Rückzieher

Was darf der Karneval?

29.01.2015 Köln. Vollbremsung in Köln: Die Zug-Organisatoren ziehen den angekündigten "Charlie-Hebdo"-Wagen zurück. Nun müssen sie sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, die Meinungsfreiheit zu beschädigen und vor Terroristen einzuknicken

Mit der im letzten Leitsatz des karnevalistischen Lebens in Köln beschworenen Leichtigkeit ist es vorbei. In etwas mehr als zwei Wochen rollt der Rosenmontagszug durch die Straßen der Rheinmetropole. Hunderttausende Zuschauer aus aller Welt werden mit den rheinischen Jecke feiern.

Aber nach Feiern dürfte den Verantwortlichen im Festkomitee Kölner Karneval nicht zumute sein. Die Entscheidung des Ausschusses, den viel beachteten "Charlie-Hebdo"-Mottowagen zurückzuziehen, hat eine intensive Diskussion ausgelöst.

Plötzlich wird im Zusammenhang mit dem, was eigentlich ein sorgenloses Freudenfest sein soll, über Meinungsfreiheit, Rückgrat von Demokraten und Anschlagsangst gestritten. Die Kölner Chefjecken müssen sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, voreilig und ohne konkreten Anlass vor islamistischem Terror eingeknickt zu sein. Nach 1991, als die Rosenmontagszüge wegen des ersten Irak-Krieges abgesagt wurden, steht der Karneval wieder im Mittelpunkt einer ganz unjecken Auseinandersetzung.

7. Leitsatz des Kölner Karnevals Am Mittwochabend hatte des Kölner Zugkomitee seine Entscheidung verkündet, den "Charlie-Hebdo"-Mottowagen zurückzuziehen. Alle Besucher und Aktiven des Zochs sollten "befreit und ohne Sorgen einen fröhlichen Karneval erleben", schrieben die Organisatoren.

Zwar bekenne man sich zur Botschaft des Wagens: "Die Meinungsfreiheit aller ist ein hohes Gut der Demokratie", so das Komitee. Aber: "Einen Persiflagewagen, der die Freiheit und leichte Art des Karnevals einschränkt, möchten wir nicht."

Zugleich widersprach das Komitee Berichten, Gruppen und Karnevalsgesellschaften hätten Bedenken geäußert, nahe dem "Charlie-Hebdo"-Wagen zu laufen. Das sei "schlichtweg falsch".

Nun schlägt eine Welle des Unverständnisses über den Kölner Karnevalsorganisatoren zusammen. Die Grünen sprechen von einer vergebenen Chance, "ein starkes Signal für die Meinungs- und Pressefreiheit zu senden", wie die Kölner Bundestagsabgeordneten Katharina Dröge und Volker Beck meinten. "Angst darf nicht über Solidarität und Freude siegen."

Karl Lauterbach, SPD-Abgeordneter für Leverkusen und Köln-Mülheim, bezeichnet den Rückzug des Wagens als "falsches Signal": "Wir dürfen die freie Meinungsäußerung nicht durch terroristische Allgemeindrohungen einschränken lassen", so Lauterbach.

11. Leitsatz des Kölner Karnevals"Traurig", "peinlich", "schwach" lauten die Kommentare auf der Facebook-Seite des Komitees. Und der Kölner Kabarettist Jürgen Becker meinte: "Ich finde es peinlich, und es bleibt nun hängen: Die Kölner ziehen den Schwanz ein, wenn's ernst wird."

Glaubt man den Aussagen des Komitees selbst, kann allerdings von einer "ernsten" Situation nicht die Rede gewesen sein. Denn die Polizei habe "keinerlei Risiko" für den Rosenmontagszug und seine Besucher gesehen. Für den "Charlie"-Wagen sei auch keine besondere Sicherung vorgesehen gewesen. In Medienberichten war zuvor sogar die Rede von getarnten Spezialkräften, die den Wagen begleiten sollten.

In anderen Karnevalshochburgen wird die Entscheidung der Kölner mit Kopfschütteln kommentiert. Vergleichsweise zurückhaltend reagierte der Düsseldorfer Chef-Wagenbauer Jacques Tilly. "Ich fand den Wagen richtig und mutig und fand das auch ein richtiges Zeichen", erklärt Tilly, der immer wieder Karnevalswagen verantwortet, die für Kontroversen sorgen. "So ganz habe ich auch nicht verstanden, was passiert ist, dass der Wagen nun doch nicht fährt." Deutlicher wird Werner Mühling, Ehrenvorsitzender der Dacho, der Dachorganisation Wiesbadener Karneval. "Ich kann nicht verstehen, dass die Kölner den Wagen zurückziehen", meint Mühling. "Man bekommt den Eindruck, die kuschen." Beim Fastnachtssonntagszug in der hessischen Landeshauptstadt wird ein "Charlie"-Motivwagen mitfahren. "Der Vorstand hat sich einstimmig für dieses Motiv entschieden", erklärt Dacho-Chef Simon Rottloff. "Und wir bleiben dabei."

Es gibt allerdings auch andere Stimmen. Marlies Stockhorst, Präsidentin des Festausschusses Bonner Karneval, gratuliert den Kölner Kollegen. "Die Entscheidung zeugt von Größe", lobt Stockhorst, schließlich solle der Karneval die Menschen nicht mit aktuellen politischen Problemen und Sorgen belasten.

"Der Karneval soll die Menschen von der Alltagslast befreien", so Stockhorst weiter. Für den Bonner Zoch habe sich die Frage nach einem "Charlie"-Wagen im Übrigen überhaupt nicht gestellt, "aus logistischen Gründen. Bei uns war der Wagenbau schon Mitte Dezember abgeschlossen".

Und auch der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters stärkt seinen städtischen Oberjecken den Rücken. Nur wenige Stunden vor der Absage hatte Roters begrüßt, dass der Wagen mitfährt. Gestern verwies der Oberbürgermeister dann auf die Verantwortung für die Sicherheit von Hunderttausenden Zuschauern, die das Festkomitee trage. Spätestens seit der Loveparade-Katastrophe von Duisburg wisse man schließlich, wie stark der Veranstalter in die Verantwortung genommen werde, wenn etwas passiert. "Man muss die Entscheidung akzeptieren", sagte Roters.

Der "Charlie"-Wagen

In einer ungewöhnlichen Aktion hatte das Kölner Festkomitee den "Charlie-Hebdo"- Wagen aus der Taufe gehoben. In einer Online-Abstimmung auf seiner Facebook-Seite stellte das Komitee 14 Motive zur Auswahl. Mehr als 7000 Nutzer beteiligten sich. Ein Jeck, der mit einem Zeichenstift das Gewehr eines Terroristen verstopft, bekam die größte Zustimmung.

Schon während der Abstimmung hatten besorgte Narren die Frage gepostet, ob die Morde von Paris Thema im Zoch sein sollten. "Dazu sagen wir ganz klar ja", hatte vor einer Woche Zugleiter Christoph Kuckelkorn erklärt, "denn die Angriffe waren ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit - im Karneval auch bekannt als Narrenfreiheit". Dann aber hätten besorgte Karnevalisten angebliche Risiken durch den Wagen beklagt und gesagt, sie trauten sich nicht zum Zoch. "Und spätestens an diesem Punkt muss man als Karnevalist sagen, wir wollen in erster Linie Fastelovend feiern", begründete Kuckelkorn den Rückzieher. (Kai Pfundt, Norbert Wallet und Jens Meifert)

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