UN-Klimakonferenz in Kattowitz

190 Staaten verhandeln über Zwei-Grad-Ziel

Klimaschützer haben auf dem Aletschgletscher eine riesige Postkarte ausgerollt, die aus 125.000 Einzelpostkarten besteht. Mit der Aktion wollen die Aktivisten auf die Gefahren der Erderwärmung hinweisen.

Klimaschützer haben auf dem Aletschgletscher eine riesige Postkarte ausgerollt, die aus 125.000 Einzelpostkarten besteht. Mit der Aktion wollen die Aktivisten auf die Gefahren der Erderwärmung hinweisen.

BERLIN. Der Klimawandel schreitet voran, die Menschen tun bisher zu wenig, um ihn abzuschwächen. Auf der UN-Klimakonferenz soll nun ein Regelwerk für das Zwei-Grad-Ziel vorgelegt werden.

Langeoog ist nicht Fidschi. Doch wenn ab Montag im polnischen Kattowitz beim UN-Klimagipfel die Delegationen von mehr als 190 Staaten zusammenkommen, hoffen Maike und Michael Recktenwald ebenso wie die Menschen auf den Fidschi-Inseln im Pazifik auf einen möglichst mutigen Schritt der Weltgemeinschaft zum Klimaschutz. Die Familie Recktenwald betreibt auf Langeoog das nach eigenen Angaben einzige Bio-Hotel auf der ostfriesischen Insel, „nur 99 Schritte vom Meer entfernt“. Sollte die Erderwärmung nicht gestoppt werden und damit der Wasserspiegel der Weltmeere weiter steigen, sehen die Recktenwalds ihre Lebensgrundlage bedroht – ähnlich wie die Bewohner der Fidschi-Inseln, die befürchten, ihr Land könnte eines Tages im Meer zu versinken.

Die Regierung der Fidschis hatte beim Weltklimagipfel 2017 die Präsidentschaft inne, musste die Konferenz aber wegen fehlender eigener Möglichkeiten am Sitz des UN-Klimasekretariats ausrichten: in Bonn. Die Recktenwalds gehören zu zehn Familien aus fünf EU-Staaten, Kenia sowie Fidschi, die die Europäische Union verklagt haben, weil sie deren Klimaziele als unzureichend erachten und sich darin in ihren Grundrechten verletzt sehen. Die Klage ist inzwischen beim Europäischen Gerichtshof zugelassen. Die Kläger sehen das EU-Klimaziel, die Treibhausgas-Emissionen bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu reduzieren, als zu gering an. In ihrer Klageschrift verweisen die Recktenwalds und ihre Mitstreiter auf Studien, wonach die Treibhausgas-Emissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gesenkt werden müssten, um dem Ziel des Pariser Weltklimavertrags von 2015 gerecht zu werden, den globalen Temperaturanstieg bis 2050 unter zwei Grad zu halten.

Baerbock fordert ehrgeizigere Ziele

An diesem Ziel wollen die mehr als 190 Staaten des UN-Klimagipfels in Kattowitz auch nach dem Ausstieg der USA festhalten, einem der größten Verursacher von Treibhausgasen. Um dieses Ziel zu erreichen, halten zahlreiche Staaten eine Aufstockung der jeweiligen nationalen Klimaschutzziele für notwendig. So haben unter anderem die von der Erderwärmung massiv bedrohten Fidschis wie auch die Marshall-Inseln angekündigt, ihre nationalen Klimaziele „nachzuschärfen“. Aus Europa kommt dazu bislang wenig. Grünen-Chefin Annalena Baerbock sagte in Berlin: „Eine Tonne Kohlendioxid in Europa entspricht auch einer Tonne Kohlendioxid in Fidschi.“ Europa dürfe sich also nicht davonstehlen.

Baerbock forderte die EU auf, ihr europäisches Klimaziel einer Treibhausgas-Emission von mindestens 40 Prozent bis 2030 ehrgeiziger zu gestalten. Regierungsberater wie der Direktor des Potsdam-Institutes für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer, und der Chef der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, empfehlen derweil eine CO2-Steuer einzuführen, wie der „Spiegel“ berichtet. Edenhofer forderte die Bundesregierung auf, den geplanten Ausstieg aus der Braunkohle durch einen CO2-Mindestpreis zu ergänzen. Nur mit einem Mindestpreis werde der Kohleausstieg funktionieren.

Nationale Klimaziele sollen vergleichbar werden

Der Plan der beiden Professoren sieht vor, dass der Ausstoß einer Tonne Kohlendioxid 2020 bei 20 Euro liegen soll. Danach soll er stufenweise auf 35 Euro bis 2030 steigen. Grünen-Klimapolitikerin Lisa Badum sagte mit Blick auf den in Deutschland geplanten Kohleausstieg und den Streit um die Frage, wie lange in Braunkohlerevieren wie etwa der Lausitz noch Kohle abgebaut werden soll: „Wir dürfen nicht Menschen in einem Inselstaat gegen Menschen aus der Lausitz ausspielen.“ Wolle Deutschland sein nationales Klimaziel von 2020 (minus 40 Prozent) noch erreichen, müssten umgehend besonders schmutzige Kohlekraftwerksblöcke vom Netz genommen werden, so die Grünen.

Für das Klimaziel der Bundesregierung, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren, brauche Deutschland einen gesetzlichen Kohleausstieg. In Kattowitz wollen die UN-Vertragsstaaten unter anderem ein Regelbuch verabschieden, das die nationalen Klimaziele miteinander vergleichbar machen soll.