Kommentar zur Kandidatenkür in Frankreich

Triumph der Mitte in Frankreich

Nimmt Kurs auf den Elysée-Palast: Francois Fillon (Mitte).

Nimmt Kurs auf den Elysée-Palast: Francois Fillon (Mitte).

Paris. Die Kandidatenkür hat gezeigt, dass die Mehrheit in Frankreich keinen Populisten à la Donald Trump nominieren will. Doch dass der ehemalige Premierminister François Fillon als Favorit vor Alain Juppé in die Stichwahl geht, erstaunt in einem Land, in dem „liberal“ als Schimpfwort gilt.

Das überraschende Vorwahlergebnis bei Frankreichs Konservativen markiert die Rückkehr einer klassischen Bürgerlich-Rechten, die sich zu katholisch-konservativen Werten bekennt, aber klar von der extremen Rechten absetzt. Dass der ehemalige Premierminister François Fillon als Favorit vor Alain Juppé in die Stichwahl geht, erstaunt in einem Land, in dem „liberal“ als Schimpfwort gilt. Denn im Programm dieses erklärten Fans von Englands „Eiserner Lady“ Margaret Thatcher finden sich harte Reformvorschläge. Doch als Hauptargument der französischen Wähler für einen Kandidaten erscheint dessen Auftreten als autoritäre Führungsperson. Den erfahrenen, aber allzu trockenen Juppé überholte Fillon nicht zuletzt dank seines dynamischeren Auftretens.

Bereits jetzt hat die Kandidatenkür gezeigt, dass die Mehrheit keinen Populisten à la Donald Trump nominieren will. Nicolas Sarkozys Kalkül war stets, wie Trump innerhalb einer bürgerlichen Volkspartei extreme Positionen zu vertreten und damit die Front National (FN) abzudrängen. Doch schon bei der Wahl 2012 ging es nicht auf – FN-Chefin Marine Le Pen schnitt stärker ab denn je.

Sarkozy machte ausländer- und muslimfeindliche Sprüche salonfähig, verlor aber die bürgerliche Mitte aus dem Blick. Diese holt sich nun die Zügel der Partei zurück. Denn mehr als echten Enthusiasmus für die Technokraten Fillon und Juppé signalisiert das Votum die heftige Ablehnung Sarkozys. Sein Abgang ist eine gute Nachricht für Frankreich.

Für die Front National trifft das weniger zu. Bisher äußerte sich Marine Le Pen bei Themen wie Terrorbekämpfung und Einwanderung vergleichsweise gemäßigt – wissend, dass die Wähler das Original (Le Pen) der Kopie (Sarkozy) vorziehen. Zwar könnten einige enttäuschte Sarkozy-Anhänger künftig Zuflucht bei Le Pen suchen. Doch dafür muss sie aus ihrer Reserve kommen – was ihr moderates Image ankratzen würde. Zugleich droht ihr in Fillon ein Gegner, der ihre Sympathie für Putin teilt und ebenfalls nicht die städtische Elite anspricht, sondern die wertkonservativ geprägte Provinz.

Auch die Sozialisten hätten im polarisierenden Sarkozy einen einfacheren Gegner gehabt. Mit seinem ruhig-souveränen Auftreten bietet Fillon wenig Angriffsfläche. Allerdings ermöglichen seine radikalen Reformvorschläge der Linken, soziale Akzente zu setzen. Ob der verhasste François Hollande damit noch aufholen kann, erscheint zwar fraglich. Doch wer setzte noch vor ein paar Wochen auf den Außenseiter Fillon? Auch Politik-Quereinsteiger Emmanuel Macron fühlt sich durch den Überraschungscoup motiviert, der freilich kein Signal der Erneuerung ist. Denn während Fillon und Juppé für die etablierten Machtzirkel stehen, wurde die jüngere Politiker-Generation gnadenlos ausgebremst.