IS-Terror

"Mama, hol' mich hier raus"

MAASTRICHT. Eine Mutter aus den Niederlanden hat ihre 19-jährige Tochter aus Rakka, einer Hochburg der radikalen IS-Dschihadisten in Syrien, gerettet.

Das Mädchen, das sich seit dem Übertritt zum Islam Aischa nennt, sendete ihrer Mutter zuvor eine Whatsapp-Mitteilung mit den alarmierenden Worten: "Mama, hol' mich hier raus."

Bevor alles anfängt, lebt Aischa unter ihrem normalen Namen in Maastricht. Sie ist damals 18 Jahre alt, gilt als gut integriert. Im vergangenen Jahr beginnt sie zunächst, die Bibel zu lesen. Doch das ist ihr zu wenig. Sie recherchiert im Internet, nimmt Kontakt zu einem in Holland geborenen Dschihadisten auf, der sich Yilmaz (26) nennt, ein ehemaliger Angehöriger der niederländischen Armee.

Später wird ihre Mutter den Medien erzählen: "Für sie war das so eine Art Robin Hood." Aischa konvertiert zum Islam, geht nur noch verschleiert aus dem Haus. Als sie zum ersten Mal andeutet, sie wolle nach Syrien ausreisen, stoppen sie die Sicherheitsbehörden, ziehen ihren Pass ein. Der zweite Anlauf gelingt mit Hilfe eines Anwaltes.

Per Zug beginnt sie die Reise nach Syrien, während ihre Mutter Monique sie bei einer Freundin im Nachbarort wähnt. Sie erreicht den Staat der Islamisten und heiratet Yilmaz. In den Niederlanden wird die junge Frau sofort auf die Liste der gesuchten Terroristen gesetzt.

Die Mutter erhält Wochen später eine erste Nachricht, sie solle sich keine Sorge machen. Monate danach erreicht sie plötzlich der Hilferuf. Monique fährt los, bleibt aber an der türkisch-syrischen Grenze hängen.

Was dann passiert, wollen alle Beteiligten nur in Andeutungen erzählen. Mutter Monique findet Helfer, die ihr eine Burka leihen, sie kann die Grenze passieren, schafft es, sich bis Rakka durchzuschlagen. Das ist eine Stadt, in der die Radikalen ein religiöses Schreckensregime errichtet haben. Ehebrecherinnen werden gesteinigt, Dieben hackt man die Hand ab, Frauen "hält" man im Haus. Sie dürfen höchstens vollverschleiert auf die Straße.

Monique ist gegen den ausdrücklichen Rat der niederländischen Sicherheitsbehörden gereist, vor Ort bleibt sie auf sich und einige unbekannte Helfer angewiesen. Sie schafft es, findet ihre Tochter, die sich inzwischen von ihrem "Robin Hood" getrennt hat. Die Ausreise gestaltet sich mindestens so abenteuerlich wie die Einreise. Aber irgendwie gelingt es Mutter und Tochter, den Schergen der IS zu entkommen.

Sie erreichen die Türkei, werden dort festgehalten, weil Aischa keine Papiere mehr hat. Gestern kommen sie wieder in den Niederlanden an, die junge Frau wird noch am Flughafen verhaftet, weil man prüfen will, ob sie an Verbrechen des IS beteiligt war.

"Wenn du die schrecklichen Bilder im Fernsehen siehst und dann hörst du den Hilferuf deiner Tochter, dann kann man vielleicht verstehen, dass sie sagt: Ich fahr dahin und guck mal", wirbt Anwältin Landerloo um Verständnis für die filmreife Aktion Moniques. Das Wiedersehen der beiden sei sehr emotional gewesen.

Sicherheitskreise und Politik warnen inzwischen davor, dass andere Eltern das Beispiel Moniques zu kopieren versuchen. Und auch sie selbst scheint im Nachhinein von ihrer eigenen Courage überrascht zu sein. "Aber manchmal muss man tun, was man tun muss", sagt sie einer niederländischen Zeitung. "Es ging schließlich um mein Kind."