Profi-Politiker für einen Tag

Bonner Schüler simulieren bei Erstwählerkonferenz die Bundestagswahl

Große Koalition oder Jamaica-Bündniss? Die Schüler diskutieren im Stadthaus über die Optionen der Union.

BONN. Die Bundestagswahl ist vorbei. Weder haben CDU/CSU und FDP ausreichend Stimmen für ein Fortbestehen der bürgerlichen Regierung erzielt, noch reicht es für eine rot-grüne Koalition. "Das geringste Übel wäre eine Zusammenarbeit mit der SPD in einer großen Koalition", befindet ein führender CDU-Politiker in der schnellstens einberufen fraktionsinternen Besprechung.

Oder doch besser eine Jamaica-Koalition? "Ich glaube nicht, dass FDP und Grüne wirklich kompatibel sind", wirft ein anderes Fraktionsmitglied ein. Nein, es handelt sich dabei nicht um Volker Kauder und auch nicht um eine Zeitreise zwei Wochen in die Zukunft: Auf der Erstwählerkonferenz im Stadthaus sind gestern Bonner Schüler in die Rolle deutscher Spitzenpolitiker geschlüpft und haben sich so über die Positionen und Koalitionsoptionen der Parteien bei der Bundestagswahl am 22. September informiert.

Rund 100 junge Erwachsene zwischen 18 und 22 Jahren, die in zwei Wochen das erste Mal an der Bundestagswahl teilnehmen, fanden sich im Bonner Stadthaus ein, viele von ihnen Schüler der Bertolt-Brecht-Gesamtschule, der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule sowie des Friedrich-List-Berufskollegs, des Berufskollegs Robert-Wetzlar, des Heinrich-Hertz-Europakollegs und des Wirtschaftsgymnasiums Bonn-Duisdorf. Aber auch Einzelne konnten sich für die ganztägige Veranstaltung des Bonner Vereins zur Förderung politischen Handelns (v.f.h.) anmelden.

"Unser Ziel ist es, junge Menschen so auf die Bundestagswahl vorzubereiten, dass sie eine aufgeklärte Entscheidung treffen können. Aber wir wollen ihnen auch einfach Lust aufs Wählen machen", sagte v.f.h.-Geschäftsführerin Ute Rawert. Das sei besonders wichtig angesichts der Tatsache, dass 2009 bundesweit nur 60 Prozent der Erstwähler von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht hätten.

Bevor die Fraktionen sich berieten, erarbeiteten die Schüler in Workshops die Positionen der fünf im Bundestag vertretenen Parteien zu Themen wie "EU-Finanzkrise" oder "Zukunft der Energiepolitik". Nachdem die Parteien sich untereinander einig über ihre Koalitionswünsche und die Bereitschaft zu Kompromissen geworden waren, standen gewählte Fraktionssprecher bei einer simulierten Pressekonferenz Rede und Antwort.

Beim politischen Speed-Dating konnten sich die Erstwähler dann am Nachmittag in kleinen Gruppen jeweils ein Viertelstunde lang mit den Bonner Direktkandidaten Claudia Lücking-Michel (CDU), Ulrich Kelber (SPD), Katja Dörner (Grüne) und Paul Schäfer (Linke) unterhalten. FDP-Kandidat Guido Westerwelle wurde von dem Bonner Liberalen und Landtagsabgeordneten Joachim Stamp vertreten.

Flankiert wurden die Konferenz von zwei simulierten Wahlen. Ob sich im Laufe des Tages die Präferenz der Schüler geändert hat, wird sich erst bei der Auszählung zeigen. Ute Rawert hofft jedenfalls, dass sie alle auch bei der echten Bundestagswahl den Weg zu Urne finden werden.