Erster Weltkrieg Bonn

Neunzehnhundertdreizehn

BONN. Bonn ist vor hundert Jahren Zentrum der Malerei, Literatur und Wissenschaft. Doch im Hintergrund bahnt sich schon der Erste Weltkrieg an.

Die erste Kugel trifft ihn ins Bein, dann erhält er einen Schuss in den Kopf. Eben noch ist der 27-jährige Kriegsfreiwillige mit seiner Kompanie gegen die Stellungen der Franzosen angerannt. Aber die wehren sich verzweifelt. So endet am 26. September 1914 in der Champagne, südlich des Dörfchens Perthes-les-Hurlus, das Leben des Bonner Malers August Macke.

Zu Hause wartet seine Frau Elisabeth (26) mit den beiden kleinen Söhnen, dem vierjährigen Walter und dem eineinhalb Jahre alten Wolfgang, auf ein Lebenszeichen - vergeblich. Der Erste Weltkrieg und sein großes Sterben beginnen damit, ihren ganzen Schrecken zu entfalten.

Rückblende. Ein Jahr zuvor, im September 1913, packt die Familie Macke in Bonn ihre Sachen, um für einige Monate nach Hilterfingen am Thuner See zu ziehen. Der Spätsommer ist warm, die Bonner Strandbäder gut besucht. Hinter August Macke liegen einige erfolgreiche Ausstellungen, in der Schweiz und dann auf der Tunisreise wartet die intensivste und produktivste Phase seines künstlerischen Schaffens auf ihn.

So bricht sein letztes Lebensjahr an, das gleichzeitig das letzte Friedensjahr werden soll, bevor Weltkrieg, Versailler Vertrag und die Abschaffung der Monarchien eine Phase einläuten, die als zweiten Dreißigjährigen Krieg zu bezeichnen sich inzwischen eingebürgert hat.

Das beschauliche Bonn treffen die nahenden Gewitterwolken in voller Blüte. Seit der Eingemeindung der Dörfer Endenich, Poppelsdorf, Kessenich und Dottendorf vor neun Jahren hat sich die Einwohnerzahl bis 1913 auf fast 90.000 beinahe verdoppelt. 200 Vermögensmillionäre machen Bonn zur drittreichsten Stadt in Preußen. Der General-Anzeiger bemerkt im August: "Zeppelin-Luftschiffe sind in Bonn keine Seltenheit mehr. Fast in jeder Woche sieht man die schmucken Luftkreuzer in ruhiger Fahrt über unserer Stadt".

In der Stadt treibt sich in diesem Sommer auch gern der elfjährige Heinrich Lützeler herum. Schnellimbissketten, Dönerbuden oder Handyläden gibt es dort nicht. Dafür aber die Bäckereien Obladen an der Sternstraße und Steinbach an der Kasernenstraße. Von ihrem verlockenden Duft schwärmt der Sohn eines Porzellanmalers noch 50 Jahre später. Beliebt sind auch die vielen kleinen Röstereien und Cafés wie das "Tondorf" an der Sternstraße oder das "Mirgel" am Dreieck. Wer etwas Neues ausprobieren will, der setzt sich ins "Müller-Langhardt" am Markt, das 1913 neu eröffnet.

Besonders gern schlendert der Schüler des königlich-preußischen Gymnasiums (später Beethoven-Gymnasium) an der Koblenzer Straße (später Adenauerallee) zu den Buchläden, von denen sich gleich eine ganze Gruppe Am Hof eingerichtet hat. Röhrscheid und Cohen, das später Bouvier heißen wird, sind die Namhaftesten. Noch als Dekan der Philosophischen Fakultät wird Heinrich Lützeler in den fünfziger Jahren ihr Stammgast sein. Und in den siebziger Jahren wird er - erfolglos - gegen die Neugestaltung des Bahnhofsbereichs wettern.

Bonn, die Stadt der Bücher: Die Universitäts- und Landesbibliothek umfasst im Jahr vor dem Ersten Weltkrieg 250.000 Bände. Weitere 30.000 Bände stehen in der "Bücher- und Lesehalle" und in den zehn Borromäusbibliotheken bereit. Wissensdurst und Bildungshunger sind groß. Abhilfe schafft seit neun Jahren die Bonner Volkshochschule. Aber auch in privaten Zirkeln wird gelesen, rezitiert, deklamiert und disputiert, was das Zeug hält.

Da ist zum einen die "Lese und Erholungsgesellschaft", kurz "Lese". Sie kommt als Schauplatz eines Maskenballs in Hanns Heinz Ewers' Skandalroman "Alraune" vor. Der zahlreichen Anspielungen auf die Bonner Gesellschaft wegen ist das Buch hier auch zwei Jahre nach seinem Erscheinen 1911 noch ein Stadtgespräch - wenigstens hinter vorgehaltener Hand.

140 Vereine sind im Bonn des Jahres 1913 registriert, darunter der Verein "Alt-Bonn", der sich der Wahrung der Heimatgeschichte verschrieben hat. In der Gronau werden vom 12. bis zum 14. Juli die "rheinisch-historischen Heimatspiele" abgehalten, bei denen das Leben in Bonn zur Zeit der Krönung von Karl IV. im Bonner Münster 1346 dargestellt wird. Anlass zur Hoffnung gibt im Sommer 1913 der Bonner Fußballverein: Zum Saisonauftakt schlägt der Vorläufer des Bonner SC am 18. August den Mülheimer Sportverein mit vier zu eins.

Ach so, das Geistesleben. In der "Dramatischen Gesellschaft", 1898 gegründet und später umbenannt in "Gesellschaft für Literatur und Kunst", werden in den Vorkriegsjahren Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann und Gerhart Hauptmann gesichtet. In der Villa von Charlotte Schumm-Walter, der Ehefrau des Direktors der Deutzer Motorenwerke, versammelt sich die kunst- und literaturinteressierte, anspruchsvolle Bonner Gesellschaft. Zu den Gästen zählen Hans Thoma, Hermann Hesse und Albert Schweitzer.

Als das neue gesellschaftliche Zentrum der Stadt gilt vielen der Bonner Bürgerverein. So wie die "Lese" an der Koblenzer Straße gönnt auch er sich ein repräsentatives Domizil. Am 6. April 1913 feiert man das 50. Stiftungsfest im neuen Prachtbau an der Poppelsdorfer Allee. Dort gibt es Festsaal, Bibliothek Clubräume, drei Kegelbahnen und eine Gastwirtschaft. Im Weinkeller, so heißt es, lagern an die 100.000 Flaschen - der Verein ist im Gegensatz zur "Lese" eher katholisch geprägt.

Doch 1968, zuletzt hat der Bau 20 Jahre lang das Stadttheater beherbergt, wird alles Bürgerliche auch hier an seine Grenzen stoßen: Der stattliche Bau muss dem Hotel Bristol weichen, der Bürgerverein löst sich auf. Wer 1913 am Fotoatelier von Theo Schafgans vorbeigekommen sein mag, dem könnte im Schaufenster das Porträt einer ernst dreinblickenden Frau mit wirrem Haar aufgefallen sein. Es ist die Pianistin Elly Ney, die der Bonner Fotograf kurz zuvor im Porträt verewigt hat. Das Atelier wird später Theos Sohn Hans weiterführen.

Elly Ney ist in Bonn 1913 das, was man später einen Popstar nennt. Mit vier Jahren war sie mit ihren Eltern nach Bonn gekommen, jetzt ist die 30-Jährige berühmt für ihre pathetische Interpretation der Werke Beethovens. Ob die Ursache für die charakteristische Beethoven-Auslegung in der Kindheit liegt? Ihr Vater - erst Feldwebel, dann Standesbeamter - trieb die kleine Elly schon morgens zu einer Wanderung oder zu einem kurzen Bad im Rhein an. Vater Ney ist es übrigens, der am 5. Oktober 1909 August Macke und seine Verlobte Elisabeth Gerhard getraut hat.

Bonn ist auch damals schon ein Dorf. Weil Elly Ney zwei Jahre später den Geiger und Dirigenten Willem van Hoogstraten heiratet und dieser in Bad Honnef das Kurorchester führt, wird die international renommierte Beethoven-Interpretin zu einem Dauergast auf den Bühnen des Honnefer Kursaals und der Oberen Burg in Rheinbreitbach.

In Bonn schwingt währenddessen Heinrich Sauer den Taktstock. Er ist Kapellmeister des späteren Orchesters der Beethovenhalle. Auf einem Plakat, mit dem für ein Philharmonisches Konzert geworben wird, heißt es wörtlich: "Es wird höflichst gebeten, während des ersten Teils nicht zu rauchen." Wenige Jahre später ist das Rauchverbot in der Beethovenhalle etwas strenger. Da ist der Saal zum Kriegslazarett umfunktioniert. Vorerst aber schunkelt Bonn 1913 wie das übrige Rheinland zu den lustigen Schlagern des Kölner Sängers Willi Ostermann. Besonders oft dreht sich auf den Grammophonen der Bonner die Platte mit dem Lied vom "Schmitze Billa" aus Poppelsdorf.

Alle zwei Jahre finden in der Stadt die Beethoven-Kammermusikfeste des Vereins Beethoven-Haus statt. Die Leitung hat der Geiger und Bonner Ehrenbürger Joseph Joachim. Auch Max Reger schaut regelmäßig vorbei. So auch bei der elften Auflage vom 27. April bis zum 1. Mai 1913, als ein ganzer Tag seinen Werken gewidmet ist. Mit Elly Ney spielt Reger das Konzert C-Dur für zwei Klaviere von Johann Sebastian Bach. Weitere namhafte Gastmusiker sind in diesem Jahr Eugen d'Albert, Adolf Busch und Hugo Grüters.

Das Durchschnittseinkommen in Bonn liegt kurz vor dem Ersten Weltkrieg bei über 5000 Mark und damit fast doppelt so hoch wie in der Reichshauptstadt Berlin. Wo so viel Geld ist, braucht es Banken. Im Bonn der Vorkriegszeit gibt es acht, darunter die Städtische Sparkasse. Die Geschäfte laufen gut. Am 4. August 1913 wird am Friedensplatz ein repräsentativer Bau eröffnet. Die Feier ist offenbar so schön, dass sie an selber Stelle und mit anderen Gebäuden gleich zwei Mal wiederholt wird: in den fünfziger Jahren und dann 2013.

Hinter der Sparkasse klafft 1913 eine riesige Lücke: Im Zuge der Innenstadtsanierung hat man kürzlich die Sterntorkaserne abgerissen. Hier wird Platz geschaffen für die Verbindung zwischen der Bornheimer Straße und der Sternstraße sowie dem Münsterplatz. Seit Jahren wird die Fläche vom Bonner Theaterbau-Verein beäugt. Pächter und Betreiber des Theaters ist 1913 Hofrat Otto Beck. Trotz seiner Abgaben an die Stadt ist das Haus ein Zuschussunternehmen, das meist den zehn- oder gar zwanzigfachen Betrag der Einnahmen benötigt.

Die teuerste Karte kostet 3,40 Mark Die Initiatoren des Vereins möchten der Stadt mit der Aufwertung des Theaters etwas Gutes tun. Es soll von seinem Standort in der Nähe der Kliniken im Norden der Stadt in die Nähe der "besseren" Neubauviertel in Süd- und Weststadt verlagert werden. Durch Einnahmen aus Spenden und einem namhaften Zuschuss der Stadt kommen 700.000 Mark zusammen, der Rest soll über Anteilscheine finanziert werden. Neben dem vorhandenen Baugrundstück sind auch die Baupläne fertig. Doch dann verhindert der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Ausführung. Anstelle des Theaters wird einige Meter weiter 65 Jahre später das Stadthaus gebaut.

Die Schulden der Stadt belaufen sich kurz vor dem Ersten Weltkrieg auf 29 Millionen Mark. Aber die aktuelle Niedrigzinsphase hält die Sorgen darüber in Grenzen. Oberbürgermeister Wilhelm Spiritus eilt 1913 von Spatenstich zu Grundsteinlegung und von Baustellenbesichtigung zu Neueröffnung. Privater und öffentlicher Sektor überbieten einander mit Investitionen. Erst seit einigen Jahren gibt es kommunale Betriebe wie die Gasanstalt, das Wasserwerk in der Gronau, den Schlachthof sowie drei Rheinbadeanstalten und das Viktoriabad.

Großbaustellen sind 1913 die Landwirtschaftskammer, das Museum Alexander Koenig von Architekt Gustav Holland und das neue Johanniterkrankenhaus in der Gronau. Fleißig gewerkelt wird 1913 auch auf dem Petersberg: Für 300.000 Mark hat der Duftwasserfabrikant Ferdinand Mülhens das seit 1860 bestehende Hotel aus der Zwangsversteigerung gekauft und baut es nun zum Kurhotel ersten Ranges um. Bereits jetzt ist die Gronau als Standort großer Veranstaltungs- und Konferenzräume erste Wahl: Die Stadthalle, im Volksmund "Bierkirche" genannt, ist der größte Saal der Stadt. Er bietet knapp mehr als 3000 Plätze und hat 1913 noch keinen Kanalanschluss, ist dafür aber grundsolide finanziert.

Wer etwas auf sich hält, wohnt in der Südstadt, und als exquisit gilt bereits damals die Poppelsdorfer Allee. Auch 1913 ist es etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben. Südlich der Poppelsdorfer Allee ist die Farbe der Häuserzeilen an Bismarck-, Roon- Goeben- und Hohenzollernstraße kaum trocken. Weil nur ein Architekt die Zeichenfeder führte, lässt sich eine gewisse Ähnlichkeit der Häuser nicht leugnen. Ein Vorteil: So wurden die Musterbücher für die zahlreichen Kaufinteressenten schneller fertig.

Seit die alten Festungsanlagen entfernt oder verschönert wurden, genießt Bonn den Ruf der Gartenstadt. Flanieren lässt sich auf der Rheinpromenade bis zur Gronau, im neuen Baumschulwäldchen oder im etwas älteren Botanischen Garten. Man(n) trägt Anzug, die Frauen gern lange Kleider mit ausladenden Hüten. Kinder gefallen in Matrosenlook und spielen mit Zinnsoldaten. Damit auch der Tourismus zur vollen Blüte kommt, erhält die Stadt 1913 ein Fremdenverkehrsamt.

Anders als Bonn ist der neue Ortsteil Poppelsdorf sichtlich von der Industrie geprägt. An der Clemens-August-Straße gibt es keine Außengastronomie, sondern die Wesselwerke. Mehr als 1000 Arbeiter sind mit der Keramikherstellung beschäftigt. Ein Stück weiter sitzt die Firma Soennecken - mit ihren 1200 Leuten der größte Arbeitgeber der Stadt. Vom Aktenordner bis zu Büromöbeln reicht die Produktpalette.

Die Bonner Polizei hat knapp 130 Beamte, die Stadtverwaltung zählt 480 Mitarbeiter. Um die Armen und Bedürftigen - ja, auch sie gibt es - kümmern sich 71 private und kirchliche Fürsorgevereine. Zudem entstehen Sport-, Jugendpflege- und Hilfsvereine, etwa den für wandernde Gesellen und den für junge Dienstmädchen mit unehelichen Kindern, denen das Berta-Lungstraß-Haus am Bonner Thalweg, Ecke Weberstraße, Hilfe und Obdach bietet. Finanziert wird das "Mädchenhaus" mit Spenden wohlhabender Bürger. Die Vermutung, dass auch der eine oder andere Vater eines unehelichen Nachwuchses unter den Spendern war, hält sich beständig.

"Burschen heraus!" und "Auf, Ansbach Dragoner" schallt es aus den geöffneten Fenstern des Hähnchens auf den Münsterplatz. Mit seiner Geschäftsidee, in dem Gasthaus Münchener Spaten-Bräu vom Fass auszuschenken, hat Hähnchen-Wirt Johann Rieck den großen Wurf gelandet. Offiziere, Studenten, Bürgertum - jeden Abend ist die Hütte voll. Ein halber Liter Bier kostet weniger als eine Mark. Beliebt sind auch Stiefel und Höttche, ebenso die Traube an der Ecke Bornheimer/Meckenheimer Straße (später Thomas-Mann-Straße). Die gute Bahnverbindung ermöglicht spontane Ausflüge zur Villa Friede in Mehlem oder natürlich zu Aennchen Schumacher nach Bad Godesberg.

Zur Eröffnung des Akademischen Jahres 1913/14 begrüßt der neue Universitätsrektor Aloys Schulte im Oktober die Chargierten der Korporationen stellvertretend für 4512 Studenten, darunter 351 Frauen. Weibliche Studenten sind als Vollhörerinnen ohnehin erst seit dem Wintersemester 1908/09 zugelassen. Und: Bonn ist "Prinzen-Universität". Einige der preußischen Könige und Kaiser haben ebenso wie die vier Söhne Wilhelms II - Kronprinz Wilhelm und die Prinzen Eitel-Friedrich, Oskar und August-Wilhelm - in Bonn studiert. Damit erklären Kenner der deutschen "Royals" auch die Lage des 1885 eingeweihten Bahnhofs. Sie ermöglicht es, den Hohenzollernnachwuchs ohne großen Aufwand mit der Kutsche zum kaiserlichen Wohnhaus an der Wörthstraße zu bringen. Das Corps Borussia, in dem die Hohenzollern traditionell aktiv sind, befindet sich an der Kaiserstraße. Wer in Bonn aus dem Zug steigt, soll direkt einen positiven ersten Eindruck von der Stadt gewinnen. Ein Anspruch, an den man sich noch erinnern wird. Mit dem Titel "Hoflieferant seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit" wirbt die Firma J.F.Carthaus, das "Spezialgeschäft für kaufmännischen und technischen Bureau-Bedarf". Der Hofgarten dient als Exerzierplatz für Kaisers Geburtstag. Seine Verwandlungen zur Kuhweide im Ersten und zum Kartoffelacker im Zweiten Weltkrieg stehen ihm noch bevor.

Zu den prominentesten Einwohnern zählen Viktoria von Preußen, die Tochter Kaiser Friedrichs III. und Schwester Wilhelms II. Seit 1891 wohnt sie mit ihrem Ehemann, dem Erbprinzen Adolf zu Schaumburg-Lippe im Palais Schaumburg. Das spätere Bundeskanzleramt versprüht über Jahre gesellschaftlichen Glanz. Keine Grenzen kennt der öffentliche Jubel, als im Herbst der Kaiser selbst nach Bonn kommt. Schon Wochen zuvor hält der General-Anzeiger seine Leser über die örtlichen Vorbereitungen und Details der Reisepläne auf dem Laufenden und überschreibt seinen lokalen Aufmacher am 15. Oktober mit den Worten: "Der Kaiser in Bonn".

Mit Bonn verbindet derweil der 15-jährige Joseph aus Rheydt bei Mönchengladbach, soeben erstmals unglücklich verliebt, keine guten Erinnerungen. Die Stadt kennt er aus eher leidvoller Erfahrung, weil an der Universitätsklinik versucht wird, seinen verkrüppelten rechten Fuß zu richten. Nach schmerzhaften Operationen lautet jedoch die Diagnose: Fuß für immer gelähmt. In seinen Erinnerungen schreibt er später: "Jugend von da ab ziemlich freudlos. Eins der richtunggebenden Ereignisse meiner Kindheit. Ich wurde auf mich angewiesen. Konnte mich nicht mehr bei den Spielen der anderen beteiligen. Wurde einsam und eigenbrötlerisch. Meine Kameraden liebten mich nicht". Vier Jahre später, 1917, wird auch Joseph Goebbels Student der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Da ist Konrad Adenauer bereits 20 Jahre Bonner Alumnus.

Fröhlich geht es am 28. Juni 1913 auf halber Höhe zum Drachenfels zu. Hier zieht ein trutziger Gedächtnistempel die Besuchermassen an. Feierlich wird dort an jenem Tag die Nibelungenhalle eröffnet. Anlässlich des 100. Geburtstags Richard Wagners wurde ein Kuppelbau voller sakraler Mystik geschaffen. Praktisch für die Besucher: Sie können von Beuel aus mit der elektrischen Straßenbahn anreisen, deren Streckenabschnitt von Oberdollendorf bis Königswinter im März 1913 den Betrieb aufgenommen hat. Auch Siegburg und Mehlem lassen sich seit zwei Jahren mit der elektrischen Straßenbahn erreichen. Bonn ist dabei, ein Zentrum der Jugendbewegung zu werden. Zu ihr gehören die 17-jährigen Zwillingsbrüder Robert und Karl Oelbermann aus der Colmantstraße. Später gründen die beiden den Nerother Wandervogel

Neben allem Akademischen, Künstlerischen und Kaiserlichen ist es das Militär, das die Stadt prägt. Die Bonner Husaren, seit 1907 mit der Kaserne an der Rheindorfer Straße ansässig, sind für ihren Schlachtruf "Lehm op!" bekannt. Die Ermekeil-Kaserne beherbergt ein Infanteriebataillon. Doch auch der zivile Alltag ist von militärischem Habitus geprägt. Die Bad Godesberger Kurkonzerte heißen "Militär-Kurkonzerte".

Unbekümmert haben August Macke und seine Künstlerclique ihre Ausstellung Rheinischer Expressionisten in der Buchhandlung Cohen gerade hinter sich gebracht. Treffpunkt des Künstlerkreises, dem auch Franz M. Jansen, Hans Thuar und Heinrich Campendonck angehören, ist die Villa Agnita in Graurheindorf. Am 10. August 1913 endet ihre Ausstellung, und der General-Anzeiger titelt vom Zweiten Balkankrieg: "Friede!". Doch wenige Tage später ist seiner "Depesche vom Balkan" bereits neues Donnergrollen zu vernehmen. Der "1913 - Sommer des Jahrhunderts" (Florian Illies), er nimmt seinen Lauf.