Porträt über Grünen-Politiker Tom Koenigs

Der Besuch des Paten

Tom Koenigs.

Tom Koenigs.

BERLIN. Sperre eins: überwunden. Sperre zwei: ebenfalls durchgewunken. Sperre drei: noch ein kritischer Blick auf den Fahrer, aber dann ist Tom Koenigs dort, wo er hin wollte: im Gefängnis "Picota de Bogotá", achtstöckige Betonburg ohne Fenster, nur Schlitze, ungefähr 8000 Häftlinge.

Einer von ihnen: David Ravelo Crespo. Der Menschenrechtsaktivist ist für Koenigs der wichtigste Grund einer Reise durch drei Länder Lateinamerikas in Begleitung des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier (SPD) bis Anfang vergangener Woche. Denn: Koenigs ist seit Mai 2012 der Pate von Crespo im Programm "Parlamentarier schützen Parlamentarier" des Deutschen Bundestages.

Ob der Grünen-Abgeordnete diesem Ziel womöglich bei einer Tasse kolumbianischen Kaffees näher gekommen ist? Egal. Tom Koenigs hatte vorgearbeitet. Ein Gespräch mit dem kolumbianischen Botschafter in Deutschland, Juan Mayr Maldonado, im "Café Einstein" in Berlin legte die Basis. Einige Zeit später und 10 000 Kilometer weiter hatte es der Grünen-Menschenrechtspolitiker mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes, der Deutschen Botschaft in Bogotá, der Fürsprache des kolumbianischen Botschafters Maldonado und einem entscheidenden Telefonat des kolumbianischen Justizministers Yesid Reyes Alvarado mit der Gefängnisleitung geschafft: Koenigs durfte in einem Botschaftswagen das Tor zum Gefängnis passieren.

Der Besuch hat einen guten Grund: Programmpate Koenigs will Crespo möglichst wieder in die Freiheit verhelfen. Crespo, Menschenrechtsverteidiger aus Barrancabermeja, war dort Mitglied des Stadtrates und Mitbegründer einer Organisation, die Menschenrechtsverletzungen von Guerilla-Gruppen, Militär und Milizen wie auch die Verbindung der früheren Regierung und von Ex-Präsident Alvaro Uribe zu Paramilitärs aufgedeckt hat. Doch Unabhängigkeit der Justiz in Kolumbien ist ein sehr relativer Begriff. Crespo wurde 2012 wegen angeblicher Beteiligung an einer Verabredung zum Mord aus dem Jahr 1991 verhaftet und zu 18 Jahren Haft verurteilt. Inzwischen stehen Hauptankläger sowie Zeugen dieses "höchst fragwürdigen Verfahrens wegen anderer Straftaten wie Meineids und falscher Beschuldigung vor Gericht oder sind bereits verurteilt, wie Koenigs mitteilt.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete, ein Mitarbeiter der deutschen Botschafter und Crespos Anwalt werden schließlich vom Gefängnisdirektor persönlich empfangen. Ein winziges, schmuckloses Büro. Der Direktor sagt, er kenne den Inhaftierten Crespo gut, er sei sogar mit ihm befreundet, was immer das heißen mag. Der Gefangene Crespo wird geholt, der Direktor verlässt das eigene Büro, damit der Gast aus Deutschland ungestört sprechen kann. Crespo wirkt "ungebrochen", so Koenigs. Die Hoffnung: Das Oberste Kassationsgericht Kolumbiens könnte in einem weiteren Verfahren das Urteil gegen Crespo aufheben.

Der 71 Jahre alte Koenigs ist damit in einer weiteren Menschenrechts-Mission unterwegs. Der einstige Stadtkämmerer von Frankfurt am Main übernahm 1999 den Job als Leiter für die zivile Übergangsverwaltung im Kosovo, wo er einen funktionierenden Polizei- und Justizapparat installieren sollte. 2002 wechselte er als UN-Sonderbeauftragter nach Guatemala. 2004 wurde er für ein Jahr Menschenrechtsbeauftragter der damaligen rot-grünen Bundesregierung. Von 2006 bis 2007 ging er als UN-Sonderbeauftragter nach Afghanistan.