Portärt von Ex-Kommunist Jesús Torrealba

Der Strippenzieher

Jesús Torrealba.

Jesús Torrealba.

Caracas. Er trägt das Herz auf der Zunge und die Politik in den Adern. Wo er hinkommt, erregt Jesús Torrealba mit seiner athletischen Figur, seinem leuchtenden Glatzkopf und seinem lauten Humor Aufmerksamkeit.

Der ehemalige Stadtteilaktivist und Radiomoderator ist der Architekt hinter dem Wahlsieg der venezolanischen Opposition am Sonntag. Seit 14 Monaten ist der 57-Jährige der Koordinator des buntgewürfelten Bündnisses, das von ehemaligen Sozialisten bis zu konservativen Christdemokraten reicht und sich Tisch der Demokratischen Einheit (MUD) nennt. Torrealba, den alle nur bei seinem Künstlernamen "Chuo" nennen, war ein Glücksgriff für die Opposition, die lange nicht den Weg aus ihren Villen in die Armenviertel gefunden hat.

Torrealba, Sohn eines kommunistischen Gewerkschafters, wuchs mit zwei Schwestern in diversen Arbeitervierteln auf - der Vater wurde politisch verfolgt, und die Familie musste oft umziehen.Von klein auf wurde er politisch erzogen und bis heute ist er Träumer geblieben, dessen Vorbilder Mahatma Gandhi und Martin Luther King sind. "Sie haben verstanden, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt, sondern sie bestimmt."

Mit vier Jahren lernte er lesen und verschlang alles, was ihm in die Finger kam. Mit 13 Jahren war er bereits in der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei aktiv. Doch 1974 brach er mit den Kommunisten, deren rigide, autoritäre Machtstruktur seinem Freiheitswillen zuwider lief. Als er 40 war, brach er mit einem weiteren Tabu seiner Kinderzeit und ließ sich katholisch taufen.

Er studierte Pädagogik und Journalismus, war Lehrer, gründete eine Stadtteilorganisation, und vor zehn Jahren begann er erst im Radio, danach im Oppositionssender Globovisión mit seinem Programm "El Radar de los Barrios", bei dem er vor Ort in den Armenviertel konkrete Sorgen der Anwohner aufgriff und sowohl die Regierung als auch die Opposition zu Wort kommen ließ - eine Seltenheit im polarisierten politischen Ambiente Venezuelas.

Mit seinen humorvollen Kommentaren, seinem verschmitzten Lächeln und seiner offenen, frischen Art gewann er rasch die Herzen der Zuschauer. 2002 schloss er sich der Demokratischen Koordination an, dem Vorläufer der MUD. Die Armenviertel sind seine Leidenschaft geblieben: 27 000 davon gibt es in ganz Venezuela, 57 Prozent der Bevölkerung leben in ihnen. Eine Bastion der Sozialisten, lange uneinnehmbar für die bürgerliche Opposition. Torrealba brachte den Oppositionspolitikern diese Realität nahe, suchte Kandidaten aus den Armenvierteln und arbeitete Wahlkampfstrategien aus.

Als vor zwei Jahren Ramon Avelledo nach zwei Wahlniederlagen und internen Querelen die Koordination der MUD niederlegte, herrschte Ratlosigkeit, wer die Nachfolge des ruhigen Strippenziehers hinter den Kulissen antreten sollte, dann fiel sein Name. Torrealba war selbst von dem Angebot überrascht und erbat sich Bedenkzeit. Bis heute gehört er keiner der diversen Parteien der MUD an und ist gut gefahren mit seiner auf Ausgleich bedachten Rolle.

Obwohl ihm die Arbeit der vergangenen zwei Jahre selten mehr als vier Stunden Schlaf gönnte, war ihm die Anspannung nie anzumerken. Stets hatte der Fan des Baseballclubs Magallanes ein freundliches Lächeln oder einen flotten Spruch auf den Lippen, immer fand er Zeit für ein Interview. Sein Diskurs ist geschliffen, vor den Kameras ist er ein Vollprofi.

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