Christian Mack veröffentlicht die Feldpost seines Großvaters

Grüße aus dem Schützengraben

BONN. Bouillonville heißt auf deutsch Fleischbrühstadt. Das schreibt Franz Mack am 12. März 1915 von der Westfront an die Eltern in Nürnberg. Von Februar 1915 bis zum Mai 1917 hat er im Ersten Weltkrieg gekämpft und über 100 Postkarten nach Hause geschickt.

Sein Enkel, der Bonner Journalist Christian Mack, veröffentlicht nun die Feldpost seines Großvaters. Jede Karte geht - auf den Tag genau 100 Jahre nach dem sie verschickt wurde - auf einer eigens dafür eingerichteten Internetseite online.

"Opas Krieg" hat der 30 Jahre alte studierte Historiker sein Projekt genannt. Er finde es einfach interessant, sagt er, zu sehen: Wie hat ein einfacher Fußsoldat den Ersten Weltkrieg erlebt? Was schreibt er von der Front nach Hause? "Ich wusste nicht, was mich erwartet, es hätte ja auch sein können, dass mir das, was er schreibt, inhaltlich überhaupt nicht in den Kram passt. Veröffentlicht hätte ich es aber trotzdem."

Seinen Großvater hat Mack selbst nie kennengelernt: Er starb 1981, drei Jahre vor der Geburt des Enkels. "Einen Opa, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hat, haben nicht viele Leute in meinem Alter, viele kennen das eher aus dem Zweiten Weltkrieg", sagt Mack. Doch sein Großvater hat den Vater spät in zweiter Ehe bekommen, und der wiederum selbst spät seine Kinder in die Welt gesetzt. "Dadurch liegen bei uns die Generationen weit auseinander." Vielleicht habe er deshalb, so Christian Mack, ein unmittelbareres Verhältnis zum Ersten Weltkrieg, der in der deutschen Erinnerungskultur klar im Schatten des nationalen Traumas Zweiter Weltkrieg stehe - ganz anders als aus französischer und britischer Sicht.

Geboren wurde Franz Mack 1894 in Nürnberg, 90 Jahre vor der Geburt seine Enkels. Er war ein junger Mann von 20 Jahren, als er Soldat wurde. Auch wenn sie häufig militärische Motive zeigen: Von der viel beschworen Kriegseuphorie seiner Generation ist wenig zu spüren in diesen Postkarten von der Front. Doch auch das Elend, der Tod, die unvorstellbaren Schrecken der Schützengräben, sie kommen nur vereinzelt und verhalten zur Sprache. "Solche Heldengräber sieht man jetzt ganz oft", schreibt Franz Mack am 17. März 1915 an die Eltern, vorn auf der Karte der Friedhof im französischen Essey. Doch schon im übernächsten Satz heißt es "Haben hier das schönste Frühlingswetter". Die Botschaft der meisten Postkarten laute "Mir geht es gut, schickt mehr Wurst!", sagt Christian Mack.

Gesammelt wurde die gesamte Korrespondenz in einem Fotoalbum, das Franz Mack bis zu seinem Tod 1981 aufbewahrt hat. Darunter auch einige Fotos. Außerdem Unterlagen wie der Militärpass, der alle Schlachten ausweist, an denen Franz Mack teilgenommen hat, die sogenannte Hundemarke, Abzeichen, Unterlagen. Schon als Kind hätten ihn diese schwarz-weißen Postkarten interessiert, erzählt Mack. Auch, wenn er damals nicht verstanden habe, was sie bedeuteten.

Bis August 2017 will der Bonner weiter die Feldpostkarten von Opa Franz veröffentlichen. Ein Mehrgenerationen-Projekt: Macks Großmutter Käthe hat das Album weit über den Tod ihres Mannes hinaus aufbewahrt, seine Großmutter mütterlicherseits hat die Postkarten, die in deutscher Kurrentschrift verfasst sind, transkribiert. Seine Mutter hat deren handschriftliche Notizen abgetippt.

Christian Mack, der bei Radio Bonn/Rhein-Sieg ein Volontariat zum Hörfunkredakteur absolviert hat, spricht die Texte auf den Karten ein. Auch diese Audiospuren werden auf der Internetseite veröffentlicht. Macks Projekt ist nicht das einzige, das neue digitale Kanäle wie Twitter, Facebook oder Internetseiten nutzt, um Geschichte in Echtzeit aufleben zu lassen. "Ich habe zwar bewusst nicht nach Vorbildern gesucht, aber durch das Projekt einige Menschen kennengelernt, die ähnliche Sachen machen - auch in Frankreich oder Großbritannien. Heute erscheint uns das unvorstellbar: Unsere Großvater oder Urgroßväter haben vor 100 Jahren aus den Schützengräben aufeinander geschossen, wir 'liken' uns heute gegenseitig."

Am 8. Mai 1917 traf Franz Mack ein Granatsplitter ins Kreuzbein und verletzte seine Nervenwurzel. Die letzte erhaltene Postkarte schickte er am 22. August 1917 aus dem Lazarett. Der Krieg war für ihn beendet, eine lebenslange Behinderung die Folge, die er jedoch auch zu nutzen wusste, um sich in seiner Heimatstadt Nürnberg den Start in eine erfolgreiche Beamtenlaufbahn zu ermöglichen. Auf manchen Karten findet sich der Zusatz: "Bitte aufheben!". Seine Familie hat diesen Wunsch 100 Jahre lang in Ehren gehalten.

Das Projekt ist im Internet unter opaskrieg.de finden. Zusätzliche Infos rund um das Projekt und Franz Mack gibt es unter facebook.com/opaskrieg und twitter.com/opaskrieg