Interview zum Thema Inklusion

"Behinderte können auch Leistungsträger sein"

Raul Krauthausen setzt sich im Rollstuhl dafür ein, dass Deutschland ein besserer Ort für Menschen mit Behinderung wird. Im Interview erklärt er, was falsch läuft bei der Inklusion und weshalb er weniger verdient als seine Angestellten.

Wenn Raul Krauthausen in seiner Heimatstadt Berlin unterwegs ist, kommt er selten ins Schwitzen. Bis zu zwölf Stundenkilometer schnell ist er mit seinem elektrischen Rollstuhl. Anstrengend wird es dann höchstens für den, der neben ihm läuft. Krauthausen hat das, was man umgangssprachlich „Glasknochen“ nennt. Der 38-Jährige nennt sich Inklusionsaktivist und setzt sich medienwirksam dafür ein, dass er und andere Menschen mit Behinderung es im Alltag nicht unnötig schwer haben.

Gibt es Orte, die Ihnen bis heute versperrt sind?

Raul Krauthausen: Der Berliner Fernsehturm.

Hat der keinen Fahrstuhl?

Krauthausen: Doch, aber du darfst da als Mensch im Rollstuhl nicht hoch, weil du nicht evakuiert werden kannst, wenn es brennt. Das ist typisch Deutsch. Weil ja was passieren könnte.

Sie sehen die Welt immer ein bisschen kaputter, sagten Sie mal. Weil Sie die Welt nicht aus 1,80 Meter Höhe sehen, sondern aus Hüfthöhe.

Krauthausen: Ich hatte mal ein sehr spannendes Gespräch mit einem Kind. Das Kind wurde von der Mutter gefragt, ob es Lust hat, auf den Markt zu gehen. Das Kind sagte: Nein, ich will nicht, weil ich dann immer Taschen und Zigaretten im Gesicht habe. Damit konnte ich mich sehr gut identifizieren. Ich sehe Hintern und Hüften. Im Bus gucken Kinder im Kinderwagen auch immer vor eine Wand. Für die Abstellplätze hat niemand bedacht, dass die Fenster dort tiefer sein sollten.

Wie kann man überhaupt bei Menschen, die keine Behinderung haben, ein Bewusstsein für Leute mit Behinderung schaffen?

Krauthausen: Sie sollten sich vorstellen: Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie ausgeschlossen werden, weil Sie nicht mitgedacht wurden? Und dann fragen Sie sich mal: Wie viele Kollegen mit Behinderung arbeiten in Ihrem Verlag und warum sind es nicht mehr? Wie viele Menschen mit Behinderungen kennen Sie in Ihrem Freundeskreis? Wir halten uns davon ein wenig fern, vielleicht weil uns das Thema unangenehm ist, weil wir mit unserer eigenen Verwundbarkeit konfrontiert werden. Dabei ist Barrierefreiheit für alle sinnvoll. Die Gesellschaft wird älter, wir alle werden älter und sind stärker eingeschränkt. Es betrifft nicht nur die anderen. Davon müssen wir wegkommen.

Eine Sache habe ich erst durch die Recherche zu diesem Interview erfahren. Sie haben eine Verdienstobergrenze. Wie bitte?

Krauthausen: Aufgrund des so genannten Teilhabegesetzes darf ich nur knapp das Doppelte des Hartz-IV-Satzes verdienen, das sind knapp 700 Euro nach Abzug der Miete. Alles darüber müsste ich anteilig abgeben. Der Staat begründet es damit, dass er mir die Assistenten bezahlt, die mir im Alltag helfen.

Sie verdienen deshalb als Chef des Vereins Sozialhelden weniger als Ihre Angestellten. Rücklagen dürfen Sie auch nur bedingt aufbauen.

Krauthausen: Und steuere auf die Altersarmut zu. Menschen mit Behinderung werden behandelt wie Hartz-IV-Empfänger, nur dass wir nicht mehr daraus hinauskommen, weil wir die Behinderung in der Regel ein Leben lang haben.

Sie könnten auch auf die staatliche Unterstützung verzichten.

Krauthausen: Dann müsste ich aber 8000 bis 10 000 Euro im Monat verdienen. Das Argument ist, dass behinderte Menschen die Unterstützung der Solidargemeinschaft bekommen und sich deshalb auch an den Kosten beteiligen müssen. Aber ein Millionär bekommt ja auch vermögensunabhängig Kindergeld, warum beteiligt der sich nicht an den Kosten? Die Schwachen werden als Kostenfaktor gesehen, die Millionäre als Leistungsträger. Behinderte Menschen können auch Leistungsträger sein, wenn man sie lässt.

Wo hat Deutschland in Sachen Inklusion den größten Nachholbedarf?

Krauthausen: Auf jeden Fall bei der Verpflichtung der Privatwirtschaft und beim Ausschluss behinderter Menschen von Wahlen. Wer eine geistige Behinderung und einen Vormund hat, darf nicht wählen. Da ist Deutschland innerhalb Europas eine Ausnahme, es betrifft 80 000 Menschen. Unternehmen können nicht verpflichtet werden, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Da kommen wir nur mit Gesetzen und Quoten weiter. Marktwirtschaftlicher Druck reicht nicht. Auch bei der Inklusion an Schulen gibt es große Mängel. Da wird immer noch nicht darüber nachgedacht, die Förderschulen grundsätzlich abzuschaffen. Die Maschine ist eben geölt.

Wie meinen Sie das?

Krauthausen: Es ist immer leicht, Menschen, die unbequem sind, auszusortieren, und den Eltern so viele Gründe vorzusetzen, warum es ihrem Kind auf der Förderschule besser geht. Aber man schaut nie, wie es den Kindern auf der Förderschule ergeht. Am Ende hat man ganz viele Menschen, die nicht so qualifiziert sind, wie sie hätten qualifiziert werden können. Die landen dann in Behindertenwerkstätten und werden ausgenutzt.

Ist sich die Forschung einig, dass es besser ist, wenn Menschen mit Behinderung auf eine Regelschule gehen?

Krauthausen: Jedes Kind hat das Recht auf adäquate Bildung. Ob es blond ist, eine Behinderung hat oder eine andere Hautfarbe, das ist zweitrangig. Aber momentan passen wir in Deutschland Kinder der Schule an und nicht die Schule den Kindern. Eine Schule für alle ist für alle besser. Heißt aber auch, dass sie für alle funktionieren muss. Viele Kinder mit Behinderung gehen in einer Regelschule unter. Das liegt aber auch an der Inkompetenz von Pädagogen oder des Schulsystems, das die Ressourcen nicht zur Verfügung stellt und dann bestimmte Merkmale von Kindern als Anlass nimmt, diese wieder auszusortieren.

Dann sagen Leute: Okay, Inklusion von Körperbehinderten mag ja funktionieren, aber was ist mit den geistig Behinderten? Die können ja niemals auf denselben Stand gebracht werden.

Krauthausen: Es werden auch nicht alle Menschen Astronauten. Man muss doch rechtzeitig lernen, dass man bestimmte Dinge nicht kann, und das ist auch okay. Kinder mit geistiger Behinderung lernen auf einer Regelschule mehr, als wenn sie unter ihresgleichen sind, da zeigen Untersuchungen. Und je früher Kinder mit Behinderung konfrontiert werden, desto weniger Angst haben sie im Laufe ihres Lebens vor Behinderungen. Kinder mit Behinderung sitzen nicht nur schreiend in der Ecke und werfen mit Stühlen.

Dürfen wir, wenn es um Inklusion geht, über Geld reden?

Krauthausen: Inklusion ist ein Menschenrecht, deshalb dürften wir es eigentlich nicht.

Warum kosten Menschen mit Behinderung eigentlich nicht bloß Geld?

Krauthausen: Wenn Menschen in die Lage versetzt werden, etwas zu tun, was sie treibt, können sie auch Firmen gründen und Arbeitsplätze schaffen. Menschen mit Behinderung sind auch Kunden. Wahrscheinlich gäbe es die Hälfte unseres Gesundheitssystems nicht, wenn wir keine Menschen mit Behinderung hätten. Untersuchungen zeigen, dass jede Stufe am Eingang eines Drogeriemarktes 50 Prozent weniger Kunden bedeutet. Das betrifft nicht nur Behinderte, sondern auch die gestresste Mutter mit dem Kinderwagen. Und eines noch.

Ja?

Krauthausen: Haben nicht auch Menschen ohne Behinderung ein Recht darauf, mit Menschen mit Behinderung zusammenzuleben? Auch Menschen mit Behinderung können Ihnen etwas geben, anstatt immer nur in Interviews zu jammern.