Kommentar zum Brückeneinsturz in Genua

Ein Fanal

GENUA. Auf den ersten Blick wirkt der Brückeneinsturz von Genua wie ein tragischer Unfall. In Wahrheit steckt dahinter jedoch menschliches Versagen, das seinen Ursprung im ständigen Streben nach Wachstum hat, meint GA-Autor Julius Müller-Meiningen.

Immer wieder Genua. Die Hauptstadt Liguriens ist eine lebendige italienische Hafenstadt mit besonderem, rohen Charme und ihren speziellen Problemen. Immer häufiger wird die Stadt auch mit Katastrophen in Zusammenhang gebracht. Da sind etwa die regelmäßigen Überschwemmungen, die Genua und Umgebung in Mitleidenschaft ziehen. Zu Buche steht aber auch die Verschrottung des havarierten Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia im Hafen der Stadt. Und jetzt ist Genua mit dem Einsturz der Morandi-Brücke wieder in den Schlagzeilen.

Es mag Zufall sein, dass ausgerechnet das schroffe Genua immer häufiger im Zuge von Unglücksfällen in die Nachrichten kommt. Schließlich handelt es sich bei der Verschrottung der vor der Insel Giglio auf Grund gelaufenen Costa Concordia ja eher um die Behebung einer Katastrophe. Was die Überschwemmungen und den Brückeneinsturz angeht, gibt es aber eindeutige Parallelen. Genua ist aufgrund seiner Lage eine empfindliche Stadt. Die steile, unwegsame Küste ist ein Hindernis für schnellen und massenhaften Verkehr, deshalb ist Ligurien durchzogen von Viadukten, die offenbar an ihre Grenzen gekommen sind.

Dem Wachstum keine Grenzen gesetzt

Natürlich handelt es sich dabei um menschliches Versagen. Einerseits ist mangelnde Instandhaltung der Grund. Andererseits rächt sich in Genua, dass lange Zeit dem Wachstum keine Grenzen gesetzt schienen. Staaten und Volkswirtschaften fußen bis heute auf der Illusion des unendlichen Wachstums. Durch die Errungenschaften von Ingenieurs- und Baukunst scheinen fast alle Pläne realisierbar. Genua wurde immer größer, es wurde an Stellen gebaut, an denen man dies besser nicht getan hätte, wie man, so die Fachleute, an den sintflutartigen Überschwemmungen sieht, die die Region regelmäßig heimsuchen.

Sturzfluten werden durch Bauten an den falschen Orten befördert, weil das Wasser nicht mehr natürlich abfließen kann. Ähnlich verhält es sich mit dem Verkehr. Wer meint, dass es genügt, immer stabilere Brücken zu bauen (und die bestehenden angemessen instand zu halten), blickt zu kurz. Es ist der Verkehr, der überhand genommen hat. 60 von 100 Italienern besitzen ein Auto, das ist EU-Rekord. Im Supermarkt verlangen wir jederzeit Tomaten oder Avocados. Dieser Überfluss hat seinen Preis.

Es ist höchste Zeit, dass die Ideologie des „immer“ und „immer mehr“ ihre Grenzen findet. Der Mensch hat die Natur nicht in der Hand, er hängt in Wahrheit von ihr ab. Nachhaltiges Bauen, nachhaltige, alternative Verkehrskonzepte, Reduktion anstatt blinden Wachstums – das sind die Gebote der Stunde. Natürlich stehen diese Ideen der herrschenden Wachstumsideologie konträr gegenüber und wirken für viele realitätsfremd. Denn sie bedeuten eine Veränderung der Konsumgewohnheiten und das Ende vieler Bequemlichkeiten. Genua ist ein Fanal, Genua ist überall.