Kommentar

Der Rückritt Benedikts XVI. - Ein Papst, kein Vater

Morgens geht die Sonne auf, abends geht sie unter - und ein Papst tritt nicht zurück. Zumindest letztere Gewissheit, die einige Jahrhunderte lang gehalten hat, gilt seit Montag nicht mehr. Dass Papst Benedikt XVI. sein Amt aus Altersgründen abgeben will, ist ein Ereignis von welthistorischem Ausmaß, eine große, fast einzigartige Geste.

Am Ende seines weitgehend glücklosen Wirkens beweist der Pontifex Mut und Weitsicht. Es ist die rationale Entscheidung eines Vernunftmenschen zu bewundern, der kraft seiner Worte regelmäßig den Intellekt vieler Gläubigen erreicht hat, weniger jedoch das Herz der Massen.

Anders als sein charismatischer Vorgänger, Papst Johannes Paul II., würde ein körperlich und vor allem geistig geschwächter Benedikt seine Mission nicht allein durch ein leidvoll leises Sosein fortsetzen können. Das hat er offenbar erkannt, ohne dass hier nun in unangemessener Weise darüber spekuliert werden sollte, wie genau es um die Gesundheit des Papstes bestellt ist.

Eines aber ist auch klar: Ob ein Mensch seine Pflichten erfüllen kann, hängt nicht nur von seiner verbliebenen Kraft ab, sondern auch vom Gewicht der Aufgaben. Die Probleme der katholischen Kirche sind in den vergangenen Jahren nicht kleiner, sondern größer geworden - und daran ist Benedikt nicht ganz unschuldig.

Es war der italienische Priester Don Paolo Farinella, der mit Blick auf den Missbrauchsskandal schon vor einigen Jahren ebenso offen wie frech den Rücktritt Benedikts gefordert hatte. Joseph Ratzinger möge sich in ein Kloster zurückziehen und Buße tun für sein "Versagen als Priester und Papst". Und in der Tat: Das Versagen der Weltkirche im Umgang mit dem massenhaften Missbrauch von Kindern durch katholische Würdenträger wäre ein nachvollziehbarer Grund für einen Rücktritt gewesen. Dies allerdings wäre freilich eine noch größere Sensation gewesen: dass ein Papst die "politische" Verantwortung für einen Missstand übernimmt und geht. Undenkbar!

Andererseits würde es überraschen, wenn sich Benedikt diesen Skandal nicht doch besonders zu Herzen genommen hätte, auch wenn er das nicht in angemessener Weise zeigen konnte und wollte. Vielleicht war und ist er deswegen sogar erschüttert und nachhaltig angeschlagen. In jedem Fall blieb er nach außen hin - weiterhin - kühl, und das nahm man ihm besonders in seinem Heimatland, in Deutschland, übel.

Überhaupt ist nirgendwo auf der Welt die Enttäuschung über Benedikt größer als im Wir-sind-Papst-Land. Man wusste ja, dass hier ein ebenso scharfer wie scharfsinniger Dogmatiker zum Nachfolger des Apostels Petrus berufen wurde. Und doch hofften gerade die Deutschen auf so etwas wie Güte und Altersmilde ihres Landsmanns und darauf, dass tiefere Einsichten zu einem Wandel der Katholischen Kirche führen würde. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte ja vor 50 Jahren unter Mitwirkung von Joseph Ratzinger beschlossen, dass die Kirche nach den Zeichen der Zeit forschen und diese im Lichte des Evangeliums neu deuten solle. Nun erwartete man gerade im Land der Reformation, dass Rom sich der Lebenswirklichkeit der Menschen im 21. Jahrhundert stärker annähert. Doch das Gegenteil war der Fall.

Die Euphorie, die beim katholischen Weltjugendtag in Köln im Sommer 2005 zum Greifen war - nur wenige Monate nach dem vor allem in Deutschland umjubelten "Habemus papam" -, verflog schnell. Benedikt dachte gar nicht daran, auch nur einen Schritt auf jene Gläubigen zuzugehen, die auf mehr synodale Strukturen in der Kirche hofften, auf einen anderen Umgang mit Homosexuellen, mit Wiederverheirateten und darauf, dass mehr Kirchenämter für Frauen geöffnet würden. Als es Bundestagspräsident Norbert Lammert wagte, im Vorfeld einer Papst-Rede im Bundestag im September 2011 laut über das Eheverbot für Priester nachzudenken, fiel die Reaktion aus Rom besonders harsch aus.

Es ist kein Zufall, dass die liberalen Stimmen in der Deutschen Bischofskonferenz mehr und mehr verstummten und sich die Konservativen dort zunehmend durchsetzten. Und es ist auch kein Zufall, dass die Affäre um den Umgang katholischer Kliniken mit vergewaltigten Frauen ausgerechnet dort spielte, wo Schwangerschaftsabbrüche schon einmal mit dem Holocaust verglichen wurden. Die aktuelle Austrittswelle zeigt einmal mehr, dass für viele Gläubige das Maß des Erträglichen erreicht oder überschritten ist.

Doch Vorsicht! Es handelt sich hier um einen Blick durch die deutsche Brille. In anderen europäischen Ländern fällt die Bilanz naturgemäß anders aus, in weiten Bereichen Lateinamerikas oder Afrika womöglich diametral anders. Dass der Nachfolger Benedikts wieder ein Europäer wird, ist unwahrscheinlich. Dass er ein Reformer ist, leider auch.