Abschuss der Boeing MH17

Schwierige Suche nach den Schuldigen

Das Passagierflugzeug mit der Flugnummer MH17 war im Juli 2014 mit 283 Passagieren und 15 Crewmitgliedern an Bord abgeschossen worden.

Das Passagierflugzeug mit der Flugnummer MH17 war im Juli 2014 mit 283 Passagieren und 15 Crewmitgliedern an Bord abgeschossen worden.

Moskau. Vor drei Jahren wurde über der Ostukraine ein malaysisches Passagierflugzeug abgeschossen. Die niederländischen Behörden, die die Ermittlungen leiten, wollen die Schuldigen vor Gericht zur Verantwortung ziehen.

Jerry Skinner hat keine Zweifel, wer die Schuld trägt: „Denken Sie wirklich, Sie müssen sich vor den Familien der 80 Kinder an Bord nicht verantworten?“, schreibt der Hinterbliebenen-Anwalt in einem offenen Brief an Russlands Staatschef. „Herr Putin, das Böse kann gesühnt werden. Ihr christlicher Glaube sollte Sie lehren, dass man sich Vergebung mit Worten und Taten verdienen muss.“

Heute jährt sich der Abschuss der malaysischen Boeing mit der Flugnummer MH17 über dem Kriegsgebiet im Donbass zum dritten Mal. Es gilt inzwischen als sicher, dass die Passagiermaschine in zehn Kilometern Höhe von einer Rakete eines Buk-Flugabwehrsystems getroffen wurde. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die niederländischen Behörden, die die Ermittlungen leiten, wollen die Schuldigen vor Gericht zur Verantwortung ziehen. Der malaysische Transportminister Liow Tiong Lai sagte vor wenigen Tagen, eine namentliche Liste der Schuldigen könne bis Anfang 2018 veröffentlicht werden. Und es zeichnet sich ab, dass die meisten Angeklagten Russen sein werden.

Nach den Ergebnissen des internationalen Ermittlungsteams wurde das Buk-System vor dem Abschuss aus Russland in das Kampfgebiet gebracht. Die tödliche Rakete startete von einem Feld unweit des von den Rebellen kontrollierten Dorf Perwomaiskoje. Nach Angaben des britischen Rechercheteams Bellingcat feuerte sie eine Bedienungsmannschaft der 53. russischen Flugabwehrbrigade ab. Auch die ersten Namen der Befehlshaber des Buk-Einsatzes sind bekannt: So soll der bei Rostow am Don lebende russische Aufklärungsoberst a.D. Sergei Dubinski den Transport des Flaksystems in die Ukraine organisiert haben. Ein Afghanistanveteran, keineswegs ein typischer Kriegsverbrecher: Laut der russischen Oppositionszeitung Nowaja Gaseta ermöglichte Dubinski im Donbass die Freilassung vieler ukrainischer Kriegsgefangener. Aber das entschärft die Anklage gegen Russland nicht: „Waren im Donbass etwa keine russischen Panzer, keine russischen Vertragssoldaten?“, schimpft die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Aleksejewitsch. „Ohne russische Waffen gäbe es dort gar keinen Krieg.“

Umso heftiger mauert Russland. Auch Wladimir Putin beteuert seine Unschuld. Sicher besäßen die US-Geheimdienste Informationen über den Abschuss der Boeing, erklärte er dem US-Regisseur Oliver Stone. „Washington will die Schuld auf die Aufständischen schieben und indirekt auf Russland, das sie unterstützt.“

Moskau leugnet seit April 2014 hartnäckig, dass in der Ostukraine russische Soldaten kämpfen. Sollte jetzt bewiesen werden, dass bei den Gefechten dort ein russisches Flak-Team – versehentlich oder nicht – das Passagierflugzeug erwischt hat, es wäre für den Kreml ein propagandistisches Waterloo.

Russland-Experten wappnen sich gegen den drohenden Prozess. „Das wird eine Publicity-Veranstaltung. Obama hat sofort nach dem Abschuss gesagt, das seien die Aufständischen gewesen“, klagt der Militärexperte Viktor Litowkin. „Seitdem arbeiten alle westlichen Behörden und Ermittler in diese Richtung.“

Aber diese Indizien sind sehr zahlreich und weisen alle auf den Transport eines Buk-Systems der russischen 53. Flakbrigade aus Südrussland ins ostukrainische Kampfgebiet und seinen Einsatz dort hin. Die offiziellen Gegenversionen der Russen dagegen widersprechen sich. Sie verdächtigten erst ukrainische Buk-Schützen, dann den Piloten eines ukrainischen Kampfbombers, schließlich legten sie Radaraufzeichnungen vor, die wieder die Anwesenheit von Kampfjets im Absturzraum abstreiten.

Auch Medien versuchen, russische Gegenbeweise zu liefern, etwa die Enthüllungszeitung Sowerschenno Sekretno. Sie veröffentlichte unlängst ein Dienstschreiben des ukrainischen Grenzschutzes vom 20. Juli 2014, nachdem man kein Buk-System registriert habe, das die russisch-ukrainischen Grenzen überquerte. Allerdings hatten die ukrainischen Grenzschützer damals die Kontrolle über weite Grenzabschnitte zwischen Russland und den Rebellengebieten verloren, konnten also den Geschützverkehr dort schwerlich überwachen. Offenbar ahnt auch die Redaktion, dass ihr Indiz nicht wirklich sticht. Sie ruft zu einer „Volksermittlung“ auf: „Nur mit ihrer Hilfe können wir andere verbrecherische Befehle, chiffrierte Telegramme und Anordnungen bekommen.“ Fraglich, ob der Patriotismus der Volksfahnder ausreichen wird, um die bedrohte Ehre der vaterländischen Militärs zu retten.

Für den Großteil der Russen ist eine russische Schuld sowieso undenkbar. Pawel Kanygin, Reporter der Nowaja Gaseta, der wesentlich zur Identifizierung von Dubinski beigetragen hat, sagt: „Beim Recherchieren hast du das Gefühl, dich weit jenseits der Wirklichkeit zu bewegen, die sich meine Landsleute überhaupt vorstellen können.