GA-Interview

Vatikanexperte Marco Politi: "Die Kurie ist zerrissen"

"Auch die Gläubigen stehen zu Benedikt", sagt Vatikankenner Marco Politi.

Rom. Marco Politi ist angesehener und kritischer "Vaticanista" in Rom. Er gehört zu den erfahrensten Journalisten, die über den Vatikan berichten. Mit Marco Politi sprach Julius Müller-Meiningen.

Herr Politi, wie beurteilen Sie den Rücktritt von Benedikt XVI.?
Marco
Politi: Benedikt hat einen Wegweiser für die Zukunft gesetzt und unterstrichen, dass die Moderne sich keine kranke Ikone als Papst erlauben kann, während im Hintergrund andere die Fäden in der Hand halten. Er hat meiner Ansicht nach die Reform Paul VI. vollendet, der die Kirche verjüngen wollte. Paul VI. hat verfügt: keine Bischöfe über 75, keine Teilnahme am Konklave ab 80 Jahren. Der 85 Jahre alte Benedikt hat nun auch symbolisch eine Altersgrenze für den Papst gesetzt.

Steht der Papst nicht alleine da mit dieser Entscheidung?
Politi: Das sehe ich nicht so. Natürlich ist der Schritt auch ein Eingeständnis der eigenen Schwäche und Unfähigkeit zur Führung der Kirche. Doch etwa der nicht gerade als Revolutionär geltende Kölner Kardinal Joachim Meisner hat sich auch in diese Richtung geäußert.. Es gibt also Kräfte in der Kurie, die den Schachzug Benedikts durchaus verstanden haben. Auch die Gläubigen stehen zu Benedikt.

Der Rücktritt des aus Deutschland stammenden Papstes wird vor allem nicht öffentlich von vielen Kardinälen kritisiert, die Rede ist von einem "Unglück für die Kirche". Warum?
Politi: Die konservativen Kräfte in der Kurie sind sehr irritiert. Viele Kardinäle haben Angst vor einer Entmythologisierung des Papst-Amtes. Sie fürchten, dass zukünftige Päpste unter Druck gesetzt oder sogar zum Rücktritt gezwungen werden können. Ich halte Ratzingers Schritt hingegen für sehr hellsichtig und sogar für eine revolutionäre Geste. Der Rücktritt ist die einzige wirkliche Reform seines Pontifikats.

Was bedeuten diese beiden Positionen, Kritik und Aufgeschlossenheit, für den Verlauf des Konklaves?
Politi: Die Entscheidung Benedikts hat die Kurie durcheinander gewirbelt, sie ist zerrissen. Alles ist jetzt möglich. Dieses Konklave könnte deshalb sehr kompliziert werden und auch eine Weile dauern.

Gibt es andere Gründe, die eine schwierige Mehrheitsfindung erwarten lassen?
Politi: Ich erinnere mich an das Konklave 2005, aus dem Benedikt als Papst hervorging. Damals gab es eine starke Gruppe, die Ratzinger durchsetzen wollte. Der einzige Gegenkandidat mit Chancen war Kardinal Carlo Maria Martini, der allerdings schon schwer krank war. Heute gibt es viele Kandidaten mit Chancen, von denen aber keiner schon eine signifikante Mehrheit hinter sich versammelt. Zu denken ist etwa an den Italiener Angelo Scola oder den Kanadier Marc Ouellet.

Wie lautet Ihrer Meinung nach das Jobprofil für den neuen Papst?
Politi: Die Kirche kann sich nach acht Jahren Benedikt keinen schwachen Papst mehr leisten. Der neue Papst muss ein Kandidat der Mitte sein und nicht in Kontinuität zur Politik Ratzingers stehen, der viele Probleme vor sich hergeschoben hat. Die Krise der Priester, die zu wenig sind; die Rolle der Frau in der Kirche; das Verhältnis der Kirche zur Sexualität; die Ökumene und die Rolle des Papstes selbst.

Oft ist von den italienischen Kardinälen die Rede, die mit 29 Kandidaten im Konklave in der Mehrheit sind. Sehen Sie da keine Tendenz?Politi: Das muss nicht heißen, dass es ein Italiener wird. Im Gegenteil, der Vatileaks-Skandal hat große Risse und Machtkämpfe unter den italienischen Kardinälen offenbart. Möglicherweise führt diese Erfahrung beim Rest des Kollegiums gerade dazu, dass kein Italiener gewählt wird. Ich sehe die Nord- und Südamerikaner im Vorteil, weniger die Afrikaner oder Asiaten.

Dem umstrittenen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone kommt eine Schlüsselrolle zu. Welche Rolle ist das?
Politi: Ratzinger zieht sich zurück, auch weil Bertone als Staatssekretär viel Unfrieden in der Kurie gestiftet hat. Bertone als Camerlengo hat eher eine verwaltende Aufgabe während der Sedisvakanz. Die entscheidende Figur für das Konklave ist Kardinaldekan Angelo Sodano, der mit 85 Jahren zu alt ist, um gewählt zu werden. Aber er gibt die Linien vor, kann vermitteln und hat einen Sinn für die Situation. Er ist eine zentrale Figur in der Kurie und wichtig für die Entwicklung.

Wird der neue Papst denn Probleme mit seinem Vorgänger haben?
Politi: Ratzinger wird sich in das Kloster im Vatikan zurückziehen und ein eher mönchisches Leben führen. Er war noch nie ein großer Strippenzieher, deshalb sind zukünftig keine Störmanöver von ihm zu erwarten. Interessant wird es, wenn in einer zukünftigen Publikation Ratzingers seine Meinung der des Papstes entgegen steht. Dann gibt es einen Konflikt.

Zur Person:
Marco Politi wurde 1947 in Rom geboren. Der deutsch-italienische Journalist berichtete 20 Jahre lang für die führende Tageszeitung »La Repubblica« aus dem Vatikan, derzeit arbeitet er für »Il Fatto Quotidiano«. Nach der Ernennung Ratzingers zum Papst war er es, der das erste Interview mit Benedikt XVI. führte. Als international renommierter Vatikan-Insider ist er auch bei deutschen Medien ein gern gesehener Gastautor. Seine Amtszeit analysiert der deutsch-italienische Vatikankenner und Journalist Marco Politi in seinem aktuellen Buch »Benedikt. Krise eines Pontifikats«, das im Rotbuch Verlag vorliegt.