Energiegewinnung

Warum Chile ein Paradies für erneuerbare Energien ist

Beste Voraussetzungen: Ein Windpark in der Atacama-Wüste.

Beste Voraussetzungen: Ein Windpark in der Atacama-Wüste.

Santiago. Chile hat erkannt, wie es vom Öl- und Gaskonsumenten zum Produzenten von Solar-, Wind- und Wasserkraft wird. Eine entscheidende Rolle spielte dabei auch Argentinien.

Vor zwölf Jahren brach in Chile der Energienotstand aus. Schuld daran war Argentinien, von dessen Gaslieferungen Chile über Jahrzehnte abhängig war. Doch der große Nachbar machte Eigenbedarf geltend, brauchte das Gas selbst. „Für Chile war das ein Schock“, sagt Rainer Schröer, der in Chile für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) tätig ist. Denn die wichtige Bergbauindustrie hatte kaum noch Strom. Doch nach dem Schock kam die Erkenntnis: Wir haben doch eigentlich die besten Voraussetzungen, um selbst unter die Energieproduzenten zu gehen – und das vor allem mit Erneuerbaren.

Schließlich war die aus fossilen Brennstoffen und zumeist im Ausland produzierte Energie teuer und der Versorgungsweg zudem nicht immer verlässlich. Von der Erkenntnis bis zur Umsetzung dauerte es allerdings noch einige Jahre. „Chile ist ein Paradies für erneuerbare Energien“, sagt GIZ-Mann Schröer und zählt auf: Weil das Land in Teilgebieten so trocken sei und die Sonne oft vom blauen Himmel scheine, habe es die höchste Einstrahlungsrate der Welt und somit beste Voraussetzungen für die Solarenergie.

Zahlreiche vulkanische Quellen böten sehr gute Möglichkeiten für Geothermie. Und die lange Küste sowie die großen Höhenunterschiede im Land seien prädestiniert für Wind- und Wasserkraftwerke. Die Chilenen haben ausgerechnet, dass mindestens 1865 Gigawatt allein aus Solar, Wind und Kleinwasserkraft produziert werden könnten – und das bei einem momentanen maximalen Leistungsbedarf von nur elf Gigawatt im Land. „Da zeigt sich das riesige Potenzial“, sagt Schröer. Das Energienehmerland Chile hätte also schon längst zum Geberland werden können.

Es gab Vorbehalte gegenüber Sonne und Wind

Wenn da nicht die Netzbetreiber gewesen wären. Mit Gas und Importkohle hatten sie jahrzehntelang wetter- und klimaunabhängige Quellen gehabt. „Nun mussten wir sie überzeugen, dass sie auch mit Erneuerbaren Geld verdienen können, und wir haben ihnen gezeigt, dass die Netze in Deutschland auch Tage mit hoher Sonneneinstrahlung oder starkem Wind verkraften“, sagt Schröer.

Einer von jenen, die erhebliche Vorbehalte gegenüber Sonne und Wind hatten, war Ernesto Huber, der an der entscheidenden Stelle für die Koordination der Energieverteilung in Chile zuständig ist. Vor vier Jahren galt er noch als Betonkopf. Davon ist nichts mehr zu spüren, als er in einem schicken Konferenzraum seiner Einrichtung in der Innenstadt von Santiago die Vorzüge der Erneuerbaren hervorhebt. Nein, Probleme gäbe es nicht beim Ausbau, nur Herausforderungen. „Wir warten jetzt auf mehr und mehr Erneuerbare, damit wir dem Ziel immer näher kommen, unabhängiger von Gas und Öl zu werden“, sagt Huber, dessen Vorfahren aus der Schweiz nach Südamerika kamen.

Doch nicht nur die von Berufswegen mit Energiefragen befassten Chilenen dachten um. Auch in der Bevölkerung kam das Bewusstsein hinzu, mehr für den Klimaschutz zu tun. Hervorgerufen durch Überschwemmungen, große Trockenheit mit Waldbränden oder auch die Luftverschmutzung im Kessel von Santiago. Die deutschen Grenzwerte werden in Chiles Hauptstadt fast täglich überschritten.

Und so holte die 2013 gewählte sozialdemokratisch geführte Regierung alle maßgeblichen Akteure zusammen, entwickelte eine strategische Vision und begann ab 2014/15 einen so dynamischen Prozess, dass der Anteil von Sonnen- und Windenergie schon von 6 auf 19 Prozent gestiegen ist. Und das alles ohne Subventionen. „Wir greifen nicht in den Markt ein, sondern regulieren nur“, sagt Chiles Energieminister Andres Rebolledo, der heute als „Vater der Energiewende“ gilt.

Chile als Vorbild

Der bullige Mann lobt den Konsens in der Gesellschaft sowie unter den Politikern und erzählt, wie seine Regierung die Erneuerbaren wettbewerbsfähig gemacht hat: Ausschreibungen wurden zum Beispiel so gestaltet, dass Unternehmen Energie für bestimmte Zeiten anbieten konnten, zum Beispiel für jene Stunden, in denen die Sonne am wahrscheinlichsten scheint. Wenn man die Wasserkraftwerke hinzuzählt, liegt der Anteil der Erneuerbaren inzwischen bei 45 Prozent. Das Ziel sei, bis 2050 bei 70 Prozent zu liegen, sagt Rebolledo. „Doch die derzeitige Tendenz geht dahin, dass wir sogar 90 Prozent schaffen.“ Und womöglich gehe es ja noch schneller.

Chile als Vorbild, zum Beispiel auch für Deutschland? Da ist er zurückhaltend. Die große Herausforderung sei schließlich, genügend Speicherkapazität zu schaffen und die Energie von den Produktionsstätten im Norden ins Zentrum des Landes zu bekommen, wo rund die Hälfte der 18 Millionen Chilenen lebt. Stromtrassen vom Norden in den Süden?

Deutschen kommt das Problem bekannt vor. Doch weil das Land weit weniger besiedelt ist und der Staat mehr Grund besitzt als in Deutschland, kann er die Stromtrassen besser planen. Eine ist schon weitgehend fertig. Im Juli/August 2018 soll sie eingeweiht werden und über 800 Kilometer von der Atacama-Wüste in die Zentralregion Santiago führen.