Gesundheit

Wirksamer Bodenschutz oder krebserregende Substanz?

Aktivisten vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) demonstrieren vor dem Bundestag in Berlin gegen den Einsatz von Glyphosat.

Aktivisten vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) demonstrieren vor dem Bundestag in Berlin gegen den Einsatz von Glyphosat.

Brüssel. Selbst die Experten streiten über Vorteile und Risiken des Pflanzenschutzmittels Glyphosat. Eine Studie der Europäischen Chemieagentur soll Klarheit bringen.

Wahrscheinlich krebserregend“ – zu diesem Ergebnis kamen im vergangenen Jahr die Forscher der Internationalen Krebsforschungsbehörde (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO). „Es ist unwahrscheinlich, dass der Stoff krebserregend ist“, schrieben die Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Tatsächlich gehen die Argumente über die Chancen und Risiken von Glyphosat weit auseinander.

Befürworter wie Klaus Gehring von der Landesanstalt für Landwirtschaft im bayerischen Freising sehen das Präparat als „wirksamen Bodenschutz“. „Glyphosat ist ein breit wirksames Herbizid, das sich systematisch in der Pflanze verteilt“, sagt er. Obwohl die Halbwertszeit relativ lange sei, werde der Stoff im Boden durch Absorptionsprozesse inaktiviert. „Durch diese Bindung und den mikrobiellen Abbau besteht unter normalen Standortbedingungen kein Risiko für die Verlagerung in tiefere Bodenschichten.“ Also keine Gefahr für das Trinkwasser?

Dagegen sprechen andere Untersuchungen auch aus Deutschland. So wurden vor wenigen Wochen im Rahmen einer Untersuchung in deutschen Bieren immerhin Rückstände zwischen 0,46 bis 29,74 Nanogramm je Liter gefunden – 0,1 ng/ml sind im Trinkwasser erlaubt. Andere Untersuchungen zeigten, dass die Werte im Urin bei getesteten Bundesbürgern den Richtwert für Trinkwasser um das 42-fache überstiegen.

Etwa 40 Prozent der deutschen Ackerflächen werden mit Glyphosat behandelt

Bisher erlauben die deutschen Vorschriften „maximal zwei Behandlungen im Abstand von mindestens 90 Tagen“, bei denen höchstens 3,6 Kilogramm des Wirkstoffes pro Hektar und Jahr versprüht werden dürfen. Schätzungen zufolge werden rund 40 Prozent der deutschen Ackerflächen mit dem Pflanzenschutzmittel behandelt.

Für die zunehmenden Risiken sehen Experten vor allem drei Gründe: Da ist zum einen die vermehrte Nutzung von Glyphosat. Zum zweiten steigen die Gesundheitsgefahren durch Zusatzstoffe wie hochgiftige Tallowamine, die Brüssel nun sofort ganz verbieten will. Eine Negativliste für weitere Zusätze soll folgen.

Darüber hinaus scheint die unsachgemäße Anwendung vor allem außerhalb der Landwirtschaft eine große Rolle zu spielen. In einer Initiative des Bundesrates wurde deshalb bereits ein Verbot der Anwendung im heimischen Garten gefordert, das sich auch die Europa-Abgeordneten zu eigen machten – allerdings vergeblich, wie der nun bekannt gewordene Vorschlag der Kommission zeigt.

Während die Befürworter also die positive Wirkung auf „schwer bekämpfbare Unkräuter in Notfällen, wenn keine Alternative verfügbar ist oder ein vollständiger Ernteausfall droht“ (Gehring), loben, fürchten die Gegner die Folgen für die menschliche Gesundheit. Bei Greenpeace heißt es: „Solange wir keine endgültige Aussage darüber haben, ob der Stoff krebserregend ist oder nicht, sollten wir ihn nur eingeschränkt verwenden.“ Viel versprechen sich die Umweltorganisationen von einer Untersuchung, die derzeit noch läuft: Nach den Krebsspezialisten der WHO hat sich inzwischen die Europäische Chemieagentur eingeschaltet. Ihr Ergebnis steht aber noch aus.