Interview: Der Bonner Ökonom Christian Bayer

"Eine Pleite ist bei Staaten nicht so klar geregelt"

Christian Bayer ist seit 2008 Professor am Institut für Makroökonomik und Ökonometrie an der Universität Bonn.

Christian Bayer ist seit 2008 Professor am Institut für Makroökonomik und Ökonometrie an der Universität Bonn.

Seit Mittwoch ist Griechenland zahlungsunfähig. Es ist das erste Mal in der Geschichte des IWF, dass ein Industrieland seine Schulden nicht zahlen kann. Praktisch ist das Land pleite. Theoretisch nicht, erklärt Wirtschaftswissenschaftler

Viele sprechen bereits von einer Staatspleite Griechenlands. Auch Argentinien war 2001 bankrott. Gibt es Parallelen zwischen den beiden Ländern?

Christian Bayer: Argentinien ist ein typisches Entwicklungsland. Das heißt, auch die Niveaus der Staatsverschuldung sind unterschiedlich. Bei Entwicklungsländern ist das Niveau deutlich niedriger. Während es bei Argentinien damals rund 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes waren, sind es bei Griechenland heute über 170 Prozent. Zum Vergleich: Die Staatsverschuldung von Deutschland liegt bei etwa 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Wann ist ein Land tatsächlich pleite?

Bayer: Im Gegensatz zu Unternehmen ist das bei Staaten aus ökonomischer Sicht nicht so klar festgelegt. Ein Unternehmen ist bankrott, wenn es kein Eigenkapital mehr hat. Ein Staat dagegen gilt in der Ökonomie erst als pleite, wenn er seine Staatsschulden nicht mehr zurückzahlen will.

Nicht will?

Bayer: Ja. Denn theoretisch könnte ein Staat fast immer seine Schulden bedienen. Zum Beispiel indem er seine Bürger enteignet, deren Land ans Ausland verkauft und gleichzeitig alle Renten streicht. Damit könnte der Staat dann die Schulden bedienen. Das macht natürlich niemand. Aber theoretisch ist es möglich. Insofern ist die Frage des Bedienens von Schulden eine Frage des Wollens. Andererseits reicht die Steuerbasis keines entwickelten Landes aus, um selbst beim besten Willen alle Schulden auf einen Schlag zurückzuzahlen. Auch nicht bei Deutschland. Stellen zu viele Gläubiger gleichzeitig die Schulden fällig, so ist Griechenland "pleite". Im Grunde gehen die Verhandlungen genau hierum.

Das heißt mit anderen Worten, Griechenland ist überhaupt nicht pleite?

Bayer: Das ist immer eine politische Frage. Staatsschulden sind immer zunächst eine leere Versprechung. Griechenland käme mit seinem Geld aus, wenn es keine hohen Schulden hätte. Der Staatshaushalt ist nur marginal defizitär.

Was würde theoretisch passieren, wenn Griechenland den Staatsbankrott erklärt?

Bayer: Das Problem ist, dass die griechischen Banken einen Teil der Staatsschulden halten. Das ist eine Strukturschwäche bei allen europäischen Banken. Sie halten viel heimische Staatsschulden. Bei einer Pleite müssten die großen griechischen Banken die griechischen Staatsschulden abschreiben. Dann sind sie bankrott. In diesem Fall würde eigentlich der Staat eingreifen. Dieser könnte die Banken theoretisch rekapitalisieren. Um ihnen Eigenkapital zu schenken, würde er ihnen Schulden schenken, für die die Banken Zinsen nehmen können. Aber das würde auch nur funktionieren, wenn die Leute daran glauben und ihr Geld dann auch auf der Bank lassen.

Also ein Vertrauensproblem?

Bayer: Ja. Das wäre das gleiche bei einer neuen Währung. Auch die funktioniert nur, wenn die Menschen ihrer Regierung glauben und keine Angst um ihr Geld haben und die Konten räumen.

Halten Sie eine Pleite Griechenlands derzeit für wahrscheinlich?

Bayer: Das hängt an den politischen Akteuren. Wenn die griechische Regierung tatsächlich hart bleibt, halte ich es für wahrscheinlich, dass ein juristischer Weg gefunden wird, dass Griechenland aus dem Euro rausgeht, aber nicht aus der EU, gleichzeitig seine Schulden nicht zurückzahlt und seine Banken in neuer Währung rekapitalisiert. Die andere Möglichkeit wäre, dass Griechenland dazu gebracht wird, seine Schulden zahlen zu können und zu wollen. Sprich ein neues Hilfspaket.

Zur Person

Christian Bayer ist seit 2008 Professor am Institut für Makroökonomik und Ökonometrie an der Universität Bonn. Geboren 1977 in Essen, hat er in Bonn und Essen Wirtschaftswissenschaften studiert. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. 2004 bis 2008 war Bayer als "Wissenschaftlicher Assistent" an der Technischen Universität Dortmund angestellt.