Buch von Grünen-Politiker Robert Habeck

Er will's wissen

Porträt mit Offshore-Windpark: Robert Habeck im Juli dieses Jahres vor einer Kabinettssitzung auf Helgoland.

Porträt mit Offshore-Windpark: Robert Habeck im Juli dieses Jahres vor einer Kabinettssitzung auf Helgoland.

Robert Habeck, Umwelt- und Energieminister von Schleswig-Holstein, will Spitzenkandidat seiner Partei werden: In seinem Buch „Wer wagt, beginnt“ stellt er sich die Zukunft der Grünen vor.

Robert Habeck ist erst 46 und seit vier Jahren Landesminister. Dennoch hat er in einem neuen Buch aufgeschrieben, was ihn beschäftigt und wie er sich die Zukunft der Grünen vorstellt. Das Buch wäre schnell vergessen, wenn hier nicht einer der ambitioniertesten Nachwuchskräfte der Partei am Werk wäre. Sein streckenweise wie eine Selbstvergewisserung und hintergründig wie ein Programm lesbarer Text ist mehr.

Hier skizziert jemand Leitlinien einer grünen Politik jenseits der alten Kampflinien von Fundis und Realos. Vorerst geht es nur um Robert Habeck und seine Sicht der Dinge. Langfristig geht es um mehr, denn der schleswig-holsteinische Umwelt- und Energieminister will Spitzenkandidat seiner Partei für die nächste Bundestagswahl werden. „Wer wagt, beginnt“ heißt sein Buch.

Dass es in der Politik kaum noch gerade Wege gibt, die zu Amt und Einfluss führen, gilt ganz sicher auch für Habeck. 2002 kam er zu den Grünen ganz im Norden an der dänischen Grenze. Bis dahin hatte der 1969 geborene Schleswig-Holsteiner studiert, eine Familie gegründet und in Philosophie promoviert. Sein Geld verdiente er zusammen mit seiner Frau Andrea Paluch als Autor von Romanen und Kinderbüchern.

Bei den Grünen ging es dann ganz schnell. Irgendwie hatte sein Kreisverband gerade keinen Vorsitzenden, also übernahm er diesen Job. Wenig später wechselte er in die Landespolitik, scheiterte 2006 als Beisitzer für den Bundesvorstand, machte aber in Kiel Karriere, wo er erst Fraktionschef der Grünen und dann 2012 erster Energiewendeminister wurde, mit weiteren Aufgaben in der Landwirtschaft, im Umweltschutz und bei der Reaktorsicherheit.

Seitdem fällt er durch eine für Grüne ungewöhnlich pragmatische Politik auf. So blockte er nicht ab, als es um die Suche nach einem Endlager für Atommüll ging und Castoren im Atomkraftwerk Brunsbüttel zwischengelagert werden sollten. Ein grüner Minister sagte ja, und trieb damit selbst die CDU-geführten Länder vor sich her, von denen er Solidarität einforderte. Am Ende mit Erfolg.

Habeck will in die Bundespolitik, eine Rückfahrkarte in die Landespolitik hat er nicht. Wenn es schief geht, muss er sich etwas Neues überlegen. Künftige grüne Politik ist links – so viel steht fest, aber das ist keineswegs im Sinne unumstößlicher grüner Wahrheiten gemeint. Habeck macht Anleihen bei liberalen Ideen – so zum Beispiel, wenn es um Freiheit geht, einen seiner ganz zentralen Begriffe.

Beobachter seiner selbst und Akteur

Manches ist auch schlicht konservativ gedacht, wenn er beispielsweise die verbreitete grüne Staatsverachtung kritisiert und die Probleme mancher Grüner mit der politischen Verantwortung, dem Umgang mit der Macht. Dieser neue Standort macht die Grüne offen für neue Bündnisse auch nach rechts, so Habeck. Die findet er nicht schwierig, im Alltag arbeitet er locker und konstruktiv mit konservativen Fischern und Bauern zusammen.

Denn Habeck hat keine Angst vor dem Konflikt zwischen Grundsätzen und den Zwängen politischer Entscheidungen. Man muss sie im Zweifelsfall aushalten. Auch die Verwirklichung von Utopien beginne mit kleinen Schritten. Ihm sind die konkreten Themen lieber: Wie sieht eine Landwirtschaft aus, die auch den konventionell wirtschaftenden Betrieben eine Zukunft bietet? Was muss geschehen, damit sie nicht in eine rein industrielle Wirtschaftsweise abgleitet?

So ist seine Programmskizze am Ende aber auch ein wenig zufällig rund um die Themen gruppiert, die ihn in seinem politischen Alltag beschäftigen: Der Meeresschutz, die Landwirtschaft, Ernährung und die Energiepolitik, Bürgerbeteiligung und ein anderer Umgang der Verwaltung mit den Bürgern. Habeck ist dabei ganz ungewöhnlich Beobachter seiner selbst und Akteur.

Andere Fragen streift er nur: Was er zu Europa sagt, bleibt blass. Die Herausforderung, denen zu antworten, die sich von Globalisierung und ihren Folgen überfahren fühlen, ist formuliert, aber noch kaum zu Ende gedacht. Ob es reicht, TTIP abzulehnen und die Energiewende als ein Fanal gegen die Macht von Großkonzernen zu deuten, darf bezweifelt werden.

Veggieday-Debatten will Habeck nicht mehr

Dass die deutsche Energiepolitik die Sorgen der Dritten Welt lösen helfen wird, bedarf schon einer sehr festen Überzeugung, um es für wahr zu halten. Hier rutscht Habeck dann schnell mal in die bei Grünen so beliebten Ideologien mittlerer Reichweite ab. Das sind nicht die starken Passagen seines Buches.

Worauf müssen sich die Wähler der Grünen gefasst machen, wenn Habeck sich durchsetzt? Kommt es hart auf hart, regiert er ab September 2017 vielleicht sogar mit. Richtiggehend genervt ist der Politiker, wenn es um grüne Besserwisserei geht: Veggieday-Debatten, Versuche, die ganze Gesellschaft umzuerziehen im Dienste einer vermeintlich höheren grünen Moral, will er nicht mehr.

Habeck wirbt dafür, unangenehme Fragen zu entscheiden, zum Beispiel in der Asylpolitik. Nicht jede politische Frage ist ein Fall für Gesinnungsethiker. Bei Habeck sind auch kleine Schritte in Richtung Utopie erlaubt. Weltrettung in Trippelschritten, wenn man so will.

Der Minister wirbt außerdem für einen realistischen Blick auf die Möglichkeiten von Politik. Politiker sind Scheinriesen, sagt er, sie sind Menschen wie alle anderen auch: verletzlich, eitel, abhängig von Unterstützung, ja Zuwendung. Sie sollten nahbar sein und bleiben. So ist der Politiker Habeck. Bleibt abzuwarten, ob die Bundespolitik ihn den Test machen lässt. Berlin ist nicht Kiel, aber er will es dennoch wissen.

Robert Habeck: Wer wagt, beginnt – Die Politik und ich. Kiepenheuer und Witsch, 288 S., 14,99 Euro