Drei Menschen sterben

Geiselnehmer in Frankreich war vermutlich islamistischer Terrorist

23.03.2018 Carcassonne . Nach einer schlimmen Anschlagsserie hatte die Terrorlage in Frankreich sich zuletzt etwas beruhigt. Doch nun erschüttert eine Geiselnahme das Land - in einem unscheinbaren kleinen Ort im Süden. Ein Polizist verhinderte möglicherweise Schlimmeres.

Mit tödlichen Attacken und einer Geiselnahme in einem Supermarkt ist der Terror nach Frankreich zurückgekehrt. Ein junger Angreifer erschoss am Freitag bei mehreren Attacken in der Region Carcassonne im Süden des Landes insgesamt drei Menschen, 16 weitere wurden nach Angaben von Staatspräsident Emmanuel Macron verletzt. Nach stundenlangem Drama erschoss die Polizei den Täter, der sich in einem Supermarkt verschanzt hatte. „Unser Land hat einen islamistischen Terroranschlag erlitten“, sagte Macron am Abend in Paris.

Der 25-jährige Angreifer Radouane L. bezeichnete sich selbst als „Soldat“ der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Bei seiner Attacke in dem Supermarkt des kleinen Orts Trèbes habe der Mann zudem „Gott ist groß“ auf Arabisch gerufen, sagte der französische Anti-Terror-Staatsanwalt François Molins am Abend. Der IS reklamierte die Tat über sein Sprachrohr Amak für sich.

Als Held wurde in Frankreich ein Polizist gefeiert, der sich in dem Supermarkt freiwillig gegen Geiseln eintauschen ließ. Er wurde später vom Täter schwer verletzt und rang mit dem Tod. „Er hat Leben gerettet“, sagte Macron.

Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung ein, insbesondere wegen Mordes und versuchten Mordes im Zusammenhang mit Terrorismus sowie wegen Freiheitsberaubung. Die Behörde ist zentral für alle Terrorfälle im Land zuständig.

Frankreich war in den vergangenen Jahren mehrfach Ziel islamistischer Anschläge. Vor allem die schweren Attacken von Paris 2015 und Nizza 2016 hatten das Land schwer erschüttert - der neue Vorfall weckte auch Erinnerungen an die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris vor gut drei Jahren. In den vergangenen Monaten war es aber ruhig geblieben, auch wenn die Behörden regelmäßig vor einer anhaltend hohen Gefahr warnen. Zuletzt hatte im Oktober ein Angreifer in Marseille zwei Frauen erstochen, auch dabei hatte der IS die Tat für sich reklamiert.

Vor der Geiselnahme im 5500-Einwohner-Ort Trèbes brachte der Täter nach Angaben von Innenminister Gérard Collomb zunächst ein Auto in seine Gewalt. Einer der Insassen sei dabei getötet, der andere schwer verletzt worden. Etwas später schoss er mehrfach auf Bereitschaftspolizisten, die gerade vom Joggen zu ihrer Kaserne zurückkamen - ein Beamter wurde an der Schulter verletzt. Danach fuhr der Angreifer nach Trèbes, wo er in dem Supermarkt zwei Menschen erschoss und Geiseln nahm. „Niemand hätte je gedacht, dass es hier einen Anschlag geben könnte“, sagte Collomb über den Ort.

Laut Zeugenaussagen konnten zahlreiche Menschen aus dem Supermarkt flüchten, in dem sich anfangs rund 50 Personen befanden. Nach einer Verhandlung konnten die Geiseln im Austausch gegen den Polizisten gehen, wie Molins berichtete. Die Polizei riegelte das Gelände ab, Schüler mussten in ihren Schulen bleiben, Spezialkräfte rückten an. Der Beamte habe sein Telefon mit einer offenen Verbindung auf einem Tisch liegen lassen, sagte Innenminister Collomb. So hätten die Einsatzkräfte hören können, was sich im Supermarkt abspielte. Als Schüsse fielen, seien sie eingeschritten.

Die französischen Behörden hatten den Supermarkt-Angreifer, der wegen Waffenbesitz und Drogenkonsums vorbestraft war, schon früher wegen mutmaßlicher Radikalisierung unter die Lupe genommen. Der Mann habe seit 2014 wegen Verbindungen zur salafistischen Bewegung in einer Datenbank gestanden, sagte Ermittler Molins. Eine Überwachung habe 2016 und 2017 aber keine Anzeichen erbracht, die hätten vermuten lassen, dass der Mann zu einer Terror-Tat schreiten könnte. Macron sagte, die Ermittlungen müssten nun klären, wann und wie der Angreifer sich radikalisiert habe. Eine Frau aus dem Umfeld des 25-Jährigen wurde in Polizeigewahrsam genommen.

Das IS-Sprachrohr Amak meldete, der Mann habe auf Aufrufe reagiert, die „Staaten der Koalition“ anzugreifen. Damit ist das internationale Bündnis gemeint, das unter US-Führung in Syrien und im Irak den IS bekämpft. Die Echtheit der Mitteilung ließ sich zunächst nicht bestätigen. Sie wurde aber über die üblichen IS-Kanäle verbreitet.

Molins sagte, der Geiselnehmer habe die Freilassung von „Brüdern“ gefordert. Die Sender BFMTV und France 2 hatten zuvor ohne klare Quelle gemeldet, der Mann habe die Befreiung des Terrorverdächtigen Salah Abdeslam gefordert - einen Namen nannte Molins aber nicht. Abdeslam soll zu einer Zelle der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gehören, die die schweren Anschläge in Paris im November 2015 und in Brüssel im März 2016 verübte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bekundete ihre Anteilnahme. „Wir sind natürlich bei den Betroffenen und Angehörigen und sprechen ihnen aus vollem Herzen unsere Anteilnahme aus“, sagte sie beim EU-Gipfel in Brüssel. „Wir stehen, wenn es um terroristische Bedrohungen geht, natürlich an der Seite Frankreichs und wo immer wir helfen und unterstützen können, werden wir das tun.“ (dpa)