Ankara pokert hoch

Erdogan legt sich mit den USA, Griechenland und Zypern an

"Was sollen wir mit einem Mörder reden, der eine Millionen seiner Bürger getötet hat", sagte der türkische Präsident Erdogan.

Erdogan legt sich mit den USA, Griechenland und Zypern an.

Istanbul. Nicht nur mit Amerika legen sich die Türken an. In seiner Rede warnte Erdogan am Dienstag auch Zypern und Griechenland wegen der geplanten Ausbeutung von Erdgasvorräten im östlichen Mittelmeer.

Ein Straßenname als Protestnote: Kurz vor einem schwierigen Besuch von US-Außenminister Rex Tillerson in der Türkei will der Stadtrat von Ankara jene Straße der türkischen Hauptstadt, an der die US-Botschaft liegt, in „Olivenzweig“ umbenennen. Damit attackieren die Lokalpolitiker die US-Unterstützung für die syrische Kurdenmiliz YPG, den Gegner der türkischen Armee bei der derzeitigen Syrien-Intervention mit dem Codenamen „Operation Olivenzweig“. Die Geste zeigt das Ausmaß der antiamerikanischen Stimmung im Land. Auch gegen die Nachbarn Griechenland und Zypern teilt Präsident Recep Tayyip Erdogan aus.

Washington sieht die YPG als wichtigen Partner im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS). Zudem soll die YPG auf Dauer bei der Sicherung von syrischen Gebieten helfen, aus denen der IS vertrieben wurde und in denen eine Machterweiterung iranischer Gruppen oder des syrischen Staates verhindert werden soll. Dagegen betrachtet Ankara die Kurdenmiliz als syrischen Ableger der Terrororganisation PKK. Mit der derzeitigen Militäraktion im nordwestsyrischen Afrin will die Türkei die Entstehung einer kurdischen Autonomiezone entlang ihrer Südgrenze verhindern.

Diesen Gegensatz in ihren Zielen im Syrien-Konflikt haben die beiden Nato-Verbündeten bisher nicht beilegen können, im Gegenteil. Die Türkei verlangt den Abzug der YPG sowie amerikanischer Ausbilder und Elitesoldaten aus der Stadt Manbidsch, die nach Afrin ins Visier der türkischen Truppen rücken soll. US-Generäle haben einen Rückzug ausgeschlossen. „Was habt ihr da zu suchen?“ fragte Erdogan am Dienstag in einer Rede an die USA gerichtet.

Laut einer Umfrage der US-Denkfabrik CAP haben mehr als acht von zehn Türken eine schlechte Meinung von Amerika. Der Chefredakteur der regierungsnahen Zeitung „Yeni Safak“, Ibrahim Karagül, sagte im Fernsehen, in Syrien führe die Türkei einen Krieg gegen die USA. Amerika-Kritiker wie Karagül sehen sich durch immer neue Meldungen über die US-Politik in Syrien in ihrer Meinung bestätigt. Wenige Tage vor Tillersons Ankunft in Ankara berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu, der Etatentwurf des US-Verteidigungsministeriums für 2019 sehe 550 Millionen Dollar für Ausbildung und Ausrüstung der Rebellenallianz SDF vor, bei der die YPG eine Hauptrolle spielt.

Der türkische Vizepremier Hakan Cavusoglu sagte im Staatssender TRT, die US-Hilfe für die Kurden rücke die Beziehungen zwischen beiden Ländern „fast an den Bruchpunkt“. Die scharfe Rhetorik soll vor Tillersons Besuch die Entschlossenheit der Türken unterstreichen, erschwert jedoch die Suche nach einem Kompromiss. Washington braucht die YPG für seine Syrien-Strategie und will jeden Eindruck vermeiden, dass die Kurden im Stich gelassen werden.

Nicht nur mit Amerika legen sich die Türken an. In seiner Rede warnte Erdogan am Dienstag auch Zypern und Griechenland wegen der geplanten Ausbeutung von Erdgasvorräten im östlichen Mittelmeer. Die Türkei sieht wegen der Pläne die Interessen der türkischen Zyprer gefährdet und verhindert seit Tagen mit Kriegsschiffen die Probebohrungen eines italienischen Spezialschiffes. Nach griechischen Angaben rammte ein Schiff der türkischen Küstenwache zudem ein griechisches Küstenwachschiff in einem Teil der Ägäis, in dem die genaue Grenzziehung zwischen beiden Ländern umstritten ist. Auch in den Streit um die Namensgebung des griechischen Nachbarn Mazedonien hat sich Ankara eingeschaltet.

Robert Pearson, ehemaliger US-Botschafter in Ankara, sieht bei Erdogan den Versuch, die Erinnerung an die Herrschaft der Osmanen zu beschwören und politisch einzusetzen. Möglicherweise habe der türkische Präsident auch territoriale Ansprüche in der Region, warnte Pearson in einem offenen Brief an Tillerson, der vom Middle East Institute in Washington veröffentlicht wurde.