„Ich werbe um mehr Verständnis füreinander“

Ex-Ministerpräsident Bernhard Vogel im Interview

Kennt west- und ostdeutsche Befindlichkeiten: Bernhard Vogel (CDU).

Kennt west- und ostdeutsche Befindlichkeiten: Bernhard Vogel (CDU).

Mainz. Ex-Ministerpräsident Bernhard Vogel spricht über die Einheit, Biografiebrüche in der ostdeutschen Bevölkerung und schöne Märkte.

Bernhard Vogel kennt west- und ostdeutsche Befindlichkeiten. Als einziger Politiker war er in zwei Ländern Ministerpräsident: in Rheinland-Pfalz und später in Thüringen. Zum Tag der Deutschen Einheit sprach mit ihm .

Wie einig ist Deutschland nach 27 Jahren?

Bernhard Vogel: Alles in allem ist uns die Wiedervereinigung gelungen. Wir haben allen Grund, stolz darauf zu sein. Das heißt nicht, dass nach wie vor das eine oder andere Problem noch zur Lösung ansteht.

Was würden Sie da nennen?

Vogel: Wir müssen deutlicher machen, dass soziale Marktwirtschaft zwar zu Wohlstand führt, aber auch sehr große Anstrengungen von jedem Einzelnen erfordert. Umverteilung, wie man sie in der DDR kannte, ist nicht des Rätsels Lösung, sondern das Schaffen von Möglichkeiten, dass jeder für sich und die Seinen sorgen kann.

Bei der Bundestagswahl haben viele Ostdeutsche ihren Protest mit ihrer Stimme für die AfD ausgedrückt. Woran liegt das?

Vogel: In Deutschland lebt immer noch eine Generation, die die letzten 40/50 Jahre unterschiedlich erlebt hat: Im Westen in einem Land der sozialen Marktwirtschaft, des Wohlstands, aber auch der sehr großen Anstrengungen. Im Osten als einem Unrechtsstaat, aber auch einem Staat, in dem die Menschen in ihrer Nachbarschaft enger zusammengerückt sind.

Was heißt das?

Vogel: Wir im Westen haben gelegentlich übersehen, welchen Biografiebruch ein Großteil der Bevölkerung im Osten Deutschlands erlebt hat. Zum Beispiel haben von vier Arbeitern aus dem Jahr 1989 drei ihren Arbeitsplatz verloren und zum Teil nie wieder einen neuen gefunden. Das spielt bei vielen immer noch eine große Rolle.

Sind Fehler im Einigungsprozess gemacht worden?

Vogel: Selbstverständlich sind bei einer solchen Mammutaufgabe Fehler gemacht worden. Entscheidend sind aber nicht die Fehler, sondern dass es in relativ kurzer Zeit gelungen ist, aus zwei völlig getrennten Lebenswirklichkeiten die Einheit zu schaffen.

Zurück zu möglichen Fehlern: Hat man zu sehr auf schöne Marktplätze und Innenstädte gesetzt, als die Menschen mitzunehmen?

Vogel: Es ist leichter, einen Marktplatz zu renovieren, als Menschen auf eine Situation vorzubereiten, auf die auch die Politik nicht vorbereitet war. Die Wiedervereinigung kam über Nacht, ohne Vorbereitungszeit. Es gab im Westen keinen Plan, wie man die 1952 untergegangenen Länder 1990 wieder aufbaut. Es gab ein Ministerium für Gesamtdeutsche Fragen. Eines für Gesamtdeutsche Antworten hat es nicht gegeben.

Würden Sie manche Dinge in Thüringen ändern, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten?

Vogel: Manches würde ich sicher anders machen. Aber die Tatsache, dass aus 20 Prozent Arbeitslosigkeit in Thüringen heute eine Quote geworden ist, die niedriger liegt als in Nordrhein-Westfalen, ist doch eine Erfolgsgeschichte.

Wie kann man denn die wütenden ostdeutschen Männer, die AfD gewählt haben, zufriedener machen?

Vogel: Man sollte hier differenzieren. Es gibt ein bestimmtes Lebensalter, das sich bei den Männern im Wahlverhalten artikuliert. In Ostdeutschland haben über 75 Prozent nicht die AfD gewählt. Über die sollte man auch gelegentlich eine Bemerkung machen.

Gibt es einen Ratschlag, den Sie Ost- wie Westdeutschen geben würden?

Vogel: Sich gegenseitig zuhören und ein bisschen besser aufeinander hören, um sich besser zu verstehen. Zum Beispiel ist die Situation in einem Land, das nicht jahrzehntelang Erfahrungen mit ausländischen Zuwanderern hat, eine andere als in Ländern, die seit 40/50 Jahren Erfahrungen mit Zuwanderern haben.

Sollte man weniger Zuwanderer in die neuen Länder schicken?

Vogel: Nein, aber ich werbe um mehr Verständnis füreinander. Die Ostdeutschen wussten schon vor der Einheit mehr über Westdeutschland als umgekehrt. Das hat sich zum Teil heute noch nicht geändert. Durch die Wiedervereinigung ist nicht Westdeutschland einfach nur größer geworden, Deutschland ist anders geworden.

Sie haben vor zehn Jahren in Ihrem Buch „Deutschland aus der Vogelperspektive“ geschrieben: „Der Westen hat noch nicht ausreichend begriffen, dass auch er vom Osten lernen kann.“

Vogel: Bei diesem Satz würde ich auch heute bleiben.

Was können Menschen im Westen tun, um den Osten zu begreifen?

Vogel: Sie sollten nicht nur nach Spanien fahren, sondern gelegentlich auch Landschaften in den jungen Ländern besuchen und mit den Menschen sprechen. Dann erfährt man auch mehr voneinander.