Der "Wander-Präsident"

"Die Würde des Amtes verträgt sich durchaus mit Bürgernähe"

Joachim Gauck bei der Festrede zum 100. Geburtstag von Karl Carstens. Der fünfte deutsche Bundespräsident starb 1992. FOTO: HORST MÜLLER

Joachim Gauck bei der Festrede zum 100. Geburtstag von Karl Carstens. Der fünfte deutsche Bundespräsident starb 1992.

BONN. Karl Carstens war ein Mann der Superlative. Ende 1972 wurde er Bundestagsabgeordneter, ein halbes Jahr später schon Chef der Unionsfraktion, 1976 Bundestagspräsident und drei Jahre später Bundespräsident.

 "Das war die schnellste und steilste Karriere, die es auf dem Bonner Parkett je gegeben hat", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert gestern Mittag zum Abschluss des von der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgerichteten Festaktes zu Ehren von Carstens, der am nächsten Sonntag 100 Jahre alt würde.

Rund 800 Weggefährten, Familienangehörige, Parteifreunde, Meckenheimer Nachbarn und der Shanty-Chor "Capstan" aus Carstens Heimatstadt Bremen waren in den alten Bundestag gekommen - allen voran die drei aktuellen Nachfolger Carstens in den hohen Ämtern: neben Bundestagspräsident Lammert Unionsfraktionschef Volker Kauder und Bundespräsident Joachim Gauck.

Der erinnerte in seiner Festrede an den "Wander-Präsidenten", der die Republik von der Ostsee bis zu den Alpen durchquerte und dabei Tausenden Menschen begegnete. "Nach 60 Tagen und 1600 Kilometern war Karl Carstens und seiner Frau Veronica wohl keine Sorge mehr fremd, die es im Bundesgebiet gab", sagte Gauck, "er zeigte, dass sich die Würde des Amtes durchaus mit Bürgernähe verträgt." Dass es 1979 Diskussionen um die Präsidentschaftskandidatur gab, weil Carstens NSDAP-Mitglied war, verschwieg Gauck nicht. "Er selbst sagte damals, dass er 'verstrickt' gewesen sei", so Gauck über Carstens.

Tatsächlich sei Druck auf den jungen Juristen ausgeübt worden, "dass er, um Rechtsanwalt zu werden, in die Partei eintreten müsse". Nur wenige Repräsentanten der frühen Bundesrepublik hätten auf eine Biografie ohne Verstrickung und Widerspruch zurückblicken können. Manches aber, so Gauck, wäre leichter gewesen, "wenn mehr Betroffene früher Schuld auch als Schuld benannt und anerkannt hätten".

Carstens war nach dem Krieg Rechtsanwalt in Bremen, ab 1949 Bevollmächtigter des Landes beim Bund, vertrat die Bundesrepublik beim Europarat, wurde Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt und später dort Staatssekretär, ebenso wie auf der Hardthöhe und im Kanzleramt. Mit dem Regierungswechsel 1969 schien seine Karriere vorerst zu Ende, Carstens arbeitete als Professor für europäisches Recht an der Kölner Uni und als Direktor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Bonn. Doch weil die schleswig-holsteinische CDU ihn 1972 für den Bundestag nominierte und er überraschend über den letzten Listenplatz reinrutschte, machte er dann seine Karriere im Parlament.

Norbert Blüm hat Carstens als Fraktionschef kennengelernt - und hat gute Erinnerungen. Als junger Abgeordneter hatte Blüm einmal gegen die Fraktionsmehrheit gestimmt und musste zum Rapport. "Da war Stimmung im Bau, ich galt als einer der vier schlimmen Leute", erinnerte sich Blüm gestern im Gespräch mit dem GA. Doch dann die Überraschung: "Carstens war von großer Souveränität. Er hat nicht meine Meinung geteilt, aber auch nicht die Spur von Druck auf mich ausgeübt. Das verstehe ich unter liberal und tolerant."