"Schreiben nach Hören"

Auch Wissenschaftler streiten um die richtige Methode

Hat sichtlich Spaß am Schreiben: Die siebenjährige Bonner Grundschülerin Lina hat im ersten Schuljahr gelernt, alles nach Gehör zu Papier zu bringen.

Hat sichtlich Spaß am Schreiben: Die siebenjährige Bonner Grundschülerin Lina hat im ersten Schuljahr gelernt, alles nach Gehör zu Papier zu bringen.

Bonn. Die Lerntechnik "Schreiben nach Hören" ist Untersuchungen zufolge für Schreibanfänger nicht entscheidend. Eine Psychologin sieht Nachteile bei dem freien Konzept.

Simone Jambor-Fahlen kennt die Diskussion um den besten Weg zur richtigen Rechtschreibung von zwei Seiten – als Mutter und als Forscherin. Oft ginge es nur um Befindlichkeiten, findet die Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Fremdsprache an der Universität Köln. „Wir sind sehr um eine Versachlichung der sehr emotional geführten Debatte bemüht“, sagt sie.

Vorliegenden Schuluntersuchungen zufolge mache es keinen großen Unterschied, welche Lernmethode man anwende. „Ende der vierten Klasse haben sich alle Unterschiede nivelliert“, betont die Forscherin, die sich seit knapp fünf Jahren mit dem Anfangsunterricht im Lesen und Schreiben beschäftigt. Auch den oft gehörten Vorwurf, dass sich die Leistungen deutscher Schüler seit der Einführung der Methode „Lesen durch Schreiben“ verschlechtert hätten, kann sie empirisch nicht bestätigen. „Das ist ein kausaler Zusammenhang, der nicht richtig ist.“ Heutzutage seien Lebenswelt und Rahmenbedingungen anders, im Deutschunterricht würden andere Schwerpunkte gesetzt.

Ganz anders sieht das die Kölner Psychologie-Professorin Ellen Aschermann. Bei Kindern, die mit Schulbeginn schon einen großen Wortschatz aufwiesen und mit Sprache umgehen könnten, lasse sich am Ende des zweiten Schuljahres bei der Rechtschreibleistung kein Unterschied zu Mädchen und Jungen feststellen, die nach der klassischen Fibelmethode ihre ersten Wörter zu Papier brachten. Wenn bei ihnen das „phonologische Bewusstsein“ dagegen noch nicht so gut ausprägt sei, funktioniere die Methode weniger gut. „Dann haben sie durch „Lesen durch Schreiben“ sowohl bei der Motivation als auch bei der Kompetenz deutliche Nachteile.“ Gerade die stärkere Motivation der Kinder, Texte zu produzieren, führen die Befürworter des freien Schreibens immer wieder an. Empirisch nachgewiesen sei das nicht, so Aschermann.

"Keine Vorteile in der Methode"

Für die Kinder sei es auch schwierig nachzuvollziehen, warum es irgendwann plötzlich doch Rechtschreibregeln gebe, sagt die Psychologin weiter. „Das ist ein erhöhter Lernaufwand und den Kindern nur schwer zu vermitteln.“ Deshalb ist für sie klar: „Ich sehe keine Vorteile bei einer Methode, die den Kindern am Anfang viel Freiheit gibt, aber diese Freiheit später wieder einschränkt.“

Die Professorin plädiert deshalb für ein dezentes Korrigieren – „das machen wir mündlich auch ständig“ – und standardisierte Rechtschreibtests, damit die Lehrer wüssten, wo ihre Schüler im Altersvergleich stehen.

Für Aschermann hat die Methode des Schreibenlernens übrigens auch bei der Schulentscheidung für ihre eigenen Kinder Ende der 90er Jahre eine Rolle gespielt. Als eine Lehrerin erzählte, dass sie ganz altmodisch auf die Fibelmethode setze, war für sie klar: „Das ist unsere Schule.“

Eine große Fremdheit der Schulpraxis gegenüber

Dass es Hinweise gebe, dass rechtschreibschwächere Schüler stärker von einem strukturierten Ansatz profitieren würden, bestätigt Jambor-Fahlen. Allerdings sagt sie auch: Kritiker der Reichen-Methode gingen davon aus, dass diese durchgängig praktiziert werde – das mache aber keine Schule.

Die Schwierigkeit für die Lehrer liege sicher darin, den Übergang vom freien zum regelkonformen Schreiben hinzubekommen. „Im zweiten Schuljahr muss man anfangen, orthografische Prinzipien zu vermitteln“, betont auch sie. In dem Fall würden die Rechtschreibleistungen zum Ende der Grundschulzeit auch zufriedenstellend sein. Die Wissenschaftlerin plädiert dafür, eine Methodenvielfalt beim Schreibenlernen zuzulassen. Für sie gibt es nicht „eine richtige und eine falsche Methode“. Zudem sieht sie auch die Lehrkraft als entscheidenden Faktor an.

Jambor-Fahlen kann sich vorstellen, dass viel Kritik am „Lesen durch Schreiben“ auch daher rührt, dass man es früher einfach anders gelernt habe. So gebe es eine große Fremdheit der Schulpraxis gegenüber. Und die sei gleichbedeutend mit Angst.