Wahl in Bonn

Bernhard Smolarz und seine Bonner Piraten feiern den NRW-Triumph

Als die ersten Ergebnisse verkündet werden, bricht im "Fabiunke" Jubel aus. Die Piraten suchen nun Räume für eine Geschäftsstellle, kündigt Kandidat Bernhard Smolarz (links, mit Lufballon) an

BONN. Sie haben keine Chance, und sie sind bestens gelaunt. Valentin Brückel (31) steht auf der Landesliste der Piratenpartei zu weit hinten, um es nach Düsseldorf zu schaffen. Für Bernhard Smolarz (42), Direktkandidat im Wahlkreis 29, sieht es auch nicht besser aus. Eins jedoch wissen beide genau, während sie auf die erste Hochrechnung warten: Ihre Piraten werden in wenigen Minuten zu den Wahlsiegern gehören.

Kurz vor 18 Uhr im Keller des Altstadt-Lokals "Fabiunke": 20, 30 Piraten drängen sich in dem engen Raum, nippen an Bier und Wein, und verfolgen auf einer Leinwand die ARD-Wahlsendung. Die Luft ist stickig, die Stimmung gelöst. Man witzelt über Norbert Röttgen, der in diesem Moment wohl schon um sein Debakel weiß.

"Der wartet mit laufendem Motor an der Autobahnauffahrt", lästert Brückel. Dann die ersten Zahlen: 7,5 Prozent für die Piraten! Jubel, Klatschen, gereckte Fäuste. Ein junger Mann zückt sein Smartphone, schreit: "Im ZDF haben die Piraten acht Prozent." Was sofortige "Umschalten"-Rufe provoziert.

"Wir sind anders als die etablierten Parteien", sagt Smolarz, während sein kleiner Sohn Timmy einen Luftballon durch die Luft kickt - einen orangefarbenen natürlich. "Wir lehnen Fraktionszwang ab; uns geht es um Themen und nicht um Koalitionen." Das hat der Informatiker in den vergangenen Wochen ziemlich oft erzählt. Auf dem Münsterplatz hatten die Piraten täglich einen Info-Stand, dazu kamen Podiumsdiskussionen und Stadtteiltermine.

Knapp 30 aktive Wahlkämpfer zählte Smolarz. 200 Mitgliedern haben die Piraten nach seinen Angaben in Bonn. "Der Wahlkampf hat den Zulauf verstärkt. Das ist schon rasant." Ihr Wahlkampfbüro an der Münsterstraße räumt die Partei in einer Woche; die Miete war für die Wahlkampfzeit gespendet worden. Jetzt sollen Räume für eine dauerhafte Geschäftsstelle gesucht werden, die mit Ehrenamtlichen besetzt werden soll. Zuständig ist der Kreisverband nur fürs Stadtgebiet. Mitstreiter aus dem Rhein-Sieg-Kreis, so Smolarz, dächten gerade über die Gründung eines eigenen Verbandes nach.

Die Piraten sind an diesem Abend euphorisiert - auch die vergleichsweise wenigen Piratinnen. "Ja, ich bin happy", sagt Versicherungskauffrau Jennifer Wilhelm (27), während Kandidat Brückel mit seinem Netbook auf der Suche nach UMTS-Empfang durchs Lokal streift. Seit der Fukushima-Katastrophe ist Jennifer Wilhelm bei den Piraten. Was sie an der Partei schätzt: "Die Transparenz. Und die Möglichkeit für jedermann, aktiv mitzumischen."

Michael Paetau, Mitbegründer des Kreisverbandes und einer der wenigen Sacko-Träger im Fabiunke, freut sich über den Motivationsschub, den der Wahlkampf gebracht habe. "Jetzt werden wir lernen, wie die parlamentarische Arbeit funktioniert", sagt der 64-Jährige, der Mediensoziologie an der Uni Bielefeld lehrt.

Wie ist das für einen Wissenschaftler, wenn den Piraten immer wieder mangelnde Sachkunde vorgeworfen wird? Wenn sie zum Beispiel kostenlose Bus- und Bahnnutzung für alle versprechen, ohne zu sagen, wo das Geld herkommen soll? "Das trifft mich nicht", versichert Paetau. "Wir sind die einzige Partei, die noch Visionen hat. Wer aber gleich über Kosten nachdenkt, hat eine Schere im Kopf."