Interview mit Linguist Jan Seifert

„Die Lust an der Provokation schwingt mit“

Begriffe setzen den Rahmen: Wenn es um die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer geht, geben Vokabeln wie „Welle“ oder „Tourismus“ eine Deutungsrichtung vor.

Begriffe setzen den Rahmen: Wenn es um die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer geht, geben Vokabeln wie „Welle“ oder „Tourismus“ eine Deutungsrichtung vor.

Bonn. Dass Sprache den Menschen entmenschlichen kann, ist kein neuer Vorwurf. Der Bonner Linguist Jan Seifert über den Umgang mit Metaphern. Mit ihm sprach Katharina Weber.

Warum benutzen Politiker Begriffe wie Ankerzentrum und Asyltourismus, wenn es um menschliche Schicksale geht?

Jan Seifert: Man muss diese Wörter sicherlich getrennt voneinander betrachten. Ankerzentrum und ähnliche Ausdrücke sind Wörter, die nach Verwaltungssprache klingen. Die Kritik an solchen metaphorisch-euphemistischen Bildungen ist relativ alt. Seit den 50er Jahren hat man immer wieder Anstoß genommen an einem Sprachgebrauch der „verwalteten Welt“ – das war ein Buch von Karl Korn. Das würde ich gar nicht als so problematisch ansehen. Asyltourismus ist sicherlich ein provokanter Ausdruck, der für die politische Auseinandersetzung nicht gut geeignet ist. Hier werden zwei unterschiedliche semantische Bereiche miteinander verknüpft: Asyl, das Schicksal eines Menschen, der bedroht ist, und Tourismus, Reisen aus Vergnügen. Das passt natürlich nicht zusammen. Insofern halte ich das in seiner Unschärfe für unbrauchbar und auch für unvorsichtig. Ich kann gar nicht richtig nachvollziehen, warum man so etwas macht, weil die Reaktionen vorhersehbar waren.

Warum nicht Wörter wie Sekundärmigration verwenden?

Seifert: Man könnte einwenden, dass es genauso technisch/bürokratisch ist wie Ankerzentrum. Ich vermute, dass da die Lust an der Provokation mitschwingt. Das ist in der politischen Auseinandersetzung so, gerade im Wahlkampf.

Sind das Anzeichen für eine Verrohung der Sprache?

Seifert: Da bin ich zurückhaltend. Ich will damit nicht sagen, dass man nicht über den Sprachgebrauch nachdenken soll, aber dass es jetzt zu so einem großen Thema wird, liegt vielleicht auch an der Jahreszeit.

Sommerloch? Interessant, dass Sie als Linguist so etwas sagen.

Seifert: Betrachtet man die Sprache als System, wäre es zu pauschal, von einer Verrohung zu reden. Dann gibt es den Sprachgebrauch von einzelnen Personen in bestimmten Situationen, den kann man sicherlich beanstanden. Was häufig auch kritisiert wird, sind Personenbezeichnungen.

Wie zum Beispiel?

Seifert: Viele Sprecher scheuen sich vor dem Begriff Flüchtlinge und benutzen stattdessen Partizipien wie Geflüchtete. Offenbar ist damit die Vorstellung verbunden, dass Substantivbildungen auf -ling von vorn herein abwertend sind. Ja, es gibt Eindringling oder Emporkömmling, aber es gibt auch Prüfling oder Liebling. Man kann also nicht sagen, dass sämtliche ling-Bildungen abwertendes Potenzial hätten. Ich würde auch nicht sagen, dass der Gebrauch von Flüchtling eine Verrohung darstellt. Aber man erkennt an solchen Bezeichnungen die Furcht davor, verletzende Ausdrücke zu gebrauchen. Das ist auch ein Ausdruck erhöhter Sensibilität in sprachlichen Fragen.

Festung Europa und Flüchtlingsstrom – welche Rolle spielen Metaphern in der Debatte?

Seifert: Eine ganz zentrale und zwar für die gesamte Sprache, weil wir ohne darüber nachzudenken abstrakte Sachverhalte über Metaphern ausdrücken. Ganz elementare Sprache ist mit sogenannten konzeptuellen Metaphern aufgebaut. Gut ist oben, schlecht ist unten. Man ist down, man ist wieder obenauf. Ähnlich funktioniert es auch im politischen Zusammenhang. Wir neigen dazu, uns komplexe Gegenstände über Metaphern sprachlich verfügbar zu machen. Flüchtlingsströme heißt, individuelle Personen treten zurück, sind Teil einer Masse, die letztlich als Bedrohung empfunden wird. Eine Redeweise, die an Naturkatastrophen erinnert. Interessanterweise sind diese Metaphern kein Ausdruck einer bestimmten politischen Haltung, sie kommen auch in Zeitungen wie der „Zeit“ vor.

Ist es nicht gefährlich, wenn man aus Menschen Zahlen macht?

Seifert: Dass der einzelne Mensch zurücksteht, ist auch in der Geschichte der Sprachkritik immer beanstandet worden, deswegen ist es eigentlich ein alter Hut. In den 50er Jahren hatte der Bonner Professor Leo Weisgerber die Idee, dass es inhuman sei, wenn der Mensch sprachlich als Akkusativobjekt auftritt. Zum Beispiel jemanden betreuen. Aus heutiger Sicht ist das kein Problem, es kommt auf die Perspektive an. Als Journalist kann ich über ein Individuum exemplarisch berichten, aber für Politiker, die Lösungen finden müssen, ist es nicht zulässig, mit dem Einzelschicksal zu operieren. Das mag dann technokratisch und unmenschlich wirken, aber es scheint mir die angemessene Form zu sein.