Sonderparteitag der SPD in Hannover

Wahl des Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück

HANNOVER.  Auf dem Sonderparteitag der SPD hat Peer Steinbrück die SPD auf eine lange Reise mitgenommen. Angela Merkel will er mit Inhalten schlagen. Die umstrittenen Vertragshonorare bezeichnet er als Wackersteine.
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Einer der Wegbereiter der Kanzlerkandidatur: Helmut Schmidt mit Peer Steinbrück am Sonntag in Hannover.
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Einer der Wegbereiter der Kanzlerkandidatur: Helmut Schmidt mit Peer Steinbrück am Sonntag in Hannover. Foto: dpa

Vor ihm liegt das Land. Alles ist ganz nah. Fast zum Greifen nah. Peer Steinbrück ist geschätzte 50 Meter von den Alpen entfernt, 40 vom Rhein, 30 von der Magdeburger Börde und 20 Meter von der Ostsee. Wenn er sich nach rechts wendet. Dreht er sich nach links, bereist Steinbrück das Land in umgekehrter Richtung von Nord nach Süd.

Deutschland, das Land, das Steinbrück ab Herbst 2013 regieren will, ist in einem Dreiviertel-Kreis auf zehn riesigen Schautafeln um den Kandidaten aufgebaut. Das zarte Rosarot, in das Deutschland auf den Plakatwänden getaucht ist, verströmt die Stimmung von Sonnenaufgang. Aufgang ist besser als Untergang. Erst recht, wenn es in ein Wahlkampfjahr geht. "Miteinander. Für Deutschland" steht auf zwei der zehn Riesenplakate. Und hinter dem Redner auf der Bühne.

Deutschland im Winter 2012. Da verrücken vor einem großen Tag (für die SPD) schon einmal die Maßstäbe. Am Abend zuvor hat Stephan Weil, aktuell Oberbürgermeister von Hannover, noch gesagt, die niedersächsische Landeshauptstadt sei gerade "so etwas wie die amtierende Bundeshauptstadt".

Der Grund: Binnen weniger Wochen, zuletzt sogar weniger Tage, haben hier Grüne, CDU und SPD Bundesparteitage abgehalten. Die Grünen haben ihre Doppelspitze bestätigt, die CDU zum siebten Mal Angela Merkel zu ihrer Vorsitzenden gewählt, und die SPD hat sich an diesem Sonntag in Halle 7 der Messe Hannover für gut fünf Stunden wegen und um Peer Steinbrück versammelt.

Krönungsmesse eines Kanzlerkandidaten, der Steinbrück an diesem Nachmittag offiziell werden soll. Wenn die SPD einen Kanzlerkandidaten ausruft, wenn es also darum geht, den vierten sozialdemokratischen Bundeskanzler nach Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder in Position zu bringen, dann sind die großen Namen da. Schulterschluss und die demonstrative Autosuggestion: Wir waren schon mal dran. Und wir sind bald wieder dran.

Vorn in Reihe eins sitzen Gerhard Schröder und Helmut Schmidt. Schröder ist 68 Jahre alt, Schmidt wird in zwei Wochen 94 Jahre. Zwei Mal Kanzlerjahre der SPD. Und da will Steinbrück, der in einem Monat 66 Jahre alt wird, auch hin. Und alle im Saal wollen mit. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft verspricht: "Lieber Peer, wir kämpfen an Deiner Seite. Wir schaffen es!"

Weil, der am 20. Januar Ministerpräsident in Niedersachsen werden will, sagt: "Peer kann Kanzler. Und wir werden uns in Niedersachsen für Dich zerreißen." Und SPD-Chef Sigmar Gabriel beschwört: "Du bist der Richtige für unser Land. Und deswegen bist Du auch der Richtige für uns."

Steinbrück hat insgesamt über vier Tage an dieser Rede, seiner Bewerbungsrede für den höchsten Job im Kanzleramt, gefeilt und geschrieben. 34 Seiten oder 106 Minuten, in denen der Kandidat seine Partei auf eine lange Reise mitnimmt. Im Mai kommenden Jahres wird die SPD ihren 150. Geburtstag feiern. Der Kandidat mit Wohnsitz Bonn und Dienstsitz Berlin fängt bei Bismarck an, dem die Sozialdemokratie die gesetzliche Krankenversicherung abgerungen habe. Es folgt ein Zitat des Sozialdemokraten Otto Wels gegen das Ermächtigungsgesetz der Nazis: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!"

Ehre ist ein passendes Stichwort für die 2009 bei der Bundestagswahl schwer gebeutelte SPD, eines, das ihr gut tut. Als Steinbrück in Minute elf seiner Rede in der Ära Schmidt angelangt ist, kommt es zum launigen Zusammenspiel der Schachpartner Schmidt/Steinbrück. Der Kandidat verweist darauf, dass Schmidt Schnauze "ein Leben lang" einen Kompass gehabt habe, der diesen geleitet habe.

Gerade deswegen genieße er bis heute hohe Anerkennung in Deutschland und Europa. "Und deshalb darf er im Fernsehen auch rauchen." Schmidt nestelt daraufhin aus der Tasche seines Sakkos eine Packung Mentholzigaretten, entnimmt eine Ration Rauchware und steckt sie sich an. Applaus im Saal. Die Familie ist zufrieden, dass es dem Urgroßvater immer noch passabel geht.

Steinbrück ist nach Schmidt und Schröder in der Gegenwart angekommen. Zur Gegenwart gehören auch seine stattlichen Vortragshonorare. Und als es Greenpeace-Aktivisten gelingt, am Sicherheitsdienst vorbei ein Banner mit Steinbrücks Konterfei und der Aufschrift "Genug Kohle gescheffelt!" im Rücken des Redners zu entrollen, empören sich die Genossen für ihren Mann am Mikrofon mit entschiedenen "Buuh!"-Rufen.

Der frühere Bundesfinanzminister wird sich später noch kurz das Büßergewand überziehen: "Meine Vortragshonorare waren Wackersteine, die ich in meinem Gepäck habe und auch Euch auf die Schultern gelegt habe." Die Partei verzeiht es ihm. An einem Tag wie diesem.

Steinbrück gelingt es in dieser Eindreiviertelstunde, die SPD hinter sich zu versammeln. Deutschland brauche "mehr Wir und weniger Ich". Die Regierung Merkel? "Etikette (...) auf leeren Flaschen". Und bitte, Spielregeln für Finanzdienstleister, kein Pardon für Steuersünder, gleicher Lohn für Frauen und Männer, Reform des Ehegattensplittings, Mindestlohn von 8,50 Euro. Mit Inhalten gegen Merkel. Zeitweise applaudieren die Delegierten im Halbminutentakt. Eine kleine Anleihe bei Obama noch, dann ist er durch: "Es ist Zeit für einen Wechsel!" Er sagt noch, es werde eine lange, mühsame Reise. Um 15.38 Uhr hat die SPD entschieden, dass sie diese Reise mitgehen will: 93,45 Prozent für den Kandidaten.

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