Pflegenotstand in deutschen Kliniken

Zwölf Minuten, bis die Schwester kommt

BONN.  Worüber in Düsseldorf Politiker und Funktionäre beim Krankenhaustag abstrakt streiten, lässt sich einige Kilometer weiter in einer Wuppertaler Klinik im Wortsinne hautnah erfahren. Patienten und Angehörige erleben hier, wie es um Ausstattung und Personal bestellt ist, und sie ahnen und fürchten, dass es sich nicht um eine Ausnahme handelt, sondern um den "Normalfall". Sie stehen nicht am Rednerpult. Sie stehen vor dem Bett. Oder liegen darin.
Auf medizinische und pflegerische Hilfe angewiesen: Ein alter Mann liegt auf der Intensivstation eines Hamburger Krankenhauses. Foto: dpa

Der 84-Jährige in Zimmer 324 liegt seit vier Wochen. Diagnose: Lungenembolie. Er steht nicht mehr auf. Er kann auch gar nicht aufstehen, selbst wenn er wollte. Tropf und Blasenkatheder fesseln ihn ans Bett. Zudem haben die Schwestern ein Bettgitter angebracht, ein unüberwindbares Hindernis. Der Patient trägt Windeln. Die Windeln sind voll. Der rote Klingelknopf ist mit einer Schlaufe am Bettende fixiert, unerreichbar für den 84-Jährigen.

Ebenso unerreichbar stehen das Abendessen sowie ein verschmutzter Schnabelbecher mit Wasser auf einem Beistelltisch. Der Sohn, der 100 Kilometer weit entfernt wohnt, ist an diesem Samstag zu Besuch und steht fassungslos in dem Dreibettzimmer. Sein Vater ist, ganz anders als vor dem Krankenhausaufenthalt, verwirrt: "Bring mir mal die Schuhe aus dem Wohnzimmer", sagt er und zeigt kraftlos zur Tür. "Ich will aufstehen." Zu wenig gegessen und zu wenig getrunken: Lange geht das nicht mehr gut.

Der Sohn drückt auf den Klingelknopf. Im Zimmer leuchten rote Lampen auf, draußen hoffentlich auch irgendwo. Ein Blick auf die Uhr. Zwölf Minuten lang passiert gar nichts - zwölf Minuten, in denen ein Lungenembolie-Patient womöglich keine Luft mehr bekommt, in denen das Herz versagen kann. Zwölf Minuten, die schlimmstenfalls über Leben und Tod entscheiden. Vermutlich wäre, würde der alte Mann irgendwo auf der Straße umfallen, ein rettender Krankenwagen schneller vor Ort als die Schwester an diesem Samstagabend in diesem Krankenzimmer.

"Tut mir leid", sagt sie, als sie in Minute 13 atemlos herbeistürmt, "ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht." Ebenso schnell wie kurz wendet sie sich dem alten Mann zu, schüttelt das Bett auf, wechselt die Windel nicht, räumt dafür aber mit einem lapidaren Sie-haben-ja-kaum-etwas-Gegessen das Abendbrot ab. Das war´s?

"Stopp, so geht das nicht!" Die Frau guckt irritiert. "Wer hat angeordnet, dass hier ein Bettgitter aufgestellt wird?" "Der Arzt." "Haben Sie meinen Vater um Erlaubnis gefragt?" "Nein." "Besteht eine akute Notsituation, die das rechtfertigt?" "Nein." "Haben Sie eine richterliche Anordnung?" "Nein." "Dann ist das Freiheitsberaubung." "Ich weiß." "Wie bitte?" "Ich weiß." "Außerdem ist die Windel voll."

Jetzt bricht es aus ihr heraus. Sie wisse auch, dass das alles so nicht gehe. Aber sie und ihre beiden Kolleginnen seien an diesem Abend für 50 Patienten allein zuständig. Da sei es nicht drin, sich länger um einzelne zu kümmern, sie zu füttern, sie zum Trinken zu animieren oder gar mit ihnen den mühsamen Gang zur Toilette zu unternehmen. Personalmangel bedeutet also in eine Kurzform übersetzt: Patient ins Bett, Windel um, Gitter davor, Klingel weg.

Telefonat mit der Stationsärztin über den Zustand des Patienten einige Tage später. Sie spricht von Inkontinenz, Verwirrtheit, der Weigerung zu essen und zu trinken. Auf die Frage, ob dies auch hausgemachte Probleme sein könnten, weil es an der notwendigen Pflege fehle, antwortet sie ausweichend. Ihre stereotype Aussage ist: "Wir tun das medizinisch Notwendige." Als ob eine ausreichende Pflege nicht medizinisch notwendig wäre. Sie schlägt vor, dem Patienten eine Magensonde zu legen. Der Sohn lehnt das ab.

Gespräch mit dem Chefarzt, zwei Wochen später. Der alte Mann hat inzwischen mehr als 14 Kilogramm abgenommen, es geht ihm noch schlechter. Der Arzt ist einverstanden, eine "mutige Entscheidung" zu treffen und den 84-Jährigen, trotz seines instabilen Zustandes, jetzt wieder ins Seniorenheim zu entlassen, dort, wo er zuletzt halbwegs glücklich lebte. Schließlich sei die Pflege dort intensiver, "das können wir in einem Krankenhaus gar nicht leisten". Der Sohn, der zugleich Bevollmächtigter seines Vaters ist, freut sich über diese aus seiner Sicht erste klare Aussage und willigt ein. Er ist sich sicher, dass sein Vater sonst die kommenden Wochen nicht überleben würde.

Dass es einen Pflegenotstand in deutschen Kliniken gibt und dass die Patientensicherheit dadurch in Gefahr geraten ist - alles nicht neu. Zuletzt war im "Pflege-Thermometer 2012" nachzulesen, dass die personelle Ausstattung ein "schwerwiegendes Defizit" darstelle. Selbst "klinisch besonders relevante Aspekte" könnten "überwiegend nicht sichergestellt werden". Auch die "Problematik der freiheitseinschränkenden Maßnahmen" sei "hervorzuheben", heißt es in der repräsentativen Studie des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung in Köln. Die Untersuchung bezieht sich zwar allein auf Aussagen von leitenden Pflegekräften, die auf Intensivstationen tätig sind. Dennoch lässt sich die verallgemeinernde Frage stellen: Wird Pflege im Krankenhaus, und zwar auf allen Stationen, aus Kostengründen rationiert?

Pflegedirektor Alexander Pröbstl vom Universitätsklinikum Bonn verneint das für seinen Einflussbereich. Auch in den Randzeiten und am Wochenende seien alle Stationen am Universitätsklinikum "bedarfsangepasst mit Pflegepersonal besetzt", heißt es auf Anfrage. Die Patienten würden zu jeder Zeit "bedarfsgerecht versorgt". Noch vor einem halben Jahr hatte Pröbstl gesagt, die Arbeitsverdichtung bei den Krankenschwestern und -pflegern sei unbestritten, wie in einem Bericht des General-Anzeigers vom 9. Mai nachzulesen ist. Inzwischen hält er die Pflegesituation für "entspannter als im Frühjahr". Schließlich habe das Bonner Universitätsklinikum die Zahl der Pflegekräfte um 37 Stellen auf derzeit 1311 erhöht.

Professor Christian Schmidt, Geschäftsführer der Kliniken der Stadt Köln, hält die adäquate Versorgung seiner Patienten zwar auch jederzeit für gewährleistet: "Ja, auf jeden Fall", sagt er auf die entsprechende Frage. Schwierig sei es jedoch, Ausfälle von Mitarbeitern in Randzeiten zu kompensieren, "weil nur die Mindestbesetzung der Mannschaft vor Ort ist". Die Fehl- und Ausfallzeiten seiner Pflegekräfte erreichten satte zehn bis 15 Prozent. Schmidt diagnostiziert einen gravierenden Fachkräftemangel, der sich noch "erheblich zuspitzt". Die Arbeitsbedingungen seiner Pflegekräfte führten im stationären Bereich zu einer "hohen Frustration". Tatsächlich schafften es die Pflegekräfte "heute nur noch zu 20 Prozent am Patienten zu sein, der Rest der Arbeitszeit entfällt auf Verwaltungs- und Serviceaufgaben".

Irene Maier, Pflegedirektorin des Universitätsklinikums Essen, fordert die Politik auf, für eine angemessene personelle Ausstattung zu sorgen. Sie formuliert es so: "Immer weniger Pflegekräfte müssen immer mehr Patienten versorgen, die zudem immer aufwendigere Pflege benötigen."

Szenenwechsel. Sohn und Schwiegertochter des 84-Jährigen sind wieder zu Besuch in Wuppertal, diesmal im Seniorenheim. Sie sitzen im Schwesternzimmer bei Kaffee und Plätzchen. "Hören Sie", sagt eine der Altenpflegerinnen, "ich habe einen Schrecken bekommen, als ich Ihren Vater gesehen habe." Eine Kollegin fällt ihr ins Wort: "Der ist nicht gewaschen worden, mindestens eine Woche lang nicht. Am Po klebte eine dicke, undefinierbare weiße Paste. Außerdem haben wir ein Liegegeschwür gefunden." Eine Ausnahme? Die Regel? Beide antworten wie aus der Pistole geschossen: Das sei ganz oft so, wenn ihre Bewohner aus den Krankenhäusern zurückkämen. Deshalb gäben sie diese "nur ungern her".

Einige Minuten danach setzt sich eine der Schwestern auf den Bettrand des 84-Jährigen. Sie streichelt ihm liebevoll über den Arm und fragt, ob er etwas trinken wolle. Der alte Mann lächelt. Er genießt die Zuwendung, die Berührung. Sie reicht ihm ein Glas mit Tee. Später wird sie ihn füttern, mit Schokopudding. Den mag er gerne. Viel Zeit hat sie nicht. Aber deutlich mehr als die Schwestern im Krankenhaus. "Glauben Sie mir", sagt sie zum Abschied, "bei uns ist auch nicht alles rosig." Ja, das glaubt man gern - oder genauer: ungern.

Hinweis: Den kompletten Wortlaut der Stellungnahmen von Pflegedirektor Alexander Pröbstl aus Bonn und Kliniken-Geschäftsführer Christian Schmidt aus Köln sowie den Bericht von Andreas Baumann bieten wir Ihnen in den "Weiteren Links" an.

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