Kurskorrektur mit Folgen

Jemen-Krieg wird für Saudi-Arabien zum Desaster

Kämpfer des südlichen Übergangsrats (STC) machen sich auf dem Weg zum Präsidentenpalast machen.

Kämpfer des südlichen Übergangsrats (STC) machen sich auf dem Weg zum Präsidentenpalast machen.

Istanbul. Die Emirate ziehen ab, zwischen Regierung und Separatisten kommt es zum offenen Bruch: Im Bürgerkrieg im Jemen zeigen sich Risse im von Saudi-Arabien angeführten Bündnis. Im Jemen tobt nun ein Bürgerkrieg im Bürgerkrieg.

Als Aufständische im Jemen vorige Woche den Präsidentenpalast in der Hafenstadt Aden eroberten, überraschte das die regionale Großmacht Saudi-Arabien: Denn die Rebellen unter Befehlshaber Aidarus al-Zubaidi gehören nicht zu den Huthis, die im Jemen seit mehr als vier Jahren gegen ein Bündnis unter saudischer Führung kämpfen. Zubaidis „Übergangsrat des Südens“ wird von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) unterstützt – einem bisher treuen Verbündeten der Saudis. Der Coup in Aden war Konsequenz eines außenpolitischen Kurswechsels der VAE, der Folgen für die ganze Region haben könnte.

Schon vor Zubaidis Attacke hatten die VAE den Rückzug ihrer Truppen aus dem Jemen verkündet. Dort haben die reichen Emirate in den vergangenen Jahren nach eigenen Angaben rund 90 000 Kämpfer ausgebildet und bewaffnet. Die Wende der VAE verwirrt den Partner Saudi-Arabien und dessen Helfer im Jemen. Die von den Saudis gestützte offizielle Regierung des Landes warf Zubaidi und den Emiraten einen Putschversuch vor: Im Jemen tobt nun ein Bürgerkrieg im Bürgerkrieg.

In einem eilig anberaumten Spitzentreffen mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman versuchte Mohammed bin Zayed, Thronfolger von Abu Dhabi und starker Mann der VAE, die Wogen zu glätten. Die beiden Prinzen riefen nach ihrem Gespräch in Mekka die Konfliktparteien im Jemen zum „Dialog“ auf. Doch Mohammed bin Zayed vermied eine ausdrückliche Aufforderung an seinen Partner Zubaidi, sich aus Aden zurückzuziehen. Der Bruch zwischen den VAE und Saudi-Arabien ist unübersehbar.

VAE gehen eigene Wege 
in Auseinandersetzung mit Iran

Und er zeigt sich nicht nur im Jemen. Auch in der Auseinandersetzung der sunnitischen Golf-Staaten mit dem schiitischen Iran gehen die VAE eigene Wege. Unter Mohammed bin Salman steuert Saudi-Arabien einen strikt anti-iranischen Kurs und liegt auf der Linie der Iran-Gegner in der amerikanischen Regierung, die nach Ansicht von Kritikern einen Krieg mit dem Mullah-Regime provozieren wollen. Dagegen schickten die Emirate kürzlich erstmals seit sechs Jahren eine Delegation ihrer Küstenwache nach Teheran, um mit der iranischen Führung über bilaterale Sicherheitsfragen zu sprechen.

Schon nach den mutmaßlich iranischen Anschlägen auf Öltanker im Persischen Golf im Mai fiel auf, dass die VAE auf eine direkte Schuldzuweisung an Teheran verzichteten. Die Emirate sehen den Iran als Gefahr, wollen einen Krieg aber verhindern – der „Washington Post“ zufolge haben die VAE den USA bisher nicht erlaubt, vom Gebiet der Emirate aus Angriffe auf den Iran zu starten.

Hinter dem neuen Kurs der VAE stehen wirtschafts- wie außenpolitische Gründe. Das kleine Land hat sich den Ruf eines attraktiven, sicheren und liberalen Investitionsstandortes im Nahen Osten erarbeitet; 80 Prozent der VAE-Bevölkerung besteht aus Ausländern – sollten sie wegen einer Eskalation mit dem Iran in Panik geraten und massenhaft das Land verlassen, stünde die Wirtschaft vor einer Katastrophe. Schon jetzt gehen Exporte aus den VAE in den Iran zurück.

Der Truppenabzug aus dem Jemen folgt ebenfalls eigenen VAE-Interessen. Wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen im Jemen-Krieg werden im US-Kongress Sanktionen gefordert, die auch die VAE treffen könnten. Auch angesichts der internationalen Empörung über die Ermordung des Dissidenten Jamal Khashoggi durch ein saudisches Killerkommando mag es den VAE angeraten erscheinen, sich etwas von Riad zu distanzieren.

Die Korrekturen sind außerdem ein indirektes Eingeständnis, dass sich die kleinen VAE mit außenpolitischen Interventionen übernommen haben. Vor sechs Jahren spielten die Emirate eine wichtige Rolle beim Putsch gegen den islamistischen ägyptischen Präsidenten Mohammed Morsi. Heute mischen die VAE im Streit mit dem Golf-Emirat Katar, im Libyen-Konflikt sowie im Sudan und in Somalia mit.

Nach Bericht der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu soll kürzlich in einer internen Sitzung der VAE-Führung scharfe Kritik am bisherigen Kurs von Kronprinz Mohammed bin Zayed laut geworden sein. Für den VAE-Prinzen könnte das ein weiterer Grund sein, das bisherige Bündnis mit seinem Kollegen Mohammed bin Salman zu lockern.