Kommentar zu Antisemitismus

Bedrohung für alle

Ein Mann mit einer Kippa nimmt an der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" der Jüdischen Gemeinde teil.

Ein Mann mit einer Kippa nimmt an der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" der Jüdischen Gemeinde teil.

Bonn. Vieles von dem, was wir derzeit diskutieren, gab es bereits. Es gilt also ganz nüchtern festzuhalten, dass die deutsche Gesellschaft wieder von vorne anfangen muss, den Antisemitismus auszurotten, kommentiert GA-Chefredakteur Helge Matthiesen.

Antisemitismus in Deutschland hat viele Gesichter. Er ist auf der politischen Linken genauso zu Hause, wie bei den Ewiggestrigen der Rechten. Er tarnt sich als Israel-Kritik oder als Eintreten für die Menschenrechte ganz allein der Palästinenser.

Er vermischt Kritik an der Politik der israelischen Regierung mit den Stereotypen der gemeinen Judenfeinde oder der Wortwahl des Dritten Reiches. Er speist sich aus Gedankenlosigkeit genauso wie aus blankem Hass.

Es lohnt sich nicht, darüber zu klagen, dass es all das noch oder wieder gibt. Gut war es nie, denn Vieles von dem, was wir derzeit diskutieren, findet neuerdings öffentlich und im Netz statt, und war vorher eben nur in kleinen Zirkeln verbreitet. Vorhanden war es jederzeit. Es gilt also ganz nüchtern festzuhalten, dass die deutsche Gesellschaft wieder von vorne anfangen muss, den Antisemitismus auszurotten. Nichts weniger sollte das Ziel sein.

Gradmesser für Menschlichkeit

Es geht dabei um mehr als die deutschen Juden, oder um Israelis, die hier zu Gast sind. Es geht um uns alle. Der Umgang mit einer Minderheit, die in Jahrhunderten mehrfach erleben musste, dass sie wegen ihres Glaubens und ihrer Lebensweise brutal verfolgt, vertrieben und ermordet wird, ist ein Gradmesser für Menschlichkeit.

Es geht um die Frage, wie wir als Gesellschaft insgesamt mit unseren Minderheiten umgehen. Auch die Muslime, denen eine mittlerweile schon gesellschaftsfähige Ablehnung, auch hier wieder blanker Hass entgegenschlägt, gehören dazu. Es gibt andere Minderheiten, über die sich nachzudenken lohnt: Nationale Gruppen, Dunkelhäutige, Zuwanderer verschiedener Generationen und Menschen mit sexuellen Orientierungen, die nicht der Norm entsprechen.

Man muss das alles nicht mögen. Aber ohne Toleranz und einen Freiraum für diese Menschen, Minderheit sein zu dürfen, wird unser Land nicht funktionieren. Der Umgang mit Minderheiten ist ein Gradmesser für den Zustand einer Gesellschaft.

Situation auch in Bonn nicht gerade erfreulich

Schaut man auf das, was der jüdischen Gemeinde in Deutschland und auch in Bonn derzeit passiert, dann ist dieser Zustand nicht besonders erfreulich. Es mangelt an der notwendigen Toleranz und an der Bereitschaft, Konflikte friedlich zu lösen.

Das darf so nicht bleiben, vor allem wenn es um Juden in Deutschland geht, die ihre Religion zeigen und leben wollen. Vor dem Hintergrund der Geschichte und des Völkermordes, der von Deutschland ausging, gibt es eine besondere Verpflichtung, diesen Menschen gegenüber.

Antisemitismus zu bekämpfen ist keine Aufgabe, die sich delegieren lässt. Sonntagsreden von Politikern gibt es schon genug. Es ist Aufgabe für alle, Vorurteile zu überwinden, Antisemiten zu widersprechen – in der Schule, bei der Arbeit, im Internet und wo auch immer sie sich zeigen. Antisemitismus ist eine Bedrohung für uns alle.