Kraftprobe im Vatikan

Franziskus entmachtet US-Bischof Raymond Leo Burke

Burke übernimmt rein repräsentative Funktionen.

Burke übernimmt rein repräsentative Funktionen.

09.11.2014 ROM. Papst Franziskus hat einen seiner hartnäckigsten Gegner entmachtet. Wie der Vatikan am Samstag bekannt gab, wurde der US-Kardinal Raymond Leo Burke als Präfekt der Apostolischen Signatur abberufen.

 Der 66-jährige Burke ist fortan Kardinalpatron beim Malteserorden. Dieser Wechsel von der Chefposition des obersten Gerichtshofs des Vatikan zur rein repräsentativen Funktion als Vertreter des Papstes bei den Maltesern bedeutet einen Machtverlust für Burke. Er galt als einer der einflussreichsten Gegenspieler von Franziskus bei der jüngsten Bischofssynode zur Familienseelsorge. Dort hatte er sich mehrfach gegen den von Franziskus befürworteten Kurs der Öffnung gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexuellen ausgesprochen.

Der US-Kardinal hatte zuletzt in einem Interview mit der katholischen Zeitschrift "Vida Nueva" behauptet, die katholische Kirche habe "keinen Kompass". Diese Aussage wurde als Kritik an Franziskus interpretiert, den Burke schon zuvor wiederholt angegriffen hatte. Der Hardliner, der eine zentrale Figur im römischen Traditionalistenmilieu ist, hatte über das Lehrschreiben Evangelii Gaudium gesagt, es könne kaum Teil des päpstlichen Lehramts sein. Im Gegensatz zu Franziskus, der gefordert hatte, weniger über kirchliche Verbote zu sprechen, sagte Burke im Hinblick etwa auf Abtreibung: "Wir können nie genug davon sprechen." Als Präfekt der Apostolischen Signatur ernannte Franziskus den Franzosen Dominique Mamberti. Dessen Nachfolger als vatikanischer Außenminister im Staatssekretariat wird Bischof Paul Richard Gallagher aus Liverpool.

Die Rochade im Vatikan, über die es schon länger Spekulationen gab, wird als Signal des Papstes an seine Kritiker interpretiert. Zuletzt waren im Vatikan immer mehr kritische Stimmen über Franziskus zu hören. Bei der außerordentlichen Synode zu Ehe und Familie wurde ein tiefer Graben in der Führung der katholischen Kirche sichtbar zwischen Befürwortern des vom Papst angestrebten Kurses der Öffnung und Anhängern der traditionellen Lehre. Mehrfach war in diesem Zusammenhang auch vom Risiko einer Kirchenspaltung die Rede. Der jetzt entmachtete Burke hatte auf die Frage nach einem möglichen Schisma geantwortet: "Wenn die Bischofssynode als Gegenentwicklung zur bestehenden Lehre und Praxis der Kirche gesehen wird, besteht ein Risiko."

In verschiedenen italienischen Medien wird unterdessen über den Fortgang des Pontifikats spekuliert. "Heute aber muss sich der Widerstand der höchsten kirchlichen Autorität widersetzen, sollte sie von der immer gültigen kirchlichen Lehre abweichen", war vor kurzem in der konservativen Intellektuellen-Zeitung Il Foglio zu lesen, die seit Monaten eine Kampagne gegen Franziskus fährt. Dieser Schritt, den der 77-jährige Franziskus bisher nicht ausgeschlossen hat, werde immer wahrscheinlicher, weil der Papst zunehmend die Kontrolle über die Kurie verliere. Insbesondere zwei einflussreiche Kardinäle stünden konträr zum theologischen Programm des Papstes. Dabei handelt es sich um den von Franziskus selbst zum Sekretär des neu eingerichteten Wirtschaftssekretariats berufenen Australier George Pell sowie um den Präfekten der wichtigen Bischofskongregation, den Kanadier Marc Ouellet.

Öl ins Feuer hat auch der italienische Publizist Antonio Socci mit seinem kürzlich beim italienischen Mondadori-Verlag erschienenen Buch "Non é Francesco" (Es ist nicht Franziskus) gegossen. Darin behauptet Socci, die Wahl Jorge Mario Bergoglios im Konklave 2013 sei wegen zwei Verstößen gegen die Konklaveordnung ungültig. Im fünften Wahlgang seien von den 115 in der Sixtinischen Kapelle anwesenden Kardinälen 116 Stimmzettel abgegeben worden. Die Episode wurde vom Vatikan bislang nicht dementiert. Die anschließende Annullierung des Wahlgangs sei laut Konklaveordnung ungültig gewesen, behauptet Socci. Zudem hätten nur vier Wahlgänge pro Tag stattfinden dürfen.

Die Angriffe auf Franziskus kommen nicht ganz überraschend. Angesichts der bei der Synode offensichtlich gewordenen Meinungsverschiedenheiten in der kirchlichen Hierarchie über die Zukunft der katholischen Kirche erwartete man auch im engeren Umfeld des Papstes Attacken. (unserem Korrespondenten Julius Müller-Meiningen)