Podiumsdiskussion in Bonn

Wieso sich viele junge Menschen von der Politik nicht angesprochen fühlen

Das Podium: Moderatorin Anna Hoff, GA-Chefredakteur Helge Matthiesen, Soziologie- und Philosophieprofessorin Christiane Bender, Youtuberin Silvana Carlsson und Politikprofessor Stefan Marschall.

Das Podium: Moderatorin Anna Hoff, GA-Chefredakteur Helge Matthiesen, Soziologie- und Philosophieprofessorin Christiane Bender, Youtuberin Silvana Carlsson und Politikprofessor Stefan Marschall.

Bonn. Kurz vor der Bundestagswahl wissen viele Bürger noch nicht, ob und wen sie wählen. Bei einer Podiumsdiskussion in Bonn erklärte eine Youtuberin, warum sich gerade junge Menschen von der Politik nicht angesprochen fühlen.

46 Prozent der Bundesbürger wissen noch nicht, wen sie am 24. September wählen werden – das ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Allensbach Ende August. Die Kollegen von Forsa zählten nur 24 Prozent, die noch unentschlossen sind oder nicht wählen wollen. Welcher Wert näher an der Wahrheit ist, wird sich erst am Sonntag der nächsten Woche zeigen.

Dazu wollte auch der "General-Anzeiger" mit seiner Serie „Macht und Mehrheit“ anregen. Am Donnerstagabend endete die Aktion mit einer Diskussion im Medienzentrum der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). „Wir hatten den Eindruck, manche Dinge noch mal erklären zu müssen“, sagte GA-Chefredakteur Helge Matthiesen, der an der Diskussion teilnahm. „Wir wollten die manchmal so aufgeregte Debatte wieder auf den Boden der Tatsachen holen.“

 

Dass einige Begriffe, etwa aus dem Wahlrecht, verwirren können, sah auch Politikprofessor Stefan Marschall so. Er hält etwa die Bezeichnung von Erst- und Zweitstimme für irreführend: „Die Zweitstimme ist letztlich die entscheidende Stimme, obwohl es nicht die erste ist.“ Schließlich gibt sie die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag vor.

Während wählen gehen technisch kein komplizierter Vorgang ist – man muss ja nur zwei Kreuze machen – ist die Frage, wo man sie macht, oft viel schwieriger. „Eine solche Entscheidung braucht Ruhe, Nachdenken, Austauschen“, sagte die Soziologie- und Philosophieprofessorin Christiane Bender. Sie bat leidenschaftlich darum, „Lust auf Demokratie“ zu machen, den Begriff „sinnlich erfahrbar“ zu machen.

Dazu hat die Wissenschaftlerin ein Konzept entwickelt, nach welchem fünf Prozent der Sitze im Bundestag per Los an Bürger vergeben werden sollen. „Man muss auch mal selbst herrschen können, nicht immer nur beherrscht werden“, so Bender. Die Bürger-Abgeordneten hätten jedoch nur ein Rederecht und dürften nicht mit abstimmen. Durch das Losverfahren könnten soziale Schichten berücksichtigt werden, deren Angehörige sonst kaum im Parlament repräsentiert seien.

Das Parlament als komplexes Organ

Die Idee polarisierte – im Publikum wie auf dem Podium. Marschall verteidigte die zunehmend professionalisierte Politik: „Dass das Parlament ein Spiegelbild der Bevölkerung ist, ist kaum möglich. Es ist zudem ein komplexes Organ, das im Zusammenspiel mit anderen Organen steht“ – und dafür, so Marschall, brauche es meist gut ausgebildete Abgeordnete, die sich in der vielschichtigen Welt der Politik zurechtfinden könnten.

Auch Silvana Carlsson sieht noch Möglichkeiten, die Wahlbeteiligung zu steigern – die Youtuberin war am Abend die Jüngste auf dem Podium. „Als junger Mensch fühlt man sich in der Politik einfach nicht gut repräsentiert“, sagte sie. Themen, die junge Menschen beträfen, würden kaum behandelt. Sie bekannte sich zudem dazu, schon einmal „Protestwählerin“ gewesen zu sein – um ihre Stimme nicht den großen Parteien zu geben, wählte sie eine Satirepartei.

Junge Menschen müssen stärker für Demokratie begeistert werden – darin waren sich alle einig. Nur wer soll diese Aufgabe übernehmen? „Demokratie muss man lernen“, so Matthiesen, „und das ist eigentlich eine originäre Aufgabe von Parteien.“ Dieser kämen sie aber immer weniger nach.