Flüchtlinge in Bonn

Zwischen Wut und Verständnis

BONN. Bonner Schulen und Vereine sollen schlimmstenfalls auf weitere 15 Sporthallen verzichten. Konsequenzen hat das nicht nur für die Schüler. Vereine haben Existenzängste. Der Beueler Judo-Club will seinen Trainern kündigen.

Rainer Wolff ist rot im Gesicht. Nicht wegen sportlicher Anstrengung. Es ist der blanke Zorn, der aus seinem Gesicht springt. Der Vorsitzende und Geschäftsführer des Beueler Judo-Clubs sieht seinen Verein am Ende: „Grande Katastrophe! Grande Katastrophe!“ Wenn in der Dreifachturnhalle an der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel in den nächsten Wochen 200 Flüchtlinge untergebracht werden, wie es derzeit noch der Plan der Stadt Bonn vorsieht, dann ist es vorbei mit Deutschlands mitgliederstärkstem Judo-Verein. Dessen ist sich Wolff sicher. So sicher, dass er für heute eine Mitarbeiterversammlung einberufen hat. Er will Mitarbeitern die Kündigung aussprechen. Für die vier hauptamtlichen Trainer gibt es dann nichts mehr zu tun.

„Wir mussten schon aus zwei Turnhallen in Niederkassel und einer aus Sankt Augustin raus. Das wäre dann die vierte. Aber dann können wir unseren Mitgliedern wirklich nichts mehr anbieten“, so der 59-Jährige. 60 Mitglieder von 220 allein in Niederkassel und Sankt Augustin haben bereits gekündigt. Wenn der Verein das Training für weitere 225 Kinder und Jugendliche nicht mehr anbieten kann, drehen die dem Verein auch den Rücken zu. „Dann können wir unsere Trainer nicht mehr bezahlen“, so Wolff. Und die Hardtberghalle, wo weitere 120 Judokas trainiert werden, steht ja auch auf der Liste der Hallen, wo die Stadt Bonn Flüchtlinge unterbringen will.

Stefan Loesdau ist nicht minder wütend. Der stellvertretende Vorsitzende des TV Geislar spricht vom „größten Skandal Bonns“. Der TV Geislar ist mit seiner Handballspielgemeinschaft (HSG) der zweite große Verein, der von einer Schließung der Halle an der IGS betroffen wäre. „Wenn das wirklich so kommt, dann ist der Handball in Bonn tot!“, schimpft er. Was ihn besonders böse macht: Die Stadt schließe sämtliche wettkampffähigen Turnhallen in der Stadt.

Unmittelbar seien 220 Kinder und Jugendliche sowie 60 erwachsene Handballer von der Schließung der IGS-Halle betroffen. „Die Reichweite ist aber viel größer“, meint Loesdau. Insgesamt würden 800 Mitglieder des TV Geislar die Auswirkungen zu spüren bekommen. „Und auch so manche OGS“, so Loesdau. Wenn dem Verein nämlich die Einnahmen durch Mitgliederaustritte wegbrächen, könnten sie auch ihre Betreuer etwa an der Adelheidisschule in Vilich nicht mehr bezahlen. Die zwei hauptamtlichen Trainer sowieso nicht.

Natürlich hat Loesdau schon längst an Oberbürgermeister Ashok Sridharan geschrieben und ihn auf die vielen Leerstände hingewiesen – vom ehemaligen Schnäppchenmarkt in Pützchen bis hin zur Gallwitzkaserne in Duisdorf.

Schulleiter Rainer Winand ist über die Nachrichten zwar auch nicht gerade erfreut, reagiert aber mit einer verständnisvollen Gelassenheit: Für heute ist ein Ortstermin mit dem Schulamt und dem Sozialamt geplant. Winand hat der Stadt gestern Morgen eine lange Fragenliste geschickt: „Wir müssen den Sport für die Oberstufe abdecken. Wir haben Referendare, die ihre Examensprüfung im Fach Sport ablegen. Wir haben Sonderpädagogen, die ihren Schwerpunkt im Sport haben und gerade extra eine Kollegin bekommen, die ihren Förderschwerpunkt für Kinder mit körperlicher Beeinträchtigung hat und Voraussetzungen braucht, um diese Ausbildung bei uns abzuschließen“, zählt der Schulleiter in Sport die vielen offenen Fragen auf. Außerdem ließe sich der Sport ja nicht so einfach streichen: „Für die ausfallenden Stunden brauchen wir ausreichend Räume, haben die aber nicht, weil unsere Schule fünfzügig ausgebaut ist, wir aber einen sechszügigen Betrieb gewährleisten.“ Auch Fragen nach Duschen und mobilen Umkleiden müssten geklärt werden: „Die Jugendlichen können nicht nach dem Dauerlauf verschwitzt in den Unterricht.“

„Wir werden aber das Möglichste tun, damit Sportunterricht nach wie vor stattfinden kann“, so Marc Hoffmann vom Presseamt. „Für andere zwingende Notwendigkeiten, etwa Lehrproben für Examensprüfungen, haben wir bereits mit benachbarten Schulen Kontakt hergestellt.“

Die große Zahl der Betroffenen spiegeln auch andere Sportstätten, die als Notunterkünfte vorgesehen sind. Bei der Dreifachhalle „Wasserland“ in Kessenich sind es nach Angaben des Stadtsportbundes Bonn (SSB) je nach Klassenstärke und pro Woche 1500 bis 2000 Jungen und Mädchen des Friedrich-Ebert-Gymnasiums, der Erich-Kästner-Grundschule und der Gottfried-Kinkel-Realschule. Ab 1. August sollte dort auch der Sportunterricht für Bonns fünfte Gesamtschule stattfinden. Hinzu kämen, so der SSB, bis zu 900 jugendliche und erwachsene Sportler pro Woche der Vereine SC Fortuna Bonn, Bonn Capitals, HTC Schwarz-Weiß und die BG Bonn 92, siebtgrößter Basketballverein Deutschlands. Fazit: eine geschlossene Sporthalle, rund 2900 Betroffene für 200 Flüchtlinge.

Die Hardtberghalle steht auch auf der Liste. Hier finden die Sportstunden des benachbarten Gymnasiums (950 Schüler), der Realschule (530) und der August-Macke-Gesamtschule (380) statt. Ferner ist hier das Leistungszentrum Ringen beheimatet, dazu die Volleyball-Hochburg Bonn mit den SSF Bonn und Rot-Weiß Röttgen. Auch hier: bis zu 3000 Betroffene.

Inge Stauder, Direktorin des Hardtberg-Gymnasiums und Sprecherin der Bonner Direktoren Bonner Gymnasien, hat außer mit dem drohenden Sportstunden-Ausfall für rund 1900 Schüler sogar Probleme, die gesetzlichen Vorgaben für das Abitur zu erfüllen, denn an ihrem Gymnasium haben Oberstufen-Schüler den Leistungskurs Sport dafür belegt.