Putins Lieblingsrocker

Der Rausschmeißer kehrt zurück

Alexander Saldostanow. FOTO: DPA

Alexander Saldostanow.

MOSKAU. Er mag das Wort Toleranz nicht. "Für mich ist das etwas Schmutziges." Toleranz bedeute Unfähigkeit, Widerstand zu leisten. "Zum Glück besitzt unser Präsident keine Toleranz." Alexander "Chirurg" Saldostanow ist gelernter Kieferchirurg, Wladimir Putins Vertrauensmann und Mitbegründer der oppositionsfeindlichen Bewegung "Antimaidan".

Aber vor allem ist er Präsident der allrussischen Bikergruppe "Nachtwölfe". Am 9. März wollen die russischen Zweiradpatrioten in Berlin aufkreuzen, um dort den 70. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland zu feiern. Auch Polen steht auf der Reiseroute der Motorradwölfe. Dort fordern schon über 10 000 Facebook-Nutzer, Saldostanow, dessen Biker auch die Krim vor ihrer Annexion und das umkämpfte Donbass heimgesucht haben, die Durchfahrt zu verweigern.

Aber der "Chirurg" denkt nicht daran, seine Pläne zu ändern. "Der Große Sieg 1945 ist der Gipfel der russischen Geschichte", zitiert ihn die Komsomolskaja Prawda. Saldostanow gehört zu Moskaus Motorradrockern der ersten Generation. 1983 schaffte sich der Medizinstudent ein tschechoslowakisches Jawa-Motorrad an, bretterte mit Gleichgesinnten nachts durch die leere Sowjethauptstadt, schwärmte für "Mad Max". Bei Rockkonzerten machten die schweren Jungs den Saalschutz. Spätsowjetische Quertreiber, versichert der "Chirurg". "Wir waren nicht gegen unser Land, aber gegen die Heuchler, die Werte predigten, an die sie nicht glaubten."

1985 heiratete der "Chirurg" eine Deutsche, lebte monatelang in Berlin, wo er sich mit Mitgliedern der Bikerbande "Hells Angels" anfreundete und als Rausschmeißer im Rockclub "Sexton" verdingte. 1989 gründeten er und andere russische Biker die "Nachtwölfe", eröffneten auch in Moskau einen "Sexton"-Klub und ein eigenes Biker-Zentrum, organisierten bombastische Motorrad-Shows, erst in Sewastopol, dann in "Stalingrad", wie der "Chirurg" Wolgograd nennt. Wladimir Putin tauchte dort wiederholt auf, drehte auf einem riesigen Dreirad mehrere Runden mit Saldostanow. "Zwischen uns ist so etwas wie Freundschaft geboren." Endlich habe Gott Russland einen Mann gesandt, für den man sich nicht schämen müsse.

Viele russische Biker werfen Saldostanow vor, er verstoße gegen die Grundregel aller Motorradklubs: Keine Politik. Außerdem habe er die von den "Hells Angels" übernommene innere Demokratie, nach der der Klubpräsident jedes Jahr neu gewählt wird, durch Einmann-Diktatur ersetzt, schreibt das Portal smotorom.ru. Auch das Bike-Zentrum in Moskau, das die "Nachtwölfe" in langer Kleinarbeit errichteten, gehöre jetzt juristisch nur noch einer Person: Saldostanow.

Den "Chirurgen" schert das nicht, er ist auch stolz darauf, dass die USA und Kanada ihm die Einreise verweigern. Ein 52jähriger Muskelprotz in Schwarz, der auf seiner Lederweste den Ruhmesorden trägt, den ihm Putin verliehen hat. Sein blaugrauer Blick ist hart, sein Kinnbart sauber rasiert, seine Stimme klingt ständig heiser. "Wir waren und sind Protestpublikum", sagt er. Nur gelte es jetzt nicht mehr gegen KPdSU-Funktionäre zu protestieren, sondern gegen jene "abstrakte Herrschaftsstruktur, die immer lügt und mein Land vernichten will" - gegen den Westen. Es gebe im Westen keinen Pieps Freiheit, stattdessen nur Betrügerei und das Recht des Stärkeren. "Alles Gerede über Demokratie ist etwas für Trottel." Höflichkeit sollte Berlin von diesem Gast am 9. Mai nicht erwarten.