Kommentar zu dem Giftgasanschlag

Verstörend

Spion Sergej Skripal 2006 bei einer Verhörung in Moskau.

Spion Sergej Skripal 2006 bei einer Verhörung in Moskau.

London. Steckt tatsächlich Moskau hinter dem „widerwärtigen und skrupellosen Verbrechen“, wie die britische Regierung den Anschlag nannte? GA-Korrespondentin Katrin Pribyl kommentiert den ungeheuerlichen Fall.

Der Fall ist ungeheuerlich. Auf britischem Boden werden ein ehemaliger russischer Doppelagent und seine Tochter Opfer eines Nervengas-Anschlags. Damit ist auch die Bevölkerung einem immensen Risiko ausgesetzt und allein dieser Umstand verstört. Bislang ist nicht geklärt, wer hinter dem Mordversuch auf Sergei und Yulia Skripal steckt und es dürfte Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis die Ermittlungen Klarheit liefern. Auch die britische Regierung wird sich zurecht mit öffentlichen Schuldzuweisungen zurückhalten.

Das Risiko, falsch zu liegen und damit unter Umständen eine diplomatische Krise zwischen dem Königreich und Russland auszulösen, wiegt zu hoch. Das Verhältnis beider Länder ist ohnehin angespannt, um nicht zu sagen auf einem Tiefpunkt. Die Tatsache, dass es sich um ein sehr seltenes Nervengas handelt, wird den Ermittlern helfen. Eine solche ungewöhnliche Substanz herzustellen und auszuliefern, erfordert eine beträchtliche Infrastruktur, die den Kreis der Verdächtigen verkleinern dürfte.

Sollte sich wirklich bestätigen, dass Moskau etwas mit der Attacke zu tun hat, wie Medien spekulieren, muss das Konsequenzen haben, die weit darüber hinausgehen, einige Diplomaten des Landes zu verweisen. Das passierte damals nach dem Tod Litwinenkos und hat die Beziehungen zwar nachhaltig gestört. Doch zwölf Jahre später rätselt die Insel abermals über einen Anschlag auf einen Ex-Spion. Was Russland härter treffen würde, sollte sich der Verdacht der Verwicklung erhärten, wären wirtschaftliche Sanktionen. Sie umzusetzen erfordert jedoch politischen Willen. Das Problem: In Großbritannien haben russische Oligarchen, Investoren und Geschäftsleute eine unverwischbare Spur hinterlassen.

Sie haben Zeitungen und Fußballteams gekauft genauso wie Immobilien in den teuersten Ecken Londons. Sie schicken ihre Kinder in die besten Schulen und halten exquisite Boutiquen in Londoner Luxusgegenden am Leben. Das Königreich hat finanziell enorm profitiert, tut es noch immer. Die Politik hielt sich deshalb zumeist heraus, wenn Kritik laut wurde. Das ist umso bemerkenswerter, weil es ein offenes Geheimnis ist, dass nicht nur gesetzestreue Russen, sondern auch schmutziges Geld und zwielichtige Menschen ins Land strömten. Außenminister Boris Johnson hat mit seiner Aussage Recht, dass Russland manchmal eben auch als „bösartige und Unruhe stiftende Macht“ agiere. Die Frage ist, wie die britische Regierung darauf reagiert.