Präsidentschaftswahl in Frankreich

Wer verführt die Grande Nation?

Wer kommt in Frankreich in die Stichwahl?

Wer kommt in Frankreich in die Stichwahl?

Frankreich. Vor der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl am Sonntag liegen vier Kandidaten laut Umfragen nahe beisammen. Der Ausgang erscheint ungewiss, viele Menschen sind noch unentschlossen.

Charlotte hatte eine Vision. Halb im Scherz, halb im Ernst erzählt sie davon während der Mittagspause in einem Asia-Imbiss in Paris. „Plötzlich sah ich vor meinem inneren Auge: Macron, Macron, Macron. Da war mir klar: Er wird gewinnen.“ Ihre Kollegin Lydia schüttelt den Kopf: „Du arbeitest zu viel!“ Charlotte kümmert sich als Info-Grafikerin bei der französischen Wirtschaftszeitung „Les Echos“ um die Schaubilder zu Umfragen vor der Präsidentschaftswahl – und stößt dort täglich auf den unabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron als Spitzenreiter. Ihre Vorahnung stammt also nicht von ungefähr.

Lydia wiederum kann sich damit nicht anfreunden. Sie unterstützt den Sozialisten Benoît Hamon, weil sie sich eine linke Politik für sozialen Ausgleich wünscht. Obwohl Macron verspricht, den Sozialstaat zu bewahren und die Bewohner benachteiligter Viertel besonders zu fördern, überzeugt er sie nicht: „Das ist doch reines Marketing. Es ist unmöglich, seinen Reden zu folgen, er reiht nur Phrasen aneinander.“

Dennoch kommt der 39-Jährige mit seinem optimistischen Auftreten bei vielen Franzosen an – das bestätigen die Erhebungen, die fast täglich erscheinen. Vier der elf Kandidaten dürften demnach eine Chance haben, die erste Runde an diesem Sonntag zu überstehen und die Stichwahl am 7. Mai zu erreichen. Die Tendenz scheint seit Wochen ungebrochen: Der linksliberale Macron liegt zwischen 22 und 25 Prozent, mal gleichauf mit der Rechtspopulistin Marine Le Pen, mal einen Hauch vor ihr.

Um den dritten Platz kämpfen demnach der Republikaner François Fillon und der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon, denen jeweils rund 19 Prozent der Stimmen vorausgesagt werden. Mélenchon, der eine radikale Umverteilung von Reichtum verspricht, hat in den vergangenen Wochen spektakulär aufgeholt. Das ging vor allem auf Kosten des Sozialisten Hamon, der nur noch bei acht Prozent liegt.

Doch wie verlässlich sind Umfragen? Bei den Vorwahlen der Republikaner und der Sozialisten setzten sich mit Fillon und Hamon überraschend Außenseiter durch, mit denen kaum einer gerechnet hatte. Sie profitierten jeweils von der großen Unbeliebtheit ihrer Rivalen, doch nun drohen beide zu scheitern: Dem wenig charismatischen Hamon gelang es nicht, seine Ideen von einem bedingungslosen Grundeinkommen bis zu einer Reduzierung der Arbeitszeit glaubwürdig zu erklären.

Fillon sieht nicht nur ein hartes Reform- und Sparprogramm vor, mit dem er sich viele Feinde macht – es reicht von der Erhöhung der Mehrwertsteuer über die Kürzung von 500 000 Beamtenstellen bis zum Ende der 35-Stunden-Woche. Vor allem verlor der Konservative an Glaubwürdigkeit durch die Ermittlungen wegen des Verdachts der Scheinbeschäftigung seiner Frau und zwei seiner fünf Kinder auf Kosten des Staates. Häppchenweise kamen über Wochen hinweg immer neue Enthüllungen ans Licht, die sein Image als ehrlicher Staatsmann zunichtemachten: So ließ sich Fillon ausgerechnet vom Anwalt afrikanischer Machthaber teure Maßanzüge schenken.

Erschüttert verfolgten die Franzosen das Spektakel, das die weit verbreitete negative Sicht der Politiker noch zu bestätigen schien: „Die sind doch alle verdorben“, heißt es oft.

Die Schwäche der beiden großen Volksparteien ordnet die französische Parteienlandschaft neu – und macht sie unübersichtlich: Macron, Le Pen und Mélenchon profitieren von ihrer unverbrauchten Aura als Kandidaten, die das alte System aufbrechen wollen. Doch mit welcher Mehrheit könnten sie im Falle eines Sieges regieren, wenn im Juni Parlamentswahlen anstehen? Es herrscht Verunsicherung. Der geringe Abstand der vier stärksten Kandidaten lässt alles offen aussehen in einer Wahl, die derzeit in fast allen Gesprächen auftaucht. Zehntausende strömten in den vergangenen Wochen zu den Kundgebungen „ihrer“ Kandidaten. Das Rentnerehepaar Nicole und Michel Berthelot gehört dazu: „Wir sind überzeugt, dass Macron das beste Programm hat, weil er für Europa und eine vernünftige Liberalisierung der Wirtschaft ist“, sagen sie. Doch nicht alle sind sich ihrer Wahl so sicher: Jeder vierte Wähler weiß immer noch nicht, wem er seine Stimme geben soll; wenn überhaupt.

„Kein einziger Kandidat überzeugt mich, für mein konkretes Leben ändert sich eh nichts und außerdem muss ich am Sonntag arbeiten“, sagt ein junger Kellner in einer Pariser Bar. Wie viele ist er angewidert von einem Wahlkampf, der von scharfen gegenseitigen Attacken der Kandidaten geprägt war, von einer atemlosen Suche der Medien nach immer neuen Skandalen. Wenn debattiert wurde, dann noch am häufigsten über Maßnahmen zum Kampf gegen die hohe Arbeitslosigkeit und das Verhältnis zu Europa. Doch oft gingen inhaltliche Vorschläge unter.

„Man fühlt sich verloren und ich brauchte lange, um mich zu entscheiden“, gesteht Christine aus dem bürgerlichen Pariser Vorort Charenton-le-Pont. „Aber wenn ich mir die Programme ansehe, glaube ich, dass Fillon am besten dafür geeignet ist, Frankreichs Wirtschaft wieder aufzurichten. Er zitiert oft den Reformmut von Deutschland als Beispiel – da läuft es doch wieder besser? Na also!“ Und die Vorwürfe der Selbstbereicherung betreffen ihrer Meinung nach nicht nur Fillon, sondern viele andere Politiker auch: „Die machen das doch eh alle!“

Dass die gesamte Politikerriege korrupt sei, ist auch ein Argument der Rechtspopulistin Le Pen – die freilich verschweigt, dass die Justiz auch gegen die Front National ermittelt, die eigene Angestellte der Partei mitunter von Brüssel als Mitarbeiter von EU-Abgeordneten bezahlen ließ. Vor allem jüngere Wähler sind der 48-Jährigen zugetan, die sich zum Sprachrohr des Volks und der „kleinen Leute“ macht, soziale Wohltaten und einen Kampf gegen die verhassten Eliten verspricht.

Zugleich gilt es als unwahrscheinlich, dass sie über die erste Runde hinaus wirklich gewinnen kann. Denn eine Mehrheit lehnt ihre anti-europäischen und einwandererfeindlichen Parolen weiterhin ab. Diese hat Le Pen in den letzten Tagen besonders oft wiederholt, um ihre Kernwählerschaft zu mobilisieren: „Immigration ist Unterdrückung“, rief sie am Mittwochabend in der Hafenstadt Marseille, wo gerade zwei Verdächtige festgenommen wurden, die offenbar kurz vor einem Terroranschlag standen: „Das Gift des radikalen Islamismus muss ausgerottet werden!“

Mit dem scharfen Tonfall und dem rechtsnationalen Gedankengut steht die 48-Jährige klar in der Linie ihres Vaters, des Parteigründers Jean-Marie Le Pen. Trotzdem hat sie inzwischen mit ihm gebrochen: Er war einfach zu radikal für ihre Strategie der „Entdämonisierung“, mit der sie die Partei zu einer nie dagewesenen Stärke führte. Ihren Anhängern erscheint sie längst wie eine normale Politikerin. Oder sogar als die einzige, die offen ausspricht, was viele denken. „Die nationale Priorität finde ich gut: Warum sollen Sozialleistungen, Wohnungen oder Jobs an Ausländer vergeben werden, wo die Franzosen leiden?“, sagt Charles, ein junger Verkäufer aus Nordfrankreich. Mit Rassismus habe das nichts zu tun.

Welcher Kandidat einem verunsicherten Land wieder Mut machen kann, das ist heute die große Frage nach fünf Jahren unter Präsident François Hollande. Er hatte genau das versprochen, seine Landsleute aber schwer enttäuscht mit einer unklaren politischen Linie und etlichen Regierungspannen. „Frankreich ist wie eine alte, müde Frau, die wieder verführt werden will“, sagt der Fotograf Hervé. „Sie entlarvt die falschen Versprechen von Le Pen oder Mélenchon, sie mag Fillon nicht mehr sehen. Aber sie weiß auch nicht, ob sie Macron vertrauen kann – oder ob er ein Hallodri ist, der ihr nur schöne Augen macht.“