"QAnon" und Alex Jones

Verschwörungstheorien blühen unter Donald Trump auf

Symbol der Verschwörungstheoretiker: David Reinert, Anhänger der QAnon-Bewegung, reckt Anfang August bei einer Veranstaltung mit Donald Trump in Pennsylvania ein großes „Q“ in die Luft.

Symbol der Verschwörungstheoretiker: David Reinert, Anhänger der QAnon-Bewegung, reckt Anfang August bei einer Veranstaltung mit Donald Trump in Pennsylvania ein großes „Q“ in die Luft.

WASHINGTON. Verschwörungsfanatiker haben im Zeitalter von Donald Trump eine neue Heimstatt gefunden. Ihre Wortführer sind die "QAnon"-Bewegung oder Alex Jones, der gefährlichste Vertreter der Fake-News-Szene.

Seit Amtsantritt von Donald Trump, der an manchen Tagen fast so oft lügt und schwindelt, wie andere Menschen atmen, sind Verschwörungstheoretiker in Amerika im Aufwind. Auf diversen Internet-Plattformen schießen konspirative Erzählungen ins Kraut, die bereitwillige Abnehmer finden. Zwei gegenläufige Phänomene schreiben gerade besonders dicke Schlagzeilen: „QAnon“. Und Alex Jones.

Mit der „QAnon“-Bewegung haben die Anhänger krudester Thesen, wie etwa der, dass Trumps Vorgänger Barack Obama und die Demokratin Hillary Clinton Kindersex-Ringe leiten, eine neue Heimstatt gefunden. Hinter der auf mehrere zehntausend Sympathisanten geschätzten Gruppe, die zuletzt bei Trumps Wahlkampf-Veranstaltungen mit T-Shirts auffiel, auf denen groß der Buchstabe „Q“ prangt, soll seit Herbst vergangenen Jahres ein anonymer Mitarbeiter der Regierung mit Zugang zu höchsten Geheimnissen stecken.

Der Anonymus hat bisher über 1800 Nachrichten auf dubiosen Web-Plattformen wie 4chan und 8chan platziert, die alle um ein Thema kreisen: Der „deep state“, ein seit Jahrzehnten herbei spintisiertes Bündnis finsterer Technokraten in Regierung, Ämtern, Parteien, Wirtschaft, Medien und Militär, versucht Amerika zu unterjochen. Aber Trump, als Kämpfer für Freiheit und Vaterland stilisiert, wird die Bösewichter neutralisieren. „Potus (Kurzform für President of the United States) ist unser Retter“, heißt es in einem klassischen Beitrag. „Betet. Operationen sind im Gange. Wir sind im Krieg.“

„Q“ bedient sich dabei pseudo-wissenschaftlicher Versatzstücke, die oft wie schlecht gemachte Kopien aus den Illuminaten, Dan Brown-Büchern oder den Akten von Psychiatrie-Insassen wirken. Allerdings finden sie via Internet rasend Verbreitung und Anhänger. „Wohin einer von uns geht, gehen wir alle“, lautet der informelle Schlachtruf der Gruppe, die sich geistig von „Brotkrumen“ ernährt, die „Q“ ihnen jeden Tag digital hinwirft. End-Botschaft: Nach dem „Erwachen“ kommt ein „Sturm“ und spült alle Feinde Trumps hinfort.

Das Thema kriecht langsam in den Mainstream

Was sich wie ein extremes Rand-Thema der Wohlstandsgesellschaft anhört, kriecht langsam aber stetig in den Mainstream. Seit wenigen Tagen berichten viele Zeitungen und TV-Sender in den USA über „QAnon“ – und räumen ein, dass die ganze Chose nicht wirklich zu fassen ist. Weil: „echt zu crazy“. Beispiel: Für die „Q“-Jünger ist der Sonder-Ermittler Robert Mueller in der Russland-Affäre kein Trump-Jäger.

Im Gegenteil. Der frühere FBI-Chef ermittele in Wahrheit gegen Obama, Clinton und den Milliardär George Soros, denn: Alle drei wollten Amerika mittels eines Staatsstreichs in ihre Gewalt bringen. Experten warnen davor, die „Q“-Story als folgenlosen Unsinn abzutun. Mit Trump an der Spitze der Falschinformationskrieger werde der Glaube an noch so bizarre Thesen gesellschaftsfähig. Und gefährlich.

Erst vor wenigen Wochen hatte ein bewaffneter Q-Anhänger mit einem gepanzerten Kleinlaster am Hoover-Staudamm in Nevada für Angst und Schrecken gesorgt. Er forderte die Veröffentlichung eines (natürlich nicht existenten) Untersuchungsberichts des FBI, der Obama und Clinton als Kindersex-Händler outet.

Der Fall erinnert an „Pizzagate“. Ende 2016 war der 28-jährige Edgar Welch aus North Carolina nach Washington DC gereist, um Selbstjustiz zu üben. Der Verschwörungstheoretiker Mike Cernovich hatte zuvor verbreitet, dass die Trump-Rivalin Hillary Clinton im Keller eines beliebten Pizza-Restaurants an der Connecticut Avenue einen Pädophilenring betreibe. Welch stürmte das Lokal mit einem Gewehr, schoss um sich, verletzte aber zum Glück niemanden. Er wurde zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt.

Ein ähnliches Schicksal wünschen Zigtausende Amerikaner auch Alex Jones. Der heiser-kehlig keifende Betreiber der Fake News-Plattform „Infowars“, den Trump persönlich mehrfach lobte („Dein Ruf ist fantastisch“), hat aus Hass und Hetze gegen Demokraten, Homosexuelle, Muslime und alles, was irgendwie links wirkt, ein Millionengeschäft gemacht.

Unter dem Schirm der in der US-Verfassung gesondert geschützten Meinungsfreiheit hat der bullige Demagoge unter anderem die Behauptung aufgestellt, die Terror-Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington seien ein „inside job“ der Geheimdienste gewesen. Konkret: Die Türme des World Trade Center seien von der Bush-Regierung gesprengt worden.

Gegenwind von den Tech-Giganten

Medienkritiker sehen in Leuten wie Jones, der mit rechtsradikaler Schlagseite Weltuntergangsstimmung verbreitet, einen Hauptgrund für das vergiftete gesellschaftliche Klima in den USA. Millionen bewegen sich unter seiner Anleitung mit eigenen Fakten und Wahrheiten in Paralleluniversen.

Seit wenigen Tagen bekommt Jones’ Imperium, das in einer unscheinbaren Industriehalle in Houston/Texas residiert, Risse. Große Internet-Dienstleister wie Facebook, Apple, YouTube und Spotify haben die vielfältigen Übertragungskanäle im Netz gekappt und bestehende Sendungen (Podcasts) in den digitalen Mülleimer geworfen. Stellvertretend für viele erklärte der Mega-Konzern mit dem Apfel als Logo: „Apple duldet keine Hassrede.“ Facebook wirft Jones eine „entmenschlichende Sprache“ vor, wenn er „Muslime und Einwanderer“ beschreibt.

Auslöser für die von Jones als „historische Zensur“ gebrandmarkte Aktion war dies: Der Lügenbaron hatte sich zum Wortführer der Spekulation gemacht, dass auch das Massaker an der Sandy Hook-Grundschule in Newtown vor sechs Jahren mit 26 Toten, darunter 20 I-Männchen, ein Akt dubioser Schauspieler des amerikanischen Staates gewesen sei – ein „hoax“. Adam Lanza, der ebenso kaltblütige wie schwer gestörte Todesschütze, der Kinder, Lehrer, seine eigene Mutter und dann sich selbst umbrachte, sei nur Staffage gewesen.

Die Eltern des damals erschossenen Noah Pozner mochten sich diese Geschichtsklitterung nicht mehr antun. Weil sie von Jones persönlich angegriffen wurden, spürten Hetzer im Netz die Familie auf und bedrohten sie. Die Pozners zogen seither sieben Mal um, immer auf der Flucht vor Leuten, die Jones’ Tiraden auf „Infowars“ für bare Münze nahmen. Wegen Verleumdung haben sie den Radio- und Fernsehmoderator nun verklagt und fordern Millionensummen als Entschädigung.

Jones schwänzte den Prozessauftakt und ließ über seine Anwälte erklären, dass man das Recht auf freie Meinungsäußerung niemals antasten dürfe. Facebook, Apple und Co. sehen das anders und haben ihm den Stecker gezogen. Nur auf Twitter ist noch kein Verbot ergangen. Twitter-Chef Jack Dorsey hat die Haltung des Kurznachrichtendienstes verteidigt. „Wir haben Alex Jones oder Infowars nicht gesperrt. Wir wissen, dass das für viele hart ist, aber der Grund ist einfach: er hat unsere Regeln nicht verletzt“, schrieb er.

Sollte Jones das tun, würde man gegen ihn vorgehen Das Twittern hat Alex Jones also nach wie vor mit einem anderen Verschwörungstheoretiker gemein, der dort täglich mehrmals über 50 Millionen Menschen antextet: Donald Trump.