Der Krieg in den Köpfen

Wie ist die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" zu erklären?

Die Hoffnung auf den schnellen Sieg: Bayerische Soldaten winken bei der Mobilmachung im August 1914 aus dem Zugfenster. Zu Weihnachten wollen sie wieder in der Heimat sein.

BONN. Was im August 1914 ausbrach, war keine unvermittelte "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", sondern Ergebnis einer langen Entwicklung. Materialschlachten" nannte sich eine von den Germanisten Christian Meierhofer, Jens Wörner und Michael Schikowski organisierte Tagung im vergangenen Jahr an der Universität Bonn.

Es ging um publizistische Aufrüstung vor und während des Ersten Weltkriegs, um Mythen und Verhaltensmuster, um die Vorgeschichte und den Krieg in den Köpfen. Gewissermaßen ist das, was wir publizistisch zum Gedenkjahr 2014 erleben, auch eine Art Materialschlacht. Was wird diskutiert, wie ist die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" zu erklären?

Rund 60 Jahre hat sich niemand so recht für den Ersten Weltkrieg interessiert. Plötzlich bricht nun eine Flut von Publikationen, Radio- und TV-Sendungen über uns herein. Es gibt originelle Beiträge darunter, aber auch sehr strategisch gesetzte. Ist das das übliche Ritual bei Gedenkjahren? Oder gibt es tatsächlich Neues zu sagen? Stellen sich Fragen, die heute für uns wichtig sind?

Michael Schikowski: Auch das Nichtfragen spielt hier eine Rolle. So stellt Herfried Münkler in seinem Buch "Der große Krieg" fest, dass 1964 die letzte Gesamtdarstellung zum Ersten Weltkrieg erschienen ist.

Wie erklären Sie sich das?
Schikowski: Es gab bei vielen deutschen Historikern eine stillschweigende Übereinkunft darüber, dass die Deutschen ohne Zweifel für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich seien - beim Ersten Weltkrieg sei das aber anders. Zwei Publikationen erschütterten diese These. Emil Ludwigs "Juli 14" (1929) und "Griff nach der Weltmacht" von Fritz Fischer (1961) haben sich ganz deutlich positioniert: Deutschland habe nicht nur eine politische Verantwortung, sondern sei weitgehend beteiligt an der Eskalation, die zum Ausbruch des Krieges führte. Das war für Historiker der 30er und 60er Jahre eine Zumutung, eine These, die man diskutieren musste. Man nannte das die Fischer-Kontroverse. Christopher Clark, ein nichtdeutscher Historiker, hat mit seinem 2013 erschienenen Buch "Die Schlafwandler" auch deshalb einen riesigen Erfolg, weil er die These aufstellt: Es gibt keine Alleinschuld.

Hat Clark die Debatte neu entfacht?
Schikowski: Im Grunde ist die Schuldfrage gegessen. Es gibt aber bei Clark einen interessanten Aspekt hinsichtlich des Zweiten Weltkriegs. Der ist ohne den Versailler Vertrag - ein unfairer Vertrag - nicht denkbar. Hat also, folgt man der Argumentation von Clark, Frankreich mit Schuld am Zweiten Weltkrieg?

Clark setzt mit seiner Analyse zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1903 bei der Ermordung des serbischen Königspaars durch putschende Offiziere und den Terroraktionen der serbisch-nationalistischen "Schwarzen Hand" an. 1914 folgt dann das Attentat in Sarajewo...
Schikowski: Wir nennen das Gewaltkultur, die ohne Rücksicht auf Verluste politische Ziele durchsetzt, das Überleben einer Gruppe an die Ausübung von Gewalt koppelt. Für Serbien reicht die Entwicklung bis hinein in den Balkankrieg der 1990- er Jahre. Was die Betrachtung des Phänomens Gewaltkultur angeht, sehe ich Defizite im Geschichtsunterricht. Man beleuchtet den Weg von Bismarck bis Hitler. Die Zwischenschritte - Ludendorff, Hindenburg - und die kontinuierliche Gewaltkultur sind erst in den letzten Jahren aufgearbeitet worden. Durch Ludendorff und Hindenburg versteht man allerdings erst den Weg von Bismarck bis Hitler. Das sind die Schnittstellen.

Was schließen Sie daraus?
Schikowski: Wenn man den Verlauf des Ersten Weltkriegs als Blaupause für den Zweiten Weltkrieg nimmt, lässt sich wunderbar der Wiederholungszwang herausarbeiten. Mit einem fatalen Fehlschluss: Denn, wenn ich mir die Karte des Deutschen Reichs anschaue, sehe ich, dass der Erste Weltkrieg mit Ausnahme von Ostdeutschland ganz am Anfang des Krieges im Reich gar nicht stattfand, man kämpfte in Frankreich, in Russland, in Afrika. Das hat die Mentalität geprägt. So ging man in den Zweiten Weltkrieg. Eine komplette Besetzung Deutschlands war undenkbar. Hitler bis Göring haben im Ersten Weltkrieg gekämpft. Von Göring gibt es den berühmten Satz: "Wenn auch nur ein feindliches Flugzeug unser Reichsgebiet überfliegt, will ich Meier heißen!"
Christian Meierhofer: Also taugt der Erste Weltkrieg doch nicht als Blaupause für den Zweiten Weltkrieg. Aber mentalitätsgeschichtlich und bewusstseinsgeschichtlich bot er die Voraussetzungen. Es gibt etliche Autoren, die im Ersten Weltkrieg Karriere machten und zu den Vorbereitern des Regimes ab 1933 gehörten. Die Gewaltkultur, die körperliche Gewalt im Krieg, aber auch politische Macht umfasst, zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahrzehnte. Was im Jahr 1914 geschah, war nicht die plötzlich auftretende "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", keine radikale Zäsur, sondern Ergebnis einer ganz langen Tradition. 1913 etwa erinnerte man mit martialischer Haltung an die heroischen Befreiungskriege gegen Napoleon vor hundert Jahren.

Und ein Jahr später zieht diese nationalistisch aufgeladene Nation mit Hurra in einen Krieg, der bis Weihnachten siegreich beendet sein sollte.
Meierhofer: Und sich schon 1916 als zermürbender Stellungskrieg festfuhr.

Gab es denn in der öffentlichen Meinung, in der Literatur keine Gegenstimmen?
Schikowski: Es gab eine, nicht erst ab 1916, sondern von Anfang an. Das war die Stimme von Karl Kraus, der sagte: Selbst wenn wir siegen, es ist eine Katastrophe. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kämpften gegen den Krieg, aber etwa die, Frauen- und die Arbeiterbewegung, die Friedensbewegung in England schwenkten 1914 zu 99 Prozent auf Kriegskurs. Sogar Gerhart Hauptmann und Max Liebermann machten mit. Der Pädagoge Friedrich Wilhelm Förster war ein erbitterter Kriegsgegner, nach Hitlers Machtergreifung wurden seine Bücher verbrannt.
Meierhofer: 1913 stand Deutschland mit der Produktion von Neuerscheinungen an der Spitze in Europa. 1914 schaltete man einfach auf publizistische Kriegsproduktion um. Man hatte die Kanonen eingestellt, nun konnte man feuern. Otto Nebel, Paul Zech und viele andere Literaten zogen als Freiwillige in den Krieg, machten Fronterfahrungen, realisierten, dass Gewalt nicht das Mittel war. Sie wurden zu Pazifisten, obwohl sie anfangs durchaus radikale patriotische Texte geschrieben hatten.
Schikowski: Wir müssen unser Bild der Literatur korrigieren.

Inwiefern?
Schikowski: Weil wir immer davon ausgegangen waren, dass Literatur generell das Andere ist, in sich pazifistisch ist. Wenn wir Karl Kraus und wenige andere ausklammern, ist Literatur Werbung. Die Gattung ist korrumpiert.

Gleichwohl galt und gilt Deutschland international als kultiviert, das Land der Dichter und Denker. Wie erklären Sie sich die Gewaltexzesse junger Soldaten, die gleich nach dem Beginn des Krieges im neutralen Belgien brandschatzten, Zivilisten erschossen?
Schikowski: Diese Vorgänge haben zu einem Deutschlandbild geführt, in dem die Deutschen als Hunnen auftreten. Das ist eine Darstellungsressource, die in den Köpfen schlummerte. Das Hunnen-Bild geht auf eine Rede von Wilhelm II. im Jahr 1900 zurück, als er seine Truppen in den Boxeraufstand schickte und sagte: "Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!" Und dann: "Wie vor tausend Jahren die Hunnen sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bestätigt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen." Die Darstellungsressource aus der "Hunnenrede" wird 1914 nach den Exzessen in Belgien wieder hochgeladen.

In den Schützengräben wurde mit archaischen Nahkampfgeräten Mann gegen Mann gekämpft. Woher kommt diese rohe Gewalt?
Schikowski: Da wurden die Gewaltexzesse der Weimarer Republik eingeübt, die Straßenschlachten.
Meierhofer: Diese ungeheuere Gewaltbereitschaft hat viele Ursachen. Das Deutsche Reich war eine Militärgesellschaft, in der Unterordnung und Gehorsam die Maxime waren und es stehende Redewendungen wie "Kampf ums Dasein" gab. Man grenzte sich vehement etwa gegen Sozialisten ab. In der wilhelminischen Gesellschaft ging der Einzelne in der Masse auf.
Schikowski: Der Wilhelminismus ist später belächelt und verniedlicht worden. Ottfried Preußlers Wachtmeister Dimpfelmoser mit der Pickelhaube ist eine lächerliche Figur, die Militärklamotte "De Etappenhas" mit den schlitzohrigen Soldaten Franz, Claus und Heini, die 1915 in Flandern stationiert waren, zeichnet ein lustiges, altbackenes Bild vom Wilhelminismus. Auch der "Untertan" von Heinrich Mann ist eine verharmlosende Karikatur. Dieses Bild des Wilhelminismus hat sich lange gehalten.

Aber es gab auch den rücksichtslosen, expansiven Wilhelminismus, der erst spät in den Kolonialwettlauf eingestiegen war und vehement einen "Platz an der Sonne" reklamierte.
Meierhofer: Das stimmt. Viel dazu beigetragen hat Charles Darwins Buch "The Origin of the Species" von 1859 mit dem deutschen Titel "Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe ums Daseyn". Dadurch entstand der Gedanke, dass auch Gesellschaften in den Kampf ums Dasein eintreten. Populärwissenschaften, Literatur und Forschung nehmen sich der Interpretation von Darwin an, Zeitschriften, Westermanns Monatshefte, die Gartenlaube berichten darüber. Mit dem Kolonialismus seit 1870/71 wird Darwin vom Biologischen aufs Politische übertragen.

Der Historiker Oliver Janz arbeitet das in seinem hervorragenden Buch "14 - Der Große Krieg" sehr gut heraus. Der Dreiklang Nationalismus, Imperialismus, Sozialdarwinismus zählt für ihn zu den Zutaten für die Gemengelage, die zum Ausbruch des Krieges führte. Was sollte man Ihrer Meinung nach unbedingt zum Ersten Weltkrieg gelesen haben?
Schikowski: Ulrich Siegs "Geist und Gewalt. Deutsche Philosophen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus" liefert wichtige geistesgeschichtliche Hintergründe. Da wird in der Wissenschaft einiges geradegerückt. Oliver Janz ("14 - Der Große Krieg"), Herfried Münklers ("Der Große Krieg. Die Welt 1914-1918") und Christopher Clark ("Die Schlafwandler") müssen hier genannt werden. Olaf Jessens szenisches Verdun-Buch und "Mars. Kriegsnachrichten aus der Familie", Rundbriefe der rheinischen Familie Trimborn, sind außergewöhnliche Publikationen.

Zur Person

Michael Schikowski arbeitet bei einem Verlag in Frankfurt und ist Lehrbeauftragter der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift "Non Fiktion - Arsenal der anderen Gattungen".

Christian Meierhofer hat Kommunikationswissenschaft, Deutsche Philologie und Englische Philologie in Münster studiert, war Lehrbeauftragter an der Universität Bremen und in Münster. Meierhofer ist Erasmus-Fachkoordinator und Koordinationsassistent für das Deutsch-Italienische Promotionskolleg der Universitäten Bonn und Florenz.