre Verbrechen hatte mit einem folgenschweren Fehler der Polizei begonnen. Als Degowski, damals 32 Jahre alt, und der 31- jährige Rösner am 16. August frühmorgens mit zwei Schusswaffen und reichlich Munition in eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck eindrangen, schickte die Polizei keinen Zivil- sondern einen Streifenwagen zur Rückseite des Gebäudes. Die Einsatzleiter dachten, es gebe dort keine Fenster - ein Irrtum.

Die Gangster, die eigentlich nur auf den Kassierer warten wollen, bemerken die Polizei, nehmen zwei Geiseln, fordern einen Fluchtwagen und mehr als 400 000 Mark. Nach der Geldübergabe fahren sie am Abend mit ihren Geiseln im Fluchtwagen los. Noch in Gladbeck steigt Rösners Freundin Löblich zu. Über die Autobahn fahren sie vom nördlichen Rand des Ruhrgebiets nach Bremen. Am Abend des 17. August kapern sie dort einen Linienbus. Kaltblütig stehen sie der Presse Rede und Antwort.

Mit 27 Geiseln an Bord fahren sie auf die Autobahn bis zur Raststätte Grundbergsee. Dort lassen sie die zwei Bankangestellten frei. Als die Polizei Löblich auf dem Weg zur Rastplatz-Toilette vorübergehend festnimmt, erschießt Degowski den 15-jährigen Italiener Emanuele de Georgi. Der Bus nimmt Kurs auf Holland. Bei der Verfolgung verunglückt ein Polizist tödlich. Am frühen Morgen des 18. August fährt der Bus über die Grenze. Wieder fallen Schüsse. Der Busfahrer und Löblich werden verletzt.

Die Täter erpressen ein neues Fluchtauto und setzen mit den beiden Bremer Geiseln Silke Bischoff und Ines Voitle die Fahrt fort. Sie kehren ins Rheinland zurück, wo sie in Köln erneut mit Journalisten sprechen. Hier kommt es zu der bizarren "Pressekonferenz" im umlagerten Fluchtauto mitten in der Innenstadt, die für viele Zeitgenossen unvergesslich ist. Unter den zahlreichen Menschen am Auto ist auch ein führender Beamter des Kölner SEK, getarnt als Journalist, wie die spätere Aufarbeitung ergibt. Er hält einen gewaltsamen Zugriff aber für zu riskant, weil zu viele Menschen in nächster Nähe stehen.

Am Mittag fahren die Geiselnehmer in Richtung Frankfurt am Main davon. Auf der Autobahn A 3 bei Bad Honnef greift schließlich ein Spezialkommando der Polizei mit einem dramatischen Ramm-Manöver und Waffengewalt ein. Die 18-jährige Silke Bischoff stirbt durch eine Kugel aus Rösners Waffe, ihre Freundin überlebt schwer verletzt.

In der Folge entbrennt auf politischer Ebene eine lange Diskussion über Polizeitaktiken und Zuständigkeiten. In Bremen und Düsseldorf tagen parlamentarische Untersuchungsausschüsse. Der Bremer Innensenator Bernd Meyer tritt wegen polizeilicher Fehler zurück. Sein nordrhein-westfälischer Amtskollege Herbert Schnoor bleibt trotz zahlreicher Rücktrittsforderungen im Amt. Die Medien werden wegen ihrer mangelnden Zurückhaltung heftig gescholten. Der Deutsche Presserat legt später fest, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht mehr geben darf.

Die Schwerverbrecher Rösner und Degowski, die einst enge Freunde waren, zerstreiten sich schon im Prozess und belasten sich dort gegenseitig. Degowski lernt später im Gefängnis in Werl Koch und arbeitet in der Anstaltsküche. Ab und zu spricht er mit seinem Verteidiger, Angehörigen und einem Pfarrer. Rösner sitzt in Bochum. Der Mann, der sich schon lange vor der Tat "Hass" auf die Finger tätowieren ließ, bekommt nur gelegentlich Besuch von einer Verwandten. "Ich glaube, ich werde im Knast verrecken", sagte er der "Bild"-Zeitung.