Kommentar zum Beschäftigungsausblick der OECD

Große Aufgabe

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD).

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD).

Die Politik ist gefordert, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Jungen und den Älteren, den gering- und mittelmäßig Qualifizierten ermöglicht, den Anschluss zu halten, kommentiert GA-Chefredakteur Helge Matthiesen.

Selten in den vergangenen Jahrzehnten ist es Deutschland wirtschaftlich so gut gegangen wie im Moment. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt und sinkt, die Sozialkassen sind annehmbar gefüllt. Dennoch gibt es ein Unbehagen im Land, das sich nicht nur aus der allgemeinen Vermutung speist, so gut wie im Augenblick werde es vermutlich nicht bleiben. Die Sorge ist berechtigt, denn die Weltwirtschaft und mit ihr alle Menschen durchleben derzeit einen Strukturwandel, wie es ihn seit der industriellen Revolution nicht gegeben hat.

Erste Einschätzung durch OECD-Studie

Die Globalisierung der Wirtschafts- und Kommunikationsbeziehungen setzt den Rahmen. Die Digitalisierung greift in beinahe jeden Arbeitsplatz ein. Darüber wird viel lamentiert und es werden immer neue Schlagworte geprägt: Industrie 4.0 ist so eines. Was das konkret bedeutet und wie sich die Folgen dieser unaufhaltsamen Veränderung gestalten lassen, ist bisher jedoch noch viel zu wenig ein Thema in Politik und Gesellschaft.

Was genau geschehen wird, weiß derzeit niemand, weil die vor uns liegenden Entwicklungen ohne historisches Vorbild sind und weil die Dynamik der ökonomischen und technischen Prozesse nicht vorherzubestimmen ist. All das ist zu komplex, um es auf einfache Formeln zu bringen.

Die OECD hat mir ihrer Studie eine erste Einschätzung geliefert, wie sich die Dinge in Bewegung setzen könnten. Ihre Ergebnisse sind kein Grund, in Panik zu verfallen und den Untergang der Arbeitswelt an die Wand zu malen. Uns wird die Arbeit nicht ausgehen. Sie wird nur neu verteilt. Wir brauchen daher auch kein bedingungsloses Grundeinkommen. Wir brauchen einen breiten Ansatz von Aus- und Weiterbildung für alle. Die Zukunft stellt höhere Anforderungen an die Arbeitskräfte einer Wirtschaft, die ihren Erfolg auf die extrem hohe Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen stützt.

Bildung, Neu- und Weiterqualifizierung

Bildung, lebenslanges Lernen fordern Politiker schon seit Jahren. Es steht folgerichtig in beinahe jedem Partei- und Wahlprogramm, das ernst genommen werden möchte. Anders als bisher, ist die Bildung, Neu- und Weiterqualifizierung aber nicht nur nettes Beiwerk, sondern wird über Erfolg oder Misserfolg jedes einzelnen entscheiden. Denn auch das sagt die Studie. Hier wird zwar über Volkswirtschaften geurteilt und es werden nationale Daten erhoben. Die Folgen der Entwicklung tragen jedoch alle individuell. Wer heute 50 ist, wird häufig noch 20 Jahre arbeiten. Wer das schaffen will, darf nicht hoffen, dass es schon reichen wird.

Die Politik ist gefordert, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Jungen und den Älteren, den gering- und mittelmäßig Qualifizierten ermöglicht, den Anschluss zu halten. Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben im Endeffekt das gleiche Interesse. Eine neue Bundesregierung hat hier eine große Aufgabe. Sie wird Lösungen finden müssen. Zum Nutzen des ganzen Landes.