Rätsel um mutmaßlichen Giftanschlag

Spion Skripal mit kritischem Zustand im Krankenhaus

Spion Sergej Skripal 2006 bei einer Verhörung in Moskau.

Spion Sergej Skripal 2006 bei einer Verhörung in Moskau.

London. Der Russischer Ex-Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter liegen noch immer in "kritischem Zustand" im Krankenhaus. Welche Rolle spielte Moskau?

Etwas stimmte nicht, da war sich Freya Church sicher. Es war Sonntagnachmittag, die Britin streifte gerade durch das Shoppingzentrum im südenglischen Salisbury, als sie auf einer Bank vor dem Gebäude einen Mann entdeckte, der „seltsame Handbewegungen“ machte und mit leerem Blick in den Himmel starrte. Dann kollabierte er. Neben ihm lehnte eine Frau an seiner Schulter, wirkte bewusstlos. „Sie sahen aus, als hätten sie etwas sehr Starkes eingenommen“, erinnert sich Church gegenüber Medien.

Mittlerweile vermuten die Behörden, dass die beiden einem Giftanschlag zum Opfer gefallen sind. Und während der 66-jährige Sergei Skripal und seine 33 Jahre alte Tochter Yulia im Krankenhaus noch ums Überleben kämpfen, rätselt ganz Großbritannien über den mysteriösen Fall. Denn: Bei dem Mann handelt es sich um einen ehemaligen Geheimdienstoffizier aus Russland, der als Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU für den britischen Auslandsgeheimdienst spioniert hatte.

Angeblich verriet er dem MI6 die Namen von Landsleuten, die in Europa als Spione tätig waren. Nach seiner Enttarnung in Moskau war Skripal im Jahr 2006 zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt worden, gehörte jedoch zu vier Russen, die im Rahmen eines Austauschs inhaftierter Agenten zwischen Moskau und Washington aus dem Gefängnis entlassen wurde. 2010 ließ er sich in Großbritannien nieder.

Königreich erneut in Mordanschlag verstrickt?

Alles erinnert an den Spionagethriller in Echtzeit, der im Jahr 2006 die Welt wochenlang in Atem hielt. Damals wurde der ehemalige russische KGB-Agent und Kreml-Gegner Alexander Litwinenko mitten am Tag in einem Londoner Luxushotel mit radioaktivem Polonium 210 vergiftet und starb, abgemagert, haarlos und umgeben von Schläuchen, kurze Zeit später.

Hat das Königreich nun erneut mit einem Mordanschlag zu tun, der wegen seiner möglichen Verstrickungen in Geheimdienstkreise an James-Bond-Filme erinnert? Die Polizei geht davon aus, dass Sergej und Yulia Skripal in Kontakt mit einer unbekannten Substanz gekommen sind. Wurden die beiden vergiftet? Hat Moskau etwas mit der mysteriösen Erkrankung zu tun?

Das Verhältnis zwischen Russland und dem Königreich ist seit Jahren angespannt. Es droht sich nun weiter zu verschlechtern. Der britische Außenminister etwa wählte am Dienstag bei einer dringlichen Fragestunde im Parlament ungewöhnlich scharfe Worte und kündigte eine „robuste Reaktion“ an, sollte sich der Verdacht auf eine Rolle Moskaus erhärten.

Polizei warnt vor voreiligen Schlüssen

„Ich sage zu Regierungen in der ganzen Welt, dass kein Versuch, auf britischem Boden unschuldiges Leben zu nehmen, ohne Sanktionen oder ungestraft bleiben wird“, sagte Johnson. Beweise aber gibt es derzeit nicht. Vielmehr offerierte Moskau Unterstützung bei den Ermittlungen, sollte es eine offizielle Anfrage aus Großbritannien geben, so Kremlsprecher Dmitri Peskow. Sein Land werde zum Opfer von Verschwörungstheorien, sagte er. Und: „Der Verdacht hat ja nicht lange auf sich warten lassen.“

Auch der Chef der britischen Polizeispezialkräfte, Mark Rowley, warnte vor voreiligen Schlüssen, räumte aber ein, dass der Tod von Alexander Litwinenko gezeigt habe, dass Wachsamkeit bei Todesfällen mit Russland-Bezug geboten sei. Immerhin, in Salisbury schloss die Polizei noch am Wochenende vorübergehend ein Pizza-Restaurant sowie einen Pub. Der Fundort von Vater und Tochter Skripal wurde dekontaminiert. Eine Gefahr für die Öffentlichkeit bestehe jedoch nicht, hieß es von der Polizei.