Bürgerkrieg und Terror

Ein Albtraum namens Syrien

Nach einem Luftangriff im Januar säumten Trümmer die Straßen von Douma in Syrien.

Nach einem Luftangriff im Januar säumten Trümmer die Straßen von Douma in Syrien.

23.02.2016 Bonn. Der innersyrische Konflikt vermischt sich mit regionalen Konfrontationen im Nahen Osten und hat durch das militärische Eingreifen Russlands eine weltpolitische Dimension erlangt.

Aus einem lokalen Ereignis im Süden Syriens ist eine Konfrontation geworden, die bis zum Krieg zwischen Russland und der Nato führen könnte? Wieso ist dies so? Welche Interessen verfolgen die beteiligten Kriegsparteien und die hinter ihnen stehenden Mächte? Ein Überblick.

Auslöser

Im März 2011, es war in vielen Ländern die Zeit des arabischen Frühlings, schmiert ein 15-jähriger Junge im südsyrischen Daraa mit Freunden eher aus Langeweile und Übermut Parolen an Wände: „Nieder mit dem Präsidenten“ oder „Du bist dran, Doktor“. Der syrische Geheimdienst kommt ihnen auf die Spur, verhaftet und foltert die Kinder, die zu großen angesehen Clans der Region gehören.

Die Familien demonstrieren, es kommt zur Konfrontation mit der Staatsmacht, bei Kundgebungen gibt es erste Tote, die Proteste weiten sich aus Wut vieler Syrer verschiedener Konfessionen und Volksgruppen auf das Unterdrückerregime auf andere Städte aus. Soldaten desertieren, bilden die „Freie Syrische Armee“, bekämpfen Truppen des Präsidenten Baschar al-Assad.

In vielen Widerstandsgruppen setzen sich im Laufe der Monate islamistische Kräfte durch, die auf ausländische Unterstützung gegen Assad bauen. Der Konflikt erhält so eine religiöse und eine regional-politische Dimension.

Saudi-Arabien contra Iran

Das saudische Königshaus stützt seine Macht auf den Klerus einer radikal-sunnitischen Spielart des Islam, den Wahhabismus. Hauptfeind sind die Schiiten, Gläubige eines Zweigs des Islam, der zum Beispiel im Iran Staatsreligion ist. Beide Staaten konkurrieren um die Vorherrschaft in der nahöstlichen Region, unter anderem mit Stellvertreterkriegen im Jemen und eben auch in Syrien.

Nachdem sich in den irakischen Kriegswirren mit Hilfe des Iran der schiitische Bevölkerungsteil weitgehend durchgesetzt hat, baut Teheran auf eine Achse von Verbündeten bis ans Mittelmeer, zu denen traditionell das syrische Assad-Regime und die von ihm geförderte libanesische Hisbollah gehören. Einheiten seiner Revolutionswächter sowie Hisbollah-Milizionäre kämpfen an der Seite des Machthabers.

Saudi-Arabien sieht im syrischen Bürgerkrieg die Chance, diese Achse zu durchbrechen, den Konkurrenten zu schwächen, Vormacht der Sunniten im Irak, in Syrien und darüber hinaus zu werden. Riad unterstützt deshalb alle, vor allem aber religiös-radikale Kräfte, die dem Wahhabismus nahestehen und das Regime von Bashar al-Assad bekämpfen.

Islamischer Staat (IS)

Im Irak bekämpfen seit Jahren radikale Sunniten unter Einschluss zahlreicher ehemaliger Kader aus Militär und Geheimdiensten des früheren Diktators Saddam Hussein die nach dessen Sturz mit Hilfe des Iran entstandene Dominanz der Schiiten. Sie werden vor allem finanziell unterstützt von vermögenden sunnitischen Privatleuten, religiösen Stiftungen und Moscheevereinen vor allem aus Saudi-Arabien und Katar.

Seit 2011 machte sich die Gruppe, die sich heute „Islamischer Staat“ nennt, erst schleichend, dann offen operierend auch in Syrien breit und erhält dabei zynischerweise auch lange Zeit logistische Unterstützung der Türkei (s.u.) – und des Assad-Regimes, weil der IS sein Territorium zunächst auf Kosten und gegen die syrischen Rebellen erobert.

Der IS verfolgt letztlich eigene Ziele, die Errichtung eines radikal-islamisch sunnitischen Staates im Nahen Osten und darüber hinaus (das Kalifat wurde am 29. Juni 2014 ausgerufen). IS und saudische Gönner instrumentalisieren sich gegenseitig, ebenso wie der IS und die Türkei – solange es beiden Seiten jeweils nützt.

Al-Nusra-Front

Die Al-Nusra-Front ist eine innersyrische radikalislamische sunnitische Gruppierung, die sich einst dem Al-Kaida-Netzwerk angeschlossen hatte, ähnliche Ziele wie der IS verfolgt, gegen die Armee von Präsident Assad kämpft, aber inzwischen auch Freie Syrische Armee und Kurdengruppen bekämpft. Viele Kämpfer sind allerdings zum IS übergelaufen, als dieser erstarkte und für radikale Sunniten attraktiver wurde.

Freie Syrische Armee

Sie entstand in der Anfangsphase des Bürgerkriegs im wesentlichen aus desertierten Soldaten des Machthabers Assad, die nicht mehr gegen die eigene Bevölkerung kämpfen wollten und den Sturz des Regimes anstreben. Inzwischen gehören ihr zahlreiche örtliche säkular und nationalistisch ausgerichtete Rebellengruppierungen an.

Das allerdings sehr lose Bündnis wird unter anderem durch Ausbildung und Material von den USA und dem Westen unterstützt. Die säkulare Opposition in Syrien und im Exil, wie der „Syrische Nationalrat“, ist politisch zersplittert und zerstritten und wird sowohl vom Regime, von den islamistischen Kräften als auch von Russland bekämpft.

Kurden

Eine Sonderrolle im syrischen Bürgerkrieg spielen die Kurden. Nachdem sie sich im Nachbarland Irak während des dortigen Bürgerkriegs in den 2000er Jahren eine weitgehend autonome Region erkämpfen konnten, streben die YPG (Yekîneyên Parastina Gel, Volksverteidigungseinheiten) in Syrien dies ebenso an. Sie haben das von ihnen bewohnte Gebiet im Irak wie in Syrien mit massiver westlicher, teils deutscher, logistischer Unterstützung gegen die vordingenden Einheiten des IS verteidigt, haben aber als mächtigsten Feind die Türkei.

Türkei

Der Nato-Partner Türkei verfolgt zwei Ziele: Den Sturz des Assad-Regimes, hier ist er sich politisch mit den USA und der EU einig – und dringlicher den Kampf gegen alle kurdischen Autonomie-Bestrebungen. Deshalb bombardiert Ankaras Armee im Irak massiv die gegen den IS kämpfenden kurdischen Peschmerga und droht in Syrien, massiv militärisch einzugreifen. Deswegen ist die von diesen bestrittene Behauptung, syrische Kurden hätten den jüngsten Terroranschlag in Ankara begangen, brandgefährlich.

Die Türkei hat zur Bekämpfung der Kurden lange Zeit den IS unterstützt, indem sie zum Beispiel als Einfallstor für Kämpfer nach Syrien bzw. als Rückzugsraum gedient hat (Devise: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“). Zugleich könnte der Nato-Partner mit Russlands Armee aneinander geraten, die inzwischen die Truppen des Assad-Regimes massiv unterstützt. Die türkische Luftwaffe schoss bereits einen russischen Kampfjet ab,

Russland

Die zwei Jahrzehnte lang vom Westen nicht mehr ernst genommene Großmacht will zu alter weltpolitischer Stärke zurückfinden. Da bietet sich in der Unterstützung des alten Verbündeten, des Assad-Clans, eine gute Gelegenheit, im Nahen Osten wieder mitzumischen, seinen einzigen Militärstützpunkt im Mittelmeerraum (Marinebais Tartus seit 1971) zu verteidigen sowie die Ausbreitung des militanten Islamismus, der auch südrussische Gebiete bedroht, zu verhindern.

Russlands Luftwaffe bombt Assads Bodentruppen den Weg frei, wahrscheinlich sind auch Spezialtruppen im Einsatz.

Die USA

Die USA wollen Assads Sturz, sich nach den Erfahrungen in Afghanistan und im Irak aber nicht in einen weiteren Bürgerkrieg hineinziehen lassen. Außer verhaltener logistischer und finanzieller Hilfe für die schwachen säkularen Rebellengruppen in Syrien und massiver Luftschläge gegen den IS in Syrien und Irak, um den Kurden zu helfen, haben sie ein Machtvakuum zugelassen, das Moskau gerne ausfüllt.

Die aktuelle Lage

In Syrien sind somit heute innersyrische, regionale und weltpolitische Interessenlagen unlösbar miteinander verwoben. Die Armee Assads ist nach dem militärischen Eingreifen Russlands seit dem 30. September 2015 deutlich in der Offensive. Deswegen sieht der Diktator keinen Grund für einen Waffenstillstand, den die USA und Russland derzeit forcieren und der am Samstag in Kraft treten soll. Mit dem IS sind ohnehin keine Verhandlungen möglich.

Worüber auch? Über die Legitimation seiner Terrorherrschaft? Assad ist an der Seite Moskaus, Irans und der nahöstlichen Schiitenfraktion zunächst daran gelegen, innersyrische Rebellengruppen zu besiegen, die ihm politisch gefährlicher erscheinen als der IS.

Die Anti-Assad-Front ist gespalten in Kurden-Unterstützer und -feinde, IS-Unterstützer und -feinde und in zwischen allen Fronten fast zerriebene westlich orientierte Rebellengruppen. Die Nato fürchtet, in eine etwaige militärische Konfrontation zwischen der Türkei und Russland hineingezogen zu werden. Scharmützel hat es bereits gegeben.

Die russischen Bombardements der Rebellenhochburgen wie um Aleppo helfen Assad und nützen den kurdischen Kämpfern, beides erklärte Feinde der Türkei, so dass sich Ankara und Moskau gegenseitig als Terroristenunterstützer beschimpfen und drohen, dies nicht weiter zuzulassen.

Der Nato-Partner Türkei lässt sich nicht vom Willen zum Krieg gegen die vom Westen im Kampf gegen den IS unterstützten Kurden abbringen. Saudi-Arabien hingegen sieht die verhasste Schiiten-Koalition im Vormarsch, hat bereits Kampfflugzeuge zur Unterstützung Ankaras in die Südtürkei verlegt und erwägt die Entsendung von Bodentruppen.

Die könnten in Syrien schnell auf Irans Revolutionswächter treffen, was aus dem Stellvertreterkrieg in einen direkten Krieg münden könnte. Enge westliche Verbündete führen Krieg gegen Russland oder gegen den Iran? Ein Albtraum. (Sandro Schmidt)