Zur Wahl Annegret Kramp-Karrenbauers

Eine Wette auf die Zukunft

Annegret Kamp-Karrenbauer spricht in Hamburg zu den Delegierten.

Annegret Kamp-Karrenbauer spricht in Hamburg zu den Delegierten.

Hamburg. Die CDU geht mit Annegret Kramp-Karrenbauer in die Zeit nach Angela Merkel. In einer spannenden Wahlschlacht sorgte Jens Spahn mit einer starken Rede für Akzente, am Ende aber setzte sich die größere Gewinnerwartung für die Partei durch.

Rein in die Zukunft. Vergangenheit war gestern. Und dazu waren sie noch einmal draußen. In der Nacht von Hamburg. Reden, werben, Hände schütteln. Jens Spahn und Friedrich Merz beim Abend der NRW-Delegierten. Annegret Kramp-Karrenbauer bei einem Abendessen mit Wirtschaftsvertretern unter den Delegierten. Aber wichtig ist auf dem Platz. Und jetzt müssen die drei Kandidaten schnell ins Spiel kommen. Jede und jeder für sich. 20 Minuten, die über eine Politik-Karriere entscheiden können.

Die Frau unter den drei Bewerbern für den CDU-Vorsitz muss vorlegen. Das kann ein Nachteil sein. Es gilt die Reihenfolge des Alphabets. K wie Kramp-Karrenbauer vor M wie Merz und S wie Spahn. AKK, wie die CDU-Generalsekretärin gekürzt wird, muss die Halle warm reden. Merz und Spahn können sich – vorerst – zurücklehnen, auch wenn ihre Nerven bis zum Äußersten angespannt sind. Jeder Satz muss sitzen. Ein Fehler kann dieses Finale entscheiden.

Alles oder nichts. So hat es Kramp-Karrenbauer vorher für sich gesagt. Sie werde, sollte sie nicht gewählt werden, nicht wieder als CDU-Generalsekretärin antreten. Natürlich nicht. Und natürlich wird sie auch nicht unter einem Vorsitzenden Merz oder einem Parteichef Spahn als Stellvertreterin fungieren. Die Operation „Machtwechsel“ erfordert Fingerspitzengefühl, weil Spaltung kein gutes Ergebnis wäre. Denn es gehe darum, „dass möglichst viele mit an Bord genommen werden – und an Bord bleiben“, wie der Vorsitzende der baden-württembergischen Landtagsfraktion, Wolfgang Reinhart, schon vor einer Austrittswelle warnt, die gerüchteweise bevorsteht, sollte Merz nicht nächster Parteichef der CDU werden. Geschlossenheit als Schlüssel für politischen Erfolg, hatte Angela Merkel ihrer Partei noch mitgegeben. Um 13.43 Uhr verlässt sie ihren Platz der CDU-Vorsitzenden – für immer. Und wechselt auf die andere Seite der Bühne. 20 Meter auf dem Weg in eine neue Zeitrechnung.

Zwischenüberschrift


Neun Minuten später steht Kramp-Karrenbauer hinter dem Rednerpult. Noch ein Schluck aus dem Wasserglas, das nun halb voll oder halb leer ist. Dann „liebe Angela, liebe Delegierte“ geht es los. Wie ist die Tagesform? Anfangs noch wackelig blendet Kramp-Karrenbauer weit zurück: 1981, das Jahr ihres Eintritts in die CDU. Rainer Barzel, Helmut Kohl, Alfred Dregger, Gerhard Stoltenberg. Doch dann ist sie schnell in der Neuzeit. Im Hier und Heute. Krise der EU, Populismus, Weltordnung ohne Regeln, rasanter Klimawandel – all diesen Herausforderungen müsse man sich stellen. „Die Leute wollen, dass wir machen“, ruft sie in den Saal. Wir. Die Delegierten verstehen. Machen. Das verstehen sie auch.

Das C sei der „Leitstern“, das C gebe das Menschenbild der Partei vor. AKK und die CDU: „diese CDU, meine CDU, unsere CDU“. 420.000 Mitlieder. „Die können was, die wissen was. Wir müssen sie nur endlich lassen.“ Applaus im Saal. Was habe sie nicht alles über sich gelesen: Sie eine „Mini“, eine Kopie, ein einfaches Weiter so! Aber sie habe ihren Stil und wolle zeigen, „dass es bei Führung mehr auf die innere Stärke als auf die äußere Lautstärke ankommt“. Kleine Spitze gegen Merz. Wie hatte sie vor einiger Zeit gesagt: „Ich kann, ich will und ich werde.“ Jetzt wendet sie sich an die Delegierten: „Wir können das. Wir wollen das. Und wir werden das. Wenn das auch eure Antwort ist, dann lasst es uns zusammen tun.“

Aufschlag Friedrich Merz. Auch er kommt eher schwer ins Rollen. Die Anspannung ist ihm anzumerken. Ein eben doch „ganz außergewöhnlicher Parteitag“, wie der frühere Bundestagsfraktionschef sagt. Was es braucht? „Ein Signal von Aufbruch und Erneuerung.“ Die CDU sei wahrscheinlich die letzte christdemokratische Volkspartei in Europa. Und müsse dies auch bleiben. „Als Volkspartei der Mitte können und wollen wir wieder 40 Prozent des Spektrums des gesamtes Landes erreichen.“ Dazu müsse man auch den Konservativen aus allen Schichten wieder Platz in der Partei. Und natürlich spricht Merz die AfD an -- als inzwischen größte Oppositionspartei im Bundestag: „Dieser Zustand ist für mich, und ich denke auch für viele von Ihnen, einfach unerträglich.

Der moderate Neustart der CDU

Dieser Zustand gefährdet die Stabilität dieses Landes.“ Merz streift die Streitthemen der Unionsparteien: Grenzkontrollen, Zuwanderung, öffentliche Sicherheit. Merz: „Ohne klare Positionen bekommen wir keine besseren Wahlergebnisse.“ Merz will als Parteichef auch „Flügelstürmer zulassen, die Tore schießen“. Ob es mit ihm als CDU-Chef und Merkel als Kanzlerin gut geht? „Natürlich geht das gut. Für uns geht immer das Land vor die Partei.“ Merz bekommt Applaus, aber so richtig ist der Funke nicht übergesprungen. 

Jens Spahn ist sofort im Spiel. In der Zukunft. Im Jahr 2040. Bis in die letzten Stunden vor dieser Rede habe er Ratschläge erhalten: „Sei‘ doch nicht so ungeduldig. Du hast doch noch so viel Zeit.“ So viel Zeit? Papperlapapp. Was wäre wohl geworden aus der deutschen Einheit oder dem vereinten Europa, wenn Helmut Kohl gesagt hätte: „Du hast noch so viel Zeit.“ Also kein Zurück und kein Weiter so!, sondern Zukunft.

2030 oder 2040 – das klinge noch weit weg, sei aber schnell da. Zukunft brauche Ungeduld. Und Tatendrang. Und Sicherheit. Und Innovation. Er stehe nicht hier, weil er so blendende Wahlchancen habe. Warum dann? „Es fühlt sich richtig an, hier zu stehen“, sagt Spahn. Für eine fühlt es sich besonders richtig an, hier in der Messe Hamburg zu stehen: für Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie wischt sich eine Freudenträne aus den Augen. Um 16.58 Uhr ist sie die nächste Vorsitzende der Bundes-CDU. Die Partei hatte die Wahl. Sie hat einen moderaten Neustart gewählt. Und die größere Gewinnerwartung.