Kommentar

Herausforderung für Franziskus I. - Aufräumen!

Die Überraschung ist gelungen, und sie dürfte der katholischen Kirche gut tun. Die 115 im Konklave versammelten Kardinäle haben sich rasch und entschlossen über die vermeintlichen Wunschkandidaten der verschiedenen klerikalen Fraktionen hinweggesetzt und einen Mann zum Papst gewählt, der sich nach allem, was man weiß, schon vor acht Jahren als die einzige ernsthafte Alternative zu Joseph Ratzinger bei der Papstwahl erwiesen hatte: Jorge Mario Bergoglio.

Er, der erste Nicht-Europäer (und erste Jesuit) auf dem Stuhl Petri, ist auch der erste Papst seit 1100 Jahren, der sich mit der Wahl seines Namens nicht auf seine Vorgänger bezieht. Als Franziskus I. knüpft Bergoglio an das Vorbild des vielleicht radikalsten Heiligen der katholischen Kirche an. Das ist äußerst bescheiden und äußerst anspruchsvoll zugleich.

Franz von Assisi: Dieser Heilige passt als Vorbild gut zu einem Mann, der als Erzbischof von Buenos Aires ein unauffälliges Auftreten bevorzugte und bevorzug mit Bus oder U-Bahn unterwegs war. Und zu einem Mann, der als "Kardinal der Armen" und entschiedener Kämpfer gegen Korruption hervorgetreten ist.

Selten ist ein Papstname zu gut geeignet gewesen, daraus ein Programm abzuleiten. Franz von Assisi war es ja, der der Kirche des Hochmittelalters den Weg aus ihrer tiefen Glaubwürdigkeitskrise gewiesen hat: Umkehr bis hin zur Selbstentäußerung. Der Gegenentwurf zur Realität einer Kirche, die durch Machtspiele, durch das jahrelange Verdrängen des Missbrauchsskandals, durch die Finanzaffären um die Vatikanbank IOR bis ins Mark erschüttert worden ist.

Bescheiden und sympathisch hat sich der neue Papst eingeführt: Als Bischof von Rom, der "vom Ende der Welt" geholt worden ist - Bezugnahme auf seine Herkunft, aber auch Reverenz an seinen großen Vorgänger Johannes Paul II., den Papst aus einem "fernen Land".

Und dieser Bischof der Kirche von Rom hat sich zu Brüderlichkeit und Liebe, zur gemeinsamen Pilgerschaft von Bischof und Gläubigen, zur geschwisterlichen Verbundenheit mit den anderen Kirchen bekannt - womit er primär die übrigen katholischen Ortskirchen gemeint haben dürfte. Immerhin, deutsche Katholiken, die sich oft von Rom gegängelt fühlen, werden da die Ohren gespitzt haben.

Dabei dürfte der erste Papst aus Lateinamerika von zu Hause aus Probleme kennen, die von denen der katholischen Kirche in Europa gar nicht so verschieden sind. Wir Europäer sollten fair genug sein, uns mit Person und Botschaft des neuen Papstes genau zu beschäftigen und ihn nicht einfach als "konservativ" abzutun oder seine Anliegen gar auf seine bekannte Ablehnung der Ehe für Homosexuelle zu reduzieren - welcher Kardinal hätte in solchen Fragen wohl eine grundlegend andere Position?

Bergoglio ist nun in eine Rolle hineingeraten, die eigentlich nicht die des heiligen Franziskus war: Er ist nicht Einsiedler und Bettelmönch geworden, sondern er hat ein Amt angetreten, das mit außerordentlicher geistlicher und politischer Macht verbunden ist. Macht, die er zum Wohle seiner Kirche und der ganzen Menschheit nutzen muss.

Von der Botschaft der Liebe hat auch Kardinal-Dekan Angelo Sodano in der Messe vor dem Konklave gesprochen - ein Kardinal, der als tief verstrickt ins kuriale Intrigenspiel gilt. Da sollten ganz offensichtlich tiefe Spaltungen mit frommen Worten zugekleistert werden. Franziskus I. darf sich von einem solchen Verständnis von Liebe nicht irreführen lassen, sondern er muss aufräumen.

Die beeindruckend schnelle Entscheidung der Kardinäle, deren Mehrheit ja aus Bischöfen der Weltkirche und nicht aus Vertretern der Kurie besteht, zeigt, wie groß der Wunsch nach einem Neuanfang ist.

Die Lektüre des geheimen Untersuchungsberichts zur "Vatileaks"-Affäre wird ihm deutlich machen, wie tief er hier eingreifen muss. Eine gewaltige Aufgabe für einen Geistlichen "vom Ende der Welt", der mit 76 Jahren eigentlich kurz vor seiner Emeritierung als Erzbischof gestanden hätte und über keine Erfahrung in der vatikanischen Bürokratie verfügt. Er ist nur wenig jünger, als Benedikt XVI. es bei seiner Wahl war. Und er wird sich der Diskussion über seine Rolle während der Militärdiktatur in seinem Heimatland stellen müssen.

Wohl schon wegen seines fortgeschrittenen Alters war Bergoglio bei den Spekulationen über die Ratzinger-Nachfolge kaum ins Blickfeld geraten, obwohl er vor acht Jahren doch so eine starke Rolle als Kandidat gespielt haben dürfte. Man kann sich ausrechnen, wie bald seine Kritiker versuchen werden, ihn als reif für den Rücktritt zu erklären. War nicht ein jüngerer Papst herbeigewünscht worden? Ist der neue Papst kräftig und gesund genug?

Solchem vermeintlich fürsorglichen, tatsächlich aber perfiden Geraune wird Franziskus I. standhalten müssen. Gerade seine Position als jemand, der keiner Fraktion in der Kurie zugerechnet wird, könnte ihm die Unabhängigkeit verleihen, um im Vatikan wirklich reinen Tisch zu machen.